dunkel und dräuend am Himmel . Mit einer kleinen Wolke in Schantung hatte es angefangen . Jetzt lag ihr Schatten schon weit über Petschili . Seit Monaten schon hatte man ab und zu in den Gesandtschaften Kunde erhalten von Ueberfällen auf einheimische Christen und Bedrohungen europäischer Missionare , die in Schantung stattgefunden haben sollten . Aber das gehörte ja so sehr zu den alltäglichen Aeußerungen der chinesischen Volksseele , daß man es stillschweigend hingenommen hatte , nur wünschend , daß die Ereignisse nicht einen Umfang annehmen möchten , der Einsprache oder Einschreiten unvermeidlich machte . Doch dies Hoffen hatte sich nicht erfüllt . Aergere Ausschreitungen waren gefolgt : große Plünderungen christlicher Dörfer , Metzeleien ihrer Bewohner , Vertreibung , ja sogar Verwundungen von Missionaren wurden gemeldet . Auf die nun nötig gewordenen milden Vorstellungen beim Tsungli-Yamen erfolgte die Antwort , diese von der chinesischen Regierung sehr bedauerten Vorkommnisse seien auf Räuberbanden zurückzuführen , die sich in letzterer Zeit durch das große Elend stark vermehrt hätten . Und dies klang glaubwürdig genug , denn nie noch waren die von Luft- und Wassergöttern geschaffenen Zustände dem Volkswohl so ungünstig gewesen ! Dürre in den einen Gebieten , Wolkenbrüche in den anderen hatten allerwärts die Ernten vernichtet . Der Gelbe Fluß war ausgetreten und hatte , alle Deiche durchbrechend , weite Ländereien überschwemmt . 160.000 Menschen sollten dort obdachlos sein . Die größte Hungersnot , die je erlebt worden , herrschte seitdem in ganzen Landesteilen . Da mochten leicht einmal von den in großen Banden nach Nahrung Suchenden Uebergriffe begangen werden . Mit diesen offiziellen Erklärungen beruhigte man sich . Aber nun kamen Nachrichten von den Missionaren im Innern , daß es sich bei den Ausschreitungen doch keineswegs bloß um gewöhnliches räuberisches Gesindel handle , das sich zufällig , von der Not getrieben , zusammengerottet habe , sondern daß , neben diesen , andere weit gefährlichere Scharen beständen , die wohlorganisiert seien und einen ausgesprochen fremdenfeindlichen Charakter trügen . Sie schienen alle zu einer geheimen Sekte zu gehören , die sich I ho Chüan nenne , allerhand seltsame Riten übe und die wunderliche Behauptung aufstelle , durch den Schutz übernatürlicher Mächte unverwundbar zu sein . Das Schlimmste aber sei , daß diejenigen Distriktsmagistrate , die diesen Geheimbündlern anfänglich energisch entgegengetreten seien , von den oberen lokalen Behörden dafür Verweise erhalten hätten ; seitdem ließen sie die Unruhestifter zum mindesten gewähren , wenn sie sie nicht gar begünstigten . Von Yü Hsien , dem Gouverneur Schantungs , sei allgemein bekannt , daß er die ganze Bewegung unterstütze . Das Tsungli-Yamen erwiderte auf Vorstellungen der Gesandten , Geheimgesellschaften seien bekanntlich in China seit altersher aufs strengste verboten - was eigentlich so viel bedeutete , als daß sie von altersher bestanden hatten - , wenn daher von organisierten Banden die Rede sei , so könne es sich nur um die autorisierten lokalen Dorfmilizen handeln , die eben jene Räuberbanden bekämpften . Was schließlich angebliche Ansprüche auf übernatürliche Kräfte beträfe , so seien das Kindereien , die von den Missionaren aufgebauscht würden . Das Verhalten der Beamten solle in den einzelnen Fällen untersucht werden . Wiederum beruhigte man sich , obschon die Meldungen über Ausdehnung der Bewegung mit beinahe langweilig werdender Monotonie einliefen . Aber Schantung schien weit . Außerdem wollte auch keiner der Gesandten als derjenige gelten , der als erster im Tsungli-Yamen mit scharfen Worten Vorstellungen gemacht . Jeder hegte die gleiche Scheu , die chinesische Regierung dadurch zu verstimmen und so ihre vielumworbenen Aufträge und sonstigen Begünstigungen einem schmiegsameren Rivalen zuzuwenden . Die emsigen Konzessionsjäger und Anleihevermittler boten ihrerseits allen Einfluß auf , um jedes energische Vorgehen zu hindern , denn bei dem für sie einzig maßgebenden Zweck , vorteilhafte Geschäfte rasch abzuschließen , bildeten wenigstens scheinbar ruhige Zustände ein Haupterfordernis . Ohne weiterzuschauen und stets nur von der Eifersucht auf den politischen oder kommerziellen Konkurrenten geleitet , bedachten sie alle nur immer die Erfordernisse der augenblicklichen Marktlage . Wenn Tschun solcherlei Erwägungen gelegentlich von den Herren der Gesandtschaft erörtern hörte , wollte es ihm jetzt , bei zunehmender Reife , bisweilen scheinen , als handle es sich für die Fremden in China vielleicht doch weniger um Kulturaufgaben als um Gelderwerb . Er erinnerte sich der Geschichte vom goldenen Kalbe in der Bibel . Das sollte ja damals zertrümmert worden sein . Aber vielleicht hatte die Taitai recht , als sie ihm im Tempel vor Tsä schens Bilde erzählte , es wären statt des einen goldenen Kalbes in den Ländern jenseits der Meere dem Gott des Reichtums zahllose Altäre errichtet worden . Inzwischen spielten sich in den Pekinger Kaiserpalästen Ereignisse ab , die von den europäischen Beobachtern kaum bemerkt wurden , den Landeskindern aber voll unheimlicher Bedeutung erschienen . Da nämlich der schattenhafte Kaiser Kwang Hsü schon über fünf Jahre verheiratet war , ohne daß ihm ein Erbe geboren worden , war es , altem Brauch gemäß , an der Zeit , nach einem präsumtiven Erben Umschau zu halten und zu seiner Ernennung zu schreiten . Tzü Hsis Wahl fiel auf den vierzehnjährigen Sohn des Prinzen Tuan , und sie proklamierte ihn zum Ta a ko , obschon der mächtige südliche Vizekönig Liu ku nyi , der auch zur Zeit des Staatsstreichs zugunsten Kwang Hsüs seine Stimme erhoben hatte , vor der Wahl gerade dieses Prinzen mit Entschiedenheit warnte . Die eventuelle Thronfolge erschien den Fremden als eine interne Angelegenheit der Dynastie , die kein sonderliches Interesse verdiene , um so mehr , als der Kaiser ja noch jung war . Auch kannte niemand unter den Ausländern den so plötzlich erhöhten jugendlichen Prinzen noch seinen Vater . Man wußte nur , daß dieser vor einem Menschenalter bei Hof in Ungnade gefallen sei und seitdem fast ausschließlich in der Mandschurei gelebt habe . Warum Tzü Hsi gerade diese Familie für die Eventualität der Thronfolge ausersehen hatte , war mal wieder eines der vielen chinesischen Rätsel , doch was lag schließlich daran ! Aber der Vetter Sin schen hörte im Hause Li lien yings , daß