zehn Uhr , noch eine halbe Stunde , sie kannte jede kleine Station , ihr war , als ob ein innerer Krampf sich löste und die Wirklichkeit wieder zurückkam in langsamen Wellen . Der Zug fuhr in die Halle - er war fast leer , nur wenige Menschen stiegen aus . Ellen sah ihren jüngsten Bruder auf dem Perron stehen neben Annita Allersen - die beiden wußten , daß sie kam . Dann kam jemand auf sie zu , ein breitschulteriger Mann mit dunklem Bart. Es war ein Freund ihrer Eltern - Pastor Bern - den sie früher immer den Hauskaplan genannt hatten . Er vertrat Detlev den Weg mit einer abwehrenden Handbewegung : » Hier habe ich das erste Wort zu reden , lassen Sie mich mit Ihrer Schwester allein . « Ellen war ganz verwirrt . » Wie geht es Papa ? « fragte sie rasch . » Ihr Vater lebt noch , aber es ist keine Hoffnung mehr - und ich bin hier , um Sie zu fragen , weshalb Sie gekommen sind ? « » Weil ich meinen Vater noch einmal sehen will . « » Ich komme im Auftrag Ihrer Familie , die Ihnen sagen läßt , daß Sie hier nichts mehr zu suchen haben . « Ellen faßte sich mühsam : » Dann will ich zu meiner Mutter gehen und mit ihr sprechen . « » Das werden Sie nicht tun - Ihre Mutter will Sie nicht sehen . Sie haben genug Schmerz und Schande über Ihre Eltern gebracht , treiben Sie es nicht noch weiter . Oder wollen Sie auch noch das Totenbett Ihres Vaters und den Schmerz der andern entweihen ? « » Weiß er , daß ich hier bin ? « » Nein , und er wird es auch nicht erfahren . Man ist ängstlich bemüht , ihm jede Aufregung fern zu halten , und verlangt deshalb von Ihnen , daß Sie gleich wieder abreisen . Es geht heute noch ein Nachtzug nach Hamburg . « » Nein , ich bleibe hier , solange mein Vater noch lebt , und wenn er mich rufen läßt - « » Ich wiederhole Ihnen , Sie dürfen das Haus Ihrer Mutter nicht betreten . « Der Geistliche erhob mahnend die Hand . » Und ich will Ihnen nur noch das eine sagen : Sie werden Ihren Vater nicht mehr sehen - und wenn ich mich selbst vor die Tür stellen müßte . « Ellen wandte ihm den Rücken und ging auf die beiden zu , die langsam auf und ab wanderten ; dann nahm Annita Allersen sie mit in ihr Haus . Die ersten Tage kam Detlev und brachte ihr Nachricht ; der Vater lag im Krankenhaus , und sie waren alle von Morgen bis Abend dort . Dann blieb er aus . Als er bis Nachmittag nicht gekommen war , suchte Ellen den Arzt auf , der ihren Vater behandelte und den sie von früher her kannte . » Sie sollten doch mit Ihrer Mutter sprechen « , sagte dieser . » Es ist wohl kaum zu hoffen , daß er den Abend überlebt . « Ellen ging durch die ganze Stadt und weit hinaus bis in den Wald , da lag sie eine Stunde nach der andern im Gras . - Nun würde er sterben und sie ihn nie wiedersehen , und was mochte er gelitten haben um sie ! Ihr ganzes Zuhauseleben zog wieder an ihr vorüber - was war es anderes gewesen , als Feindseligkeit und Erbitterung . Man war hart verfahren mit ihrer Jugend , die nach Freude und Sonne verlangte . Aber sie wußte doch auch , daß ihr Vater viel Liebe und Weichheit in sich trug , bei aller Schroffheit gegen das , was er nicht anerkennen und nicht dulden wollte . Eine namenlose Sehnsucht erwachte in ihr nach all der Liebe , die sie einander nie gegeben hatten . Hätte sie ihm das nur einmal noch sagen dürfen , aber er wußte nicht , daß sie hier war . Und sie dachte an ihre Mutter - war sie jemals eine Mutter gewesen , diese kalte , fremde Frau , die ihr sagen ließ : geh , woher du gekommen bist ? Als Ellen gegen Abend wieder zurückkam , wartete ihr älterer Bruder auf sie : der Vater war gestorben , und nun durfte sie kommen , um ihn noch einmal zu sehen . Wortlos gingen sie nebeneinander her bis zu dem großen , fahlgelben Gebäude und die stille Treppe hinauf . Erik ließ sie allein im Zimmer - da drüben auf dem weißen Bett lag er kalt und starr - eingefallen und verändert - . Das war nicht mehr ihr Vater , es war etwas Furchtbares , Unheimliches , das ihr einen eisigen Schauer nach dem andern durch die Seele trieb . Sie kniete vor ihm nieder , versuchte ihn anzusehen , etwas von ihm wiederzufinden - immer wieder stieg das eine Bild vor ihr auf , wie sie ihm zum letztenmal gegenübergestanden hatte im Kampf um ihre Jugend und ihre Freiheit . Jetzt hatte sie gesiegt , und er lag tot . - Allmählich kam ein hilfloser Schmerz über sie , sie legte den Kopf auf sein Bett und weinte . Dann stand der Bruder plötzlich hinter ihr , und der Geistliche war auch wieder da und redete mit schriller Stimme von Vergebung und von dem Herzen , das da ausgeschlagen hatte . Erik zog sie aus dem Zimmer hinaus und begleitete sie durch die stillen dunklen Straßen zurück . Am nächsten Abend stand Ellen zu später Stunde vor dem Gartengitter ihres Elternhauses , es hatte sie hergetrieben , ob sie wollte oder nicht , noch einmal Abschied zu nehmen von den letzten Heimatgedanken . Durch die offenen Fenster , vor denen leichte , weiße Vorhänge hin und her wehten , sah sie alle bei der Lampe sitzen und hörte die Stimmen . » Wenn Sie umkehren in aufrichtiger Reue , sich willig in alles