ihrem Sohn einen dankbaren Blick zu . Jetzt wurde neuer Besuch gemeldet . Es war Graf Kolnos . Nachdem er alle begrüßt und sich gesetzt : » Ich bin gekommen , um - nein , noch nicht , um Abschied zu nehmen , aber um mein baldiges Verschwinden anzukündigen . Mich packt wieder einmal meine Reisewut . « » O weh , « rief Martha , » da bleiben Sie uns wieder auf ein , zwei Jahre verschollen - Sie sind ein so unmäßiger Reisender - und ich entbehre Sie schwer so lange ... Wohin diesmal ? « » Diesmal nach Indien - dort war ich noch nicht . Vielleicht auch einen Abstecher nach Japan . « Sylvia lachte . » Abstecher ist gut . « » Willst Du mitkommen ? « wandte er sich an Rudolf . Dieser schüttelte den Kopf . » Doch warum frage ich ? Wenn man Weib und Kind hat und Mutter und Schwester , so hat man nicht diese exotischen Gelüste , nicht die Fernensehnsucht , die mich Einsamen alle paar Jahre packt , sogar noch jetzt in meinen alten Tagen . Wenn ich so recht müde geworden bin von dem hiesigen Einerlei , von dem Tritsch-Tratsch der Gesellschaft und dem Quitsch-Quatsch der Politik , da muß ich mich erfrischen in ganz fremder Landschaft , unter Menschen , die nichts von uns wissen , wie ich nichts von ihnen weiß . Da lese ich keine europäische Zeitung , da gebe ich niemand meine Adresse , damit man mir von zu Hause ja nicht schreiben könne , was es Neues gibt . « Kolnos blieb nur kurz . Er versprach , am selben Abend zu Martha in Tete-a-tete speisen zu kommen . » Ich muß Sie vor Ihrer Europaflucht noch tüchtig genießen , « hatte sie ihm gesagt . » Sie gehören zu den wenigen Menschen , deren Existenz mir eine Wohltat ist - Ihnen kann ich immer alles sagen , was ich auf der Seele habe . « Kaum war Kolnos gegangen , als wieder neuer Besuch eintrat - ein Besuch , der gleich fünf Mann hoch war : Exzellenz Gräfin Ranegg mit vier Töchtern . Diese Gelegenheit benützte Bresser , um sich neuerdings zu empfehlen , und Martha hielt ihn nicht mehr zurück Raneggs gehörten zu den nächsten Gutsnachvaren von Brunnhof und die Familien verkehrten sehr lebhaft miteinander . Zur Zeit , als Sylvia ihre Hochzeit feierte , war Gräfin Ranegg mit ihren Töchtern auf einer Italienreise begriffen gewesen , sonst hätten die vier schönen Schwestern sicherlich als Brautjungfern fungiert . Diese Mädchen nebeneinander zu sehen , war wirklich ein ästhetischer Genuß . Alle vier von hohem , schlankem Wuchs , von vornehmer und dabei natürlichster Anmut im ganzen Wesen . Die älteste , Cajetane , dreiundzwanzigjährig , hatte feingeschnittene regelmäßige Züge , dunkles Haar und schwarze Augen ; die zweite , Christine , um drei Jahre jünger , war kastanienbraun mit lebhaft-schalkhafter Kaprizenphysiognomie , und die beiden jüngsten , die achtzehnjährigen Zwillinge Ella und Bella , einander zum Verwechseln ähnlich - waren hellblond mit sanften Blauaugen und Madonnengesichtchen . Die Zwillinge waren immer gleich gekleidet , die zwei älteren verschiedenartig , alle vier mit höchster Einfachheit . Das in hohem gesellschaftlichem Ansehen stehende Paar Ranegg - er bekleidete eine der ersten Hofchargen , sie war eine geborene Fürstin - besaß außer diesen reizenden Töchtern noch zwei wohlgeratene Söhne , beide im Militärdienst . Der ältere , noch nicht ganz dreißig und schon Ulanenrittmeister , der andere , im vergangenen Sommer ausgemustert , Leutnant bei den Dragonern . In Wien sahen sich die beiden Frauen - Martha und Gräfin Ranegg - eigentlich nur selten , denn während die erste sehr zurückgezogen lebte , machte die andere ihren Töchtern zuliebe alle Unterhaltungen der großen Welt mit : Hof- und Kammerbälle , adelige Picknicks , erzherzogliche und aristokratische » on dansera « , Amateurtheater und Wohltätigkeitsbazare ... desto öfter sah man sich auf dem Lande . Für Martha war es immer eine Herzensfreude , mit dieser Familie zusammenzukommen , besonders in deren eignem Heim . Das Leben dort bot nach jeder Richtung das Muster glücklichen und harmonischen Menschenloses . Genügender Reichtum , glänzende soziale Stellung , gegenseitige Anhänglichkeit , ein heiteres Dahinfließen der Tage in regelmäßigen Beschäftigungen : musizieren , lesen , sticken , malen , reiten , gemeinsame Spaziergänge und Spiele . Die Mädchen , so jung sie waren , zogen dieses Landleben dem Wiener Aufenthalt vor . Das Mitmachen der Wintervergnügungen war für die Schwestern Ranegg mehr die Erfüllung einer Standespflicht , als wirkliches Vergnügen . Im Mai , wenn die weltliche Nachsaison ihre höchsten Wogen schlug , waren sie schon immer voll Ungeduld , Wien zu verlassen , um in ihr geliebtes Raneggsburg zurückzukehren , das sie im Schmuck des Flieders und der blühenden Kastanien besonders anzog . Und wenn es Winter wurde , schoben sie die Übersiedlung nach Wien so weit als möglich hinaus . Sie liebten es , auf dem zugefrorenen Schloßteich Eis zu laufen und die langen Abende um den Familientisch zu verplaudern , jede mit einer Handarbeit beschäftigt . Vor Weihnachten wollten sie um keinen Preis fort , das Fest mußte in Raneggsburg gefeiert werden , mit dem großen Christbaum im Billardsaal , mit Bescherung für die Dorfkinder und Beschenkung aller Dorfarmen mit selbstgestrickten warmen Unterkleidern und Tüchern . Martha unterhielt sich sehr gern mit Gräfin Ranegg , deren Altersgenossin sie war . Zwar hatten sich die beiden in ihrer Jugend nur sehr flüchtig , beinahe gar nicht gekannt - erst durch die Nachbarschaft zwischen Brunnhof und Raneggsburg waren sie einander seit einigen Jahren so nahe gekommen - , dennoch sprachen sie mit Vorliebe von alten Zeiten miteinander , von den Begebnissen , Sitten und Anschauungen , die in der Welt herrschten , als sie jung waren . Gräfin Ranegg war in ihren Gesinnungen viel konservativer als Martha , wenn gleich sie viel liberaler dachte , als die Mehrzahl ihrer beiderseitigen Standesgenossinnen . Auf halbem Wege kamen sie