und Lotte seit Weihnachten so verträumt war , dass sie Lenas Kommen und Gehen kaum mehr beobachtet hatte . Sie speisten schlecht und recht , aber ganz heiter bei offenen Fenstern , und da das von Lena angekündigte Frühlingsgewitter noch keine Anstalten machte heraufzukommen , machten sie nachmittags einen Spaziergang miteinander . Abends setzte Lotte das Abendbrot um eine Stunde früher als sonst auf , zum grossen Unbehagen Lenas , denn nun musste sie endlich sprechen , besonders da Lotte , wie sie ihr sagte , gleich nach dem Abendessen noch einen Gang vorhatte . - Heut , wo die Schwestern so vertraut mit einander waren , wie seit lange nicht , würde Lotte , wenn Lena danach gefragt hätte , ihr sicherlich die beabsichtigte Zusammenkunft mit Gerhart Schmittlein nicht verheimlicht haben . Aber Lena fragte nicht , sondern druckste , während sie widerwillig an ihrem Wurstbrot herumkaute , daran herum , wie sie Lotte die peinliche Angelegenheit am schnellsten beibringen könne . Lotte gab endlich ganz arglos selbst die Handhabe dazu , indem sie sagte : » Wann hast Du morgen Dienst , Lena ? Doch wahrscheinlich sehr früh nach diesen zwei freien Tagen ? « Jetzt oder nie , dachte Lena und platzte mit einem : » Gar nicht - ich bin entlassen « heraus . Lotte starrte sie erst mit grossen Augen , die vor zorniger Erregung ganz dunkel waren , an . Dann brach sie wie gefällt zusammen , und laut schluchzend fiel sie mit dem Kopf vornüber auf den Tisch . Lena sprang hinzu , aber Lotte wehrte sie heftig ab . » Lass , lass , nun ist alles aus - das ist das Letzte « , wimmerte sie . Und einen solchen Zorn hatte das sanfte , zärtliche Geschöpf in diesem Augenblick auf die Schwester , die ihr so kaltblütig den Verlust der letzten wirtschaftlichen Grundlage ankündigte , dass sie so , wie sie da war , aus dem Zimmer hinaus und über den Hof ins Freie lief , um sich zu dem einzigen Halt , den sie nun noch besass , zu Gerhart Schmittlein zu flüchten . Als sie auf die Strasse kam , fielen die ersten Regentropfen auf ihr wirres Haar . Ein schwüler , schwerer Wind schlug ihr in das heisse Gesicht , und von fern her grollte der erste Donner . Lotte lief mehr , als sie ging an den wenigen Häusern vorüber bis zur der kleinen Leihbibliothek . Dichter fiel der Regen , und die leichte weisse Hausblouse , die sie trug , war schon fast völlig durchnässt , als sie die niedere Ladenthür aufstiess , dass die Glocke laut und schrill anschlug . In demselben Augenblick zuckte der erste fahlblaue Blitz durch das offene Fenster . Gerhart war allein im Laden , als Lotte so plötzlich eintrat . Die Hand über die Augen gelegt , hatte er in Gedanken verloren dagesessen . Jetzt sprang er auf und streckte ihr die Hände über den Ladentisch entgegen . Auf den ersten Blick sah er , dass irgend etwas Besonderes mit ihr vorgegangen sein müsse . » Geh hinein Lotte , die Lampe brennt schon . Ich lasse den Laden sofort schliessen . Minna mag das besorgen . « In wenigen Minuten war er bei ihr . Sie sass zusammengekauert in dem hochbeinigen Lehnstuhl der Tante und hielt das Gesicht in den Händen vergraben . Er kniete neben ihr nieder wie das letzte Mal , als sie am Tage der Abreise von Frau Wohlgebrecht bei ihm gewesen war , und ihre Hände küssend , die ihr eiskalt im Schoss lagen , bat er zärtlich : » Lotte , liebes Kleines , was ist denn geschehen ? « Stockend und schluchzend erzählte sie ihm alles . Sie hatte kein Geheimnis mehr vor ihm . Dass Lena ihre Stellung verloren , dass sie nun nicht wüsste , wovon sie leben sollten , und zuletzt leise , sich über ihn beugend , flüsterte sie ihm ins Ohr , was sie sich bisher selbst nicht eingestanden , die dunkle Angst um Lena und Bornstein . Er tröstete sie so gut er konnte . Er strich ihr das feuchte wirre Haar aus der Stirn und küsste sie , sich übermächtig beherrschend , sanft auf den Mund . » Lass nur , mein Kleines , ich arbeite schon für Dich mit - wenn Du nur manchmal bei mir bist . « » Und Lena ? « » Lass doch Lena , die ist aus anderem Holz geschnitzt , die wird schon durchs Leben kommen . Die klammert sich an ihr Recht auf Glück . Glaube mir , die ist nicht so zaghaft wie Du . « Lotte war aufgesprungen und ans Fenster getreten . Erst ein plötzlicher greller Blitzstrahl und gleich darauf ein heftiger Donnerschlag scheuchten sie zu Gerhart zurück . Er stand mitten im Zimmer und sah mit einem ihr rätselhaften Ausdruck zu ihr hin . O , mein Gott , wenn sie ihn doch nur ganz verstanden hätte ! Wenn sie ihm hätte ganz vertrauen können , ihm , dem einzigen , der sie wirklich lieb hatte auf der Welt , das letzte Herz , das sie besass ! Warum hatte sie niemand , der ihr sagte , was Recht und Unrecht war in dieser Wirrnis ahnungsschwerer Gedanken und Gefühle ? Wenn die Mutter gelebt hätte , dass sie sie hätte fragen können : » Darf ich ihn lieben , wie er geliebt sein will , darf ich ihm vertrauen ? « Aber die Mutter gab keine Antwort mehr auf ihre verzweifelten Fragen , sie war verstummt auf ewig . Niemand konnte ihr raten als ihr eigenes Herz , und das schlug ihm in brennender Zärtlichkeit entgegen . Er sah es ihr an , was in ihr vorging , aber er rührte sich nicht . Mit heissen , hungrigen Augen folgte er jeder ihrer Bewegungen . Erst als sie nun einen Schritt auf ihn zu machte , öffnete er weit und sehnsüchtig die Arme