Karawane zum Opfer gefallen ist . Welches Entzücken dann der Anblick einer wirklichen , nicht vorgespiegelten Oase hervorbringt , das zu beschreiben , fehlen die Worte ! Und genau so , wie die Wüste ist , ist auch ihr Bewohner . In seinem Innern wohnt dieselbe Glut , unter welcher die Gebilde seiner Seele zu seltsamen , oft ungeheuerlichen , oft zauberischen , zuweilen auch wohl anmutigen Formen erstarren . Hilflos , hungrig und dürstend wie das steile Warr und der brennende Sand breitet sich sein Leben vom ersten bis zum letzten Tage dem Himmel entgegen , stets der Barmherzigkeit Allahs gewärtig . Daher seine tiefe Religiosität , deren äußerer Eindruck aber an tote , ermüdende Formeln gebunden ist . Die unerbittliche Strenge der Wüste macht ihn äußerlich ernst und innerlich hart ; wie sie grausam ist gegen ihn , so ist auch er rücksichtslos gegen andere , ihm nicht nahestehende Wesen . Genau so unbeugsam , wie ihre Gesetze sind , besteht auch er auf der Unfehlbarkeit seiner Meinungen und auf der Ueberlegenheit seines Willens . Ihre Temperaturunterschiede sprechen sich in seinen Regungen aus ; was ihn am Tage begeisterte , kann er am Abende schon kalt und verächtlich von sich werfen . Das Weib , welches er jetzt glühend liebt , kann er schon nach einigen Stunden durch die gesetzlich giltige Formel » Du bist geschieden « von sich jagen . Liebe , besonders Nächstenliebe , die zweite große Forderung der Christuslehre , kennt er überhaupt nicht , wie ja auch die Wüste nichts weniger als liebreich gegen ihn ist . Wie sie nichts giebt , sondern nur Opfer fordert , so ist auch er nur Egoist und will sogar den Himmel für sich allein haben . Hat sie den ganzen Tag gedürstet , so saugt sie den Tau der Nacht bis auf den letzten Tropfen auf ; in derselben Weise unterwirft auch er sich geduldig allen Entbehrungen , um sich dann dem Genusse ohne Maß und Selbstbeherrschung zu ergeben . Da sein ganzes inneres Leben ein , nur von einigen Brunnen unterbrochenes , Wandern durch die Oede ist , schmückt er sich das Jenseits in den glühendsten Farben als paradiesische Oase aus , wo er ununterbrochen in Freuden schwelgt , von denen ihm das irdische Leben nur zuweilen einen leisen , kurzen Vorgeschmack bietet . Wie seine Leiden und Entbehrungen materielle sind , so sind auch die Ziele seiner Wünsche und Bestrebungen meist materieller Art ; der Wüstensohn hat kein Gemüt ; darum kann er sich weder ein irdisches Glück noch seine einstige Seligkeit rein herzlich denken . Der Boden seiner Seele gleicht der Felsen- , der Trümmer-undd der Tiefsandwüste . Seltsam , verworren , abenteuerlich steigt es , oft mit elementarer Gewalt , von da unten auf ; der heiße Smum77 fegt darüber hin und wirbelt tödliche , wie von höllischem Feuer gefärbte Sandwolken vor sich her . Aber wie die Wüste ist auch diese Seele nicht ohne Tau , und wie sich unter der Wüstendecke genug befruchtendes Wasser befindet , nach welchem man nur zu bohren braucht , um es klar und hell hervorsprudeln zu sehen , so sind auch ihr die geistigen Vorbedingungen der wirtschaftlichen , ethischen und religiösen Gesittung nicht versagt . Wo aber sind die rechten Pioniere , welche den wirklichen , echten , selbstlosen Beruf in sich tragen , nach diesem Wasser zu bohren ? Wer hier durch artesische Brunnen helfen will , der darf dies nicht von der Berechnung abhängig machen , zu welchem Prozentsatze sich das dabei angelegte Kapital verzinsen wird , auch muß er zunächst auf diejenige religiöse Aggressivität verzichten , welche dort den sofortigen , fanatischesten Widerstand hervorrufen und alles verderben , wenigstens das Gelingen auf unabsehbare Zeit hinausschieben würde . Es giebt Kapitalanlagen , welche der Herrgott in sein Buch einträgt , um erst am großen Tage der Abrechnung Soll und Haben zu vergleichen , und derjenige Mann oder dasjenige Volk ist der beste Missionar , welcher den Andersgläubigen mehr durch sein Leben als durch seine Lehren zu überzeugen sucht . Ein Gott wohlgefälliges und den Mitmenschen nützliches Leben ist die einzig richtige Vorbereitung des Bodens zu der Saat , die dann allerdings durch die Predigt in Worten zu geschehen hat . Komm mit mir im Geiste in die Wüste , lieber Leser ! Du hast gelernt , die Bedürfnisse deines Körpers auf das allergeringste Maß herabzumindern . Der Hunger ficht dich nicht mehr an , und auch den Durst hast du bis zum gebotenen Grade zu beherrschen gelernt . Du bist auf Fasten gestellt und wirst nun die Erfahrung machen , daß jetzt die Thätigkeit des Geistes diejenige des Körpers überragt . Das ist der Grund , weshalb selbst bei halb oder gar nicht civilisierten Völkern vor wichtigen Wendepunkten im Leben des Einzelnen oder auch der Gesamtheit ein Fasten vorgeschrieben ist . Sogar der Indianer fastet längere Zeit vor der Ceremonie des Namengebens oder vor der Wahl der Medizin . Es ist , als ob die Seele freier geworden und in ihren Funktionen weniger gehemmt sei als vorher . Deine geistigen Sinne scheinen doppelte Schärfe und deine Gedanken Flügel bekommen zu haben . Du lebst mehr innerlich als äußerlich . Du hast dich an den schaukelnden Gang des Kameles gewöhnt ; er stört dich nicht mehr . Im hohen Sattel des Hedschihn sitzend , achtest du nicht auf die Bewegungen des Tieres , dessen weiche , elastische Schritte nicht bis zu dir heraufwirken . Reitest du durch die Hochfelsenwüste oder durch das Warr , so fühlst du dich als körperliches Individuum so klein , so nichtig , so verlassen in diesem überwältigenden Stein- und Trümmermeere ; reitest du über den glatten Sandozean , so siehst du ihn nicht hinter dir verschwinden , während er sich aber vor dir immer weiter und weiter ausbreitet . Es giebt keinen Anfang und kein Ende , keine Grenze hier , denn der Horizont ist zur Vermählung des Himmels mit der Erde geworden , die zwischen beiden keine Linie mehr