haben , wenigstens aller zwei Wochen einmal mit dem Elan unsrer Cénacleherzen überspringen und einander in die Arme eilen ! Eine Jammerlende , die diesen Sprung nicht wagt , eine Groschenseele , die sich vor dem Comment mehr fürchtet als ehemals vor dem Konrektor , ein Castrat des Herzens , wer nicht wenigstens aller zwei Wochen einmal singen will : Der Freiheit Tabernakel , Ja -nakel ! Der Freude Heiligenschrein Ist einzig das Cénacle Und wird es ewig sein . Landerirette ! Man trifft mich Sonntag Abend in meiner Wohnung die den Kopf dieses Briefes ziert . Schaunard . Zweites Kapitel Stilpe hatte sich nicht getäuscht : Die Gründung des » Geheim-Cénacles « , so sehr sie gegen den Verbindungscomment der Einzelnen war , geschah , und die vier Cénacliers , die sich , wenn sie ihre Mützen aufhatten , nicht einmal grüßen durften , fanden sich zweimal des Monats an Sonntagen zu Vergnügungen zusammen , die jedem viel lieber waren , als die Pflichten ihrer Verbindung . Zwar , keiner gestand das zu , denn jeder bemühte sich aufs höchste , den Anschein zu erwecken , als fühle er sich unter seiner bunten Mütze über die Maaßen wohl . In Wahrheit fühlten sich Alle sehr elend darunter , bis auf Stilpe , der auch in diesem Verhältnisse mit Hingabe aufging . Er war fast nie nüchtern und wurde von seinen Verbindungsbrüdern sehr bald als eine phänomenale Kraft sowohl auf der Kneipe wie auf dem Fechtboden erkannt . Seine Zügellosigkeit , die ihn in einer Korporation von festerem Gefüge unmöglich gemacht hätte , war ihm hier , wo er sehr bald anfing , die Rolle des Überlegenen zu spielen , nur wenig hinderlich . Schon im zweiten Semester hatte er » seine Leute « ungefähr auf seinen Ton gestimmt . Er pflegte zu den Cénacliers zu sagen : Die Bären tanzen schon ganz wacker die schwierigsten Sachen ; nächstens werde ich ihnen das Dichten beibringen . Aber er dachte selber nur wenig ans Dichten . Nur » was er so für die Liebe und das Cénacle brauchte « , sonst : Wie kann ich singen , da ich sausen muß ? Die heikle Muse meidet meinen Kuß , Pfui , sagt sie , pfui , Du stinkst nach Spiritus ! Das war Selbsterkenntnis , aber keineswegs Selbstanklage . Im Gegenteil , er that sich innerlich sehr viel darauf zu gute , daß er » in den Wolken des Alkohols taumelte wie nur ein Erkorener der neun Grundräusche taumeln kann « . Die neun Grundräusche waren 1 ) das braune Bier , 2 ) die blonden Mädchen , 3 ) der rote Wein , 4 ) die braunen Mädchen , 5 ) der weiße Wein , 6 ) die schwarzen Mädchen , 7 ) die Schnäpse jeglicher Observanz , 8 ) die edle Kunst rasender Reime , 9 ) die große Ewigkeit gewaltigen Ruhmes . Er pflegte zu sagen : - Hütet euch vor Dichtern , die nicht saufen ! Sie bedeuten für die Litteratur dasselbe , was die alten Jungfern für die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes bedeuten . Sie sind ein Greuel und eine große Gefahr . Wehe , wenn sie die Welt mit ihrem Laster strohtrockener Verse anstecken . Dann ist das Ende nahe herbeigekommen . Selbst Schiller trank Likör , aber , wenn er nicht trank , schrieb er diese bedenklichen Sachen , an denen heute noch sämmtliche Gymnasiallehrer leiden . Shakespeare dagegen soff wie ein Loch . Wie ? Ihr fragt nach den Belegen ? Ja , wenn ihrs nicht fühlt ! Ich mache mich anheischig , bei jedem seiner Stücke zu sagen , was er damals gerade getrunken hat . Im Hamlet steckt viel Porter . Daher diese etwas schwermütige , aber immerhin sublim betrunkene Grundstimmung . Voll Whisky-Brandy ist Othello , doch mit einem Schuß Sherry . Ale , Ale und abermals Ale ist King Lear . Es ist das hohe Lied des Ales . Immer , wenn ichs gelesen habe , muß ich zum alten Krause gehen , der dieses blondeste aller Biere am besten schänkt . Ein paar Sommersprossen Porter auf diesen weißen Teint gespritzt , und man versteht die Lieder des Narren und weint in großer Seligkeit . Auch Knickebein hat Shakespeare getrunken , und zwar viel . Seine Komödien sind der Beweis dafür . Wie vermählt sich da überall das Ei dem seimigen Liköre ! Und da hat irgend so ein Fünfgroschenphantast behauptet , Andreas Hofer haben den Knickebein erfunden . Wie kümmerlich ! Schon die alten Juden kannten ihn . Das Prinzip der Parallelität der Verse in den Psalmen ist geradezu ein Symbol des Knickebeins ... Die ganze Litteraturgeschichte , wohl gemerkt , so weit es sich um Verse handelt , ist nichts als eine große Tafel der Getränke . Ich werde meine Doktordissertation über dieses Thema schreiben . In diesem Stile sprach er überhaupt oft , und manche seiner Dikta gingen in den Schatz der geflügelten Worte der Studentenkneipen über . Auch war er der fruchtbarste Vermehrer jener ungeschriebenen Litteratur , die sich um die Figur der Wirtin an der Lahn gebildet hat . Er konnte sich stundenlang damit abgeben , aus einer Zote einen Reim oder aus einem Reim eine Zote zu locken . Herauskitzeln nannte er das . Zuweilen , aber keineswegs oft , kam ihm der Gedanke , daß er eigentlich etwas Besseres thun sollte . Dann gruppierte er seine Gedanken um die Worte » schaal und unerquicklich « und bewarf sich » mit den faulen Eiern des moralischen Katzenjammers « . Aber es war auch nur eine Art Stilübung . Einmal empfing er die Cénacliers in solcher Stimmung und hielt zehn Minuten einen Monolog in Jamben an Dieses Lotterfleisch voll Alkohol Und niederträchtiger Verse , die wie Schmeer Von trichinösen Schweinen blau geädert sind Und übel riechen wie die Pestilenz Des ganz bedreckten Rests des Wiedehopfs . Aber als er zu Ende war , ganz aufgeregt und wie es schien direkt vor einem stürzenden Thränenausbruch ,