an allen Ecken und Enden , wenn sie auch an ihm vorbeiging wie an einem Fremden und nicht grüßte noch dankte . Sie anzureden hatte er nicht mehr den Mut , aber er schlich ihr nach mit der zusammen-gekrampften Hand in der Tasche , und da er nun wußte , wo sie daheim war , so lief er die halben Nächte unter ihrem Fenster hin und her . Sie war wirklich ein ehrbares Weib geblieben , warum also wollte sie nicht mehr zu ihm zurückkommen ? Die ganze Gasse , in der sie wohnte , kannte ihn schon , die Leute wußten jetzt , daß jenes schöne , rothaarige Mädchen eigentlich eine Frau sei und der » einarmige Vagabund « , der immer da herumlungerte , ihr Mann , ein Nichtsnutz , den sie davongejagt hatte . Das erzählten sich die Mägde in den Kaufläden und die Leute , die an den Fenstern standen und ihn hin und her wandern sahen , wenn die Lene daheim war . Die Zeit , wo er sich darum gekümmert hatte , wie er selbst aussehe , war auch vorbei ; wenn ihn irgendeiner ansah , fiel es ihm ein , er dachte aber nur an die Lene und zupfte dann an seinen Kleidern und Haaren herum , wenn es auch nicht viel änderte . Er empfand einen Widerwillen gegen alle die wohlgekleideten feinen Herren , die zuweilen vorüberstrichen und manchmal der Lene in die Augen schauten . » Wär ich so ein Aff , wer weiß , ob sie nicht gut getan hätt ? « knirschte er und schloß die Faust ... Wäre es nicht ein Modeherr gewesen , der eines Abends an die Lene anrannte , nur um dann ein paar Worte zu sagen und neben ihr herzulaufen , so hätte sich der Leopold noch überwinden können , als er aber sah , daß der geschniegelte Bursche seinem Weibe ganz fremd war und ihr nur seine hergeputzte Figur aufdrängte , da wurde es ihm zuviel . Wie nun die Lene , ohne ein Wort mit dem Zudringlichen zu reden , durch ihr Haustor schritt , stürzte ihr Mann auf das Herrlein los , riß ihm das Stöckchen , mit dem er spielend herumfuchtelte , aus der Hand und trat es mitten entzwei , schlug ihm den Hut vom Kopfe , warf ihm die ärgsten Schimpfnamen zu und kümmerte sich nicht darum , daß allerorts die Fenster aufgerissen wurden und neugierige Gesichter den Betrunkenen , wie sie meinten , anstarrten . Am nächsten Morgen , als er wieder an der Ecke lehnte und auf sein Weib wartete , kam die Lene gerade auf ihn zu und fragte : » Kannst du ruhig mit mir reden ? « » Ich kann ... ich kann alles ... was du willst « , stotterte er . » Glaubst du mir , was ich dir sage ? « » Alles , alles glaub ich dir . « » So höre mich an . Ich will dich nicht mehr sehen , verstehst du mich ? Du bringst nur Schande über mich . « » Lene ! « » Wenn du mir noch ein einziges Mal in den Weg kommst , so schiebe ich dir einen Riegel vor . - Ich reise fort . « Jählings packte sie der Leopold am Arme , zog sie heran und fragte tonlos : » Fort ? ... Wohin ? ! « » Ich gehe nach Paris . Die Madame Margot hat mir schon neulich gesagt , ich soll mich nicht so martern lassen von dir . Sie wird mich in einem Salon dort empfehlen . « » Schlechtes Weib ! « fluchte der Leopold . » Schimpfe , wie du willst , die Leute wissen doch , was ich bin . « » Geh nicht fort « , flehte zitternd der Mann , » daß ich doch weiß , wo du bist , daß ich dich wenigstens manchmal sehen kann ... daß ich nicht ... « » Laß die Redereien . Bleib ruhig unten bei deinem Buben und bei - ihr . Ich mach dir keine Schand . - Mir brauchst du nicht nachzugehen und nachzufragen . Ich will nichts von dir als Ruhe . « » Ich habe dich ja nur fragen wollen , ob dir gar nichts mehr an unserm Polderl liegt ? ... Weib ! Ich bin ja ein lebendiger Mensch , ein Mann ! ... Ich hab mehr Geduld gehabt als zwanzig andere Männer , ich habe gelebt wie ein Pfaff , Lene , hab kein Frauenzimmer angeschaut und mir gedacht , ich will mein Weib nicht verunehren ... sie kommt ja wieder ! ... Alles muß ein Ende haben , so geht es nicht weiter mit uns . « » Du schreist schon wieder « , sagte sie ängstlich und schaute nach allen Seiten . » Ich hab ja ein End gemacht , und geht es so nicht , so gehe ich nach Paris . « » Ist das dein letztes Wort ? « bat der Mann . » Ja , mein allerletztes , bei der ewigen Ruhe von meinen alten Leuten , bei meiner eigenen Seel schwör ich dir , ich geh nimmer zu dir , ich will Ruhe haben . « Die Lene zitterte am ganzen Leibe , sie war bleich vor Erregung , und schwere Tropfen rannen über ihre Wangen . » Freilich , jetzt sehe ich , daß es dir ernst ist ... Du vergißt sogar , daß das Weinen Falten macht ... vergißt auf deine Schönheit sogar ... « , murmelte der Leopold und schaute sein Weib verwundert an . » Ich hab immer noch gemeint , es könnt einen Weg geben , der uns zusammenführt . Keinen mehr ! ... Sollst Ruh haben , ich geb dir mein Soldatenwort . « Stumm gingen die beiden noch eine Weile nebeneinanderher , mit einem Male aber schlang der Leopold seinen Arm um ihren Hals , küßte sie hastig auf die Wangen , die