sozialdemokratisch wählen sollen ! « schrieen einige . Es wurde Fanny wahrhaftig schwer , nicht knappweg » konservativ « zu antworten . Die unglückliche Gegenüberstellung » sozialdemokratisch « verursachte die Aufwallung . Für ihr Frauengefühl lag in dem Wort die Verdammung und Umstürzung von allem , was sittlich und ästhetisch ist , aber sie bezwang sich und sprach : » Seit wann sind Reichstagswahlen ein Weibergeschäft ? Ihr seid Männer und müßt wissen , was ihr wollt . Mein Amt als Gutsherrin und Kirchenpatronin habe ich allezeit erfüllt ... « » Hoch , Frau Förster ! « schrie die Menge . » Aber was darüber hinausgeht , « fuhr Fanny fort , nachdem sie die Unterbrechung , ohne eine Miene zu verziehen , angehört , » aber was darüber hinausgeht , ist vom Uebel . « » Sehr verständig , eine seltene Frau ! « sagte der Schulmeister zum Dorfschulzen . » Aber Sie können doch sagen , ob wir dem Grafen Schmettow-Brunshagen oder dem Schneider Mühling mehr vertrauen sollen ! « rief wieder eine Stimme . » Wenn ihr mich fragt , was die bessere Sache sei , kann ich nicht antworten , aber wenn ihr wissen wollt , wer der bessere Mann ist , dann will ich euch dies sagen : der Schneider Mühling lebt von den Sammlungen , die seine Gesinnungsgenossen unter sich veranstalten , also von der Arbeit anderer ; er zieht im Land umher , hält Reden , ißt und trinkt gut , sein Weib und seine Kinder leben in höchster Not in Berlin . Der Graf von Schmettow thut , wie ihr alle wohl vom Hörensagen lange wißt und ich euch bestätigen kann , für seine Brunshagener unendlich viel Gutes , er hält auf seine Kosten eine Schule und ein Krankenhaus , er ist ein milder und gerechter Herr gegen seine Leute . Nun urteilt selbst , wer der bessere Mann ist . « » Hoch , Graf Schmettow ! Hoch , Frau Förster ! « riefen die befriedigten Leute und schoben , sich wendend , dem Hofthor zu . Graf Taiß trat zu Fanny und küßte ihr die Hand . » Ich dankte im stillen dem Zufall , der es fügt , daß nicht unser Kandidat ein flotter Lebemann und der Schneider ein katonischer Mustermensch ist , sonst hätten wir riskirt , den Schneider gelobt zu hören , « sagte er lachend . Auch Fanny lachte , sie war mit sich zufrieden . Die Gesellschaft kehrte auf die Terrasse zurück , ein merkwürdiger Uebermut ward in allen wach . Fanny beorderte Sekt und sagte , daß man ihr Debüt als Rednerin feiern müsse . Joachim bedauerte , daß so wenig Damen zugegen seien , sonst müsse man einen Ball improvisiren . Aber die drei Anwesenden genügten , meinte Magnus . Fanny ließ die Lichter der Krone im Saal anzünden . Aber Lanzenau , der hätte spielen sollen , schien verstimmt und bestand darauf , mit Pastors und den Gästen zwei Whisttische zu arrangiren . Fanny war durchaus nicht aufgelegt . So setzten sich Lanzenau , Taiß und einer der Fremden zum Spiel mit dem Strohmann nieder , während das Ehepaar mit den anderen beiden Fremden den zweiten Tisch nahm . Joachim aber bat und schmeichelte wie ein verzogener Knabe , daß Fanny nur einen , einen Walzer für sie spielen möge . Adrienne hatte rote Backen und war sehr vergnügt ; als auch sie bat und hinzusetzte , daß sie fast noch nie getanzt , gab Fanny gutmütig nach , doch nicht ohne zu sagen , daß hier ja im September genug Gelegenheit sei . So saß denn Fanny am Flügel , der an der einen Schmalwand des langen Saales stand , und spielte den Fledermauswalzer . Sie saß im Profil dem Saal zugewendet , und obschon ihre Blicke auf den Tasten lagen , bemerkte sie doch die beiden vorbeidrehenden Paare . Was das für ein Zauber in so einem Straußschen Walzer ist , er weckt bacchantische Lust in denen , die seinem Rhythmus tanzend folgen , er umspinnt die Seelen derer , die ihn spielen und hören , zuweilen mit tiefster Melancholie . Fanny wurde seltsam zu Mut , ganz traurig und verlassen , sie , die eben als Mittelpunkt , als Herrin der ganzen Gegend auf eine Weise gefeiert worden war , wie in der Form wenigstens noch nie eine Frau , sie saß als gute alte Tante hier am Klavier , um den anderen ein Vergnügen zu vermitteln . Fanny war gekränkt , sie hätte weinen können , und noch seltsamer , ihr Verstand kontrollirte dieses unlogische Gefühl und schalt es dumm , unverständig ; niemand wollte sie kränken , am wenigsten die vier harmlos lustigen jungen Menschen und am allerwenigsten Joachim , das wußte sie ; vielleicht dachte er in seiner großen Verehrung überhaupt nicht daran , daß man auch mit Fanny tanzen könne , und sie - sie bekam eine unbändige , unüberwindliche Lust , nur einmal mit Joachim herumzuwalzen . Weshalb er überhaupt nicht sein Bedauern darüber ausdrückte , daß es unmöglich sei ? Und dabei spielte sie unaufhörlich die süßen , wiegenden Melodien , und dabei tanzte Joachim rastlos mit Severina . Schließlich waren beide Teile ermattet , die Spielerin und die Tänzer . Da ergriff Joachim ein gefülltes Spitzglas mit Champagner und rief , es erhebend : » Die gütigste und beste der Frauen , Fanny , die Einzige , soll leben ! « Er stieß in der Runde an , die Spieler gesellten sich lachend zur Gruppe . Fanny klang ihr Glas gegen das Joachims und sah ihm glücklich lächelnd in das offene , jetzt von Ausgelassenheit strahlende Gesicht , dann fand Joachim sich zu Severina , stieß mit ihr an , unbemerkt vertauschten sie die Gläser , und mit einem heißen Wechselblick trank jeder an der Stelle , die des andern Mund berührt . Siebentes Kapitel Der Monat September war auf Mittelbach unweigerlich dem Vergnügen gewidmet . Die Ernte auf allen großen Gütern