Nähere erfahren ? « » Nu , natürlich in ihrer Wohnung , wenn Sie sich die Mühe geben wollen und die Vergiftung nicht fürchten . Fünf Treppen hoch . Witwe Wermuth mit Kreide an die Tür , und der Wirt hat die fällige Miete drunter notiert ! « » Wen trifft man da oben ? « fragte die Mutter Cruse ; aber da trat die ganze Gruppe ein wenig zurück und blieb anfangs stumm , bis über die Schultern der Nächststehenden hinweg jemand , nicht ohne Heiterkeit in der Stimme , rief : » Wissen Sie was ? Rufen Sie mal an der Bodentreppe : Rotkäppchen ! Es wird ja denn vielleicht wohl wer Appell geben , der genauer Bescheid weiß als wie wir . Ein ganz nettes Mädchen ! Ja , rufen Sie nur : Fräulein ! Fräulein Rotkäppchen ! « » Was soll die Dummheit ? « rief die große Frau aus dem Knochen- , Lumpen- und Eisenkeller , mit allem Nachdruck in den Kreis vortretend , nach dem Ratgebenden hin , und der Pöbel wich zurück , wie überall da , wo sie den Fuß fest aufsetzte . » Ich wünsche zu wissen , wo ich die Kinder der Frau Wermuth finde . « Aber die Frau mit dem Kinde auf dem Arm , dem Kinde an der Schürze und der Range in der Gosse meinte : » Ach ja , tun Sie es doch nur ! Rufen Sie da oben nach dem Fräulein . Rufen Sie gütigst an der Bodentreppe den Namen Rotkäppchen . Sie heißt zwar so nicht , aber sie hört auf den Namen . Die Herren Professoren und die Herren von den Künsten haben ihn ihr beigelegt aus Spaß . Wir hier unten haben uns wirklich zu sehr vor der Sterblichkeit gefürchtet , was die Witwe Wermuth angeht . « » Kommen Sie , Uhusen « , stöhnte Wendeline Cruse . » Ich glaube , wir haben keine Zeit zu verlieren . Mir wird immer seltsamer zumute , und ich ahne , was es bedeutet , wenn sich der Mensch hier in dieser Stadtgegend vor seinesgleichen des Todes wegen zu fürchten anfängt . « Es war nun völlig Zwielicht geworden , aber noch hell genug , daß sie die Treppen in den untern Stockwerken des Hauses Nummer zehn ohne viel Gefahr für ihre gesunden Gliedmaßen überwanden . Erst in der Höhe wurde der Weg bedenklicher ; denn mit der Gebrechlichkeit und Steilheit der Treppen nahm die Dunkelheit zu , und sie fanden sich bald auf das vorsichtigste Tasten angewiesen . Ohne den guten Peter Uhusen wäre jetzt selbst die tapfere alte Dame beinahe und der Hofrat Brokenkorb ganz und gar verloren gewesen . Doch der Peter wußte nicht nur mit den gebrechlichen Leitern und der Dämmerung , sondern auch mit den Bewohnern des wimmelnden Gebäudes noch besser als die Mutter Cruse zurechtzukommen . Seine zerfetzte , ruinierte , schwarzgebrannte Visage , sein Haarwuchs und Bart , seine Lodenjoppe und sein Knittel von Travemünde imponierten letztern doch noch um ein weniges mehr als die Mutter Cruse . Sie gingen mit einem Gefolge , das größer wurde , je höher sie kletterten . Von allen Treppenabsätzen , aus allen Gängen drängte es sich hervor , ein schattenhaftes , unheimliches , murmelndes , kicherndes , zeterndes Gewimmel , und der Hofrat hätte wohl von neuem ängstlich » Virgil ! Virgil ! « rufen dürfen . Er hing körperlich und geistig zitternd dem heutigen » Meister und hohen Führer « am Arm und murmelte nur : » Ein Traum , ein Traum ! Ich träume das ! « Aber Peter Uhusens frohmutiger Baß blieb derselbe zu ebener Erde , im ersten Stock und unter dem Dache , bei Tage , in der Dämmerung und in der dunkelsten Nacht . Ein Mann mit so wohlwollend dröhnendem Organ verschafft sich überall nicht nur Durchgang , sondern auch Auskunft . Der gute Peter wußte sich auch hier auf jedem Treppenabsatz das Individuum herauszuholen , das er am besten auf seinem Wege gebrauchen konnte . Wie im Fluge machte er Bekanntschaft : Mann , Weib und Kind standen ihm Rede , und den braven Stab aus der Schwartauer Hecke durfte er ruhig unter dem Arm , an welchem ihm sein Freund Albin nicht hing , weitertragen . » Das ist der richtige Reservemann , und - wenn ihn - die alte Tante da in die Welt gesetzt hat , na , denn kann man sie beide gratulieren ! « sagte oder dachte die Einwohnerschaft des Hauses Numero zehn . - Höher , immer höher , bis es anscheinend nicht höher ging ! Seltsamerweise standen sie im fünften Stockwerk verhältnismäßig im Hellen . Ein ziemlich großes Dachfenster warf noch den letzten Tagesschein auf den Vorplatz ; - und dazu ein wunderliches Phänomen : sie fanden sich ohne alle Begleitung - sie fanden sich allein vor der Tür der Witwe Wermuth ! Selbst der Schmied von Jüterbog wendete sich verwundert zurück nach der Tiefe , aus der sie emporgestiegen waren . Er stieß die eiserne Zwinge seines Stockes in den morschen Boden und sah auf die Frau Wendeline und sagte grimmig : » Sie hatten recht , Mama ! Die ganz gewöhnliche feige Welt , in der wir Atem holen - so lange als möglich ! « Frau Wendeline machte nur ihre königlichste Handbewegung , antwortete aber weiter nicht , sondern schritt auf die nächste , weit offenstehende Tür zu , die Tür mit der Kreideinschrift des Hauswirts . Über den Rand des Treppenhauses hoben sich nur einige Kinderköpfe , aber verschwanden auch wieder . Sie duckten nieder auf den Anruf von ein paar kreischenden , ängstlichen Weiberstimmen . Die Witwe Wermuth war ausgezogen . Es war nichts mehr von ihr persönlich im Hause vorhanden als ihr Name und die Summierung ihrer letzten uneingelösten Schuldrechnung auf der Erde an der Tür ; aber das Haus fürchtete sich noch immer vor ihrem Gift und traute sich mit seinen Kindern nicht heran an den Strohsack