» Na , die Expedition ist gut « , lachte Herr Sesemann , » und wer ist denn der Herr ? « » Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte : Weil du doch ein Glas hast , so gib mir auch einmal zu trinken ; wem bringst du dein Glas Wasser ? Und ich sagte : Herrn Sesemann . Da lachte er sehr stark , und dann sagte er den Gruß und auch noch , Herr Sesemann solle sich ' s schmecken lassen . « » So , und wer läßt mir denn wohl den guten Wunsch sagen ? Wie sah der Herr denn weiter aus ? « fragte Herr Sesemann . » Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein goldenes Ding hängt daran mit einem großen roten Stein und auf seinem Stock ist ein Roßkopf . « » Das ist der Herr Doktor « - » Das ist mein alter Doktor « , sagten Klara und ihr Vater wie aus einem Munde , und Herr Sesemann lachte noch ein wenig in sich hinein im Gedanken an seinen Freund und dessen Betrachtungen über diese neue Weise , seinen Wasserbedarf sich zuführen zu lassen . Noch an demselben Abend erklärte Herr Sesemann , als er allein mit Fräulein Rottenmeier im Eßzimmer saß , um allerlei häusliche Angelegenheiten mit ihr zu besprechen , die Gespielin seiner Tochter werde im Hause bleiben ; er finde , das Kind sei in einem normalen Zustand und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und angenehmer , als jede andere . » Ich wünsche daher « , setzte Herr Sesemann sehr bestimmt hinzu , » daß dieses Kind jederzeit durchaus freundlich behandelt und seine Eigentümlichkeiten nicht als Vergehen betrachtet werden . Sollten Sie übrigens mit dem Kinde nicht allein fertig werden , Fräulein Rottenmeier , so ist ja eine gute Hilfe für Sie in Aussicht , da in nächster Zeit meine Mutter zu ihrem längeren Aufenthalt in mein Haus kommt , und meine Mutter wird mit jedem Menschen fertig , wie er sich auch anstelle , das wissen Sie ja wohl , Fräulein Rottenmeier ? « » Ja wohl , das weiß ich , Herr Sesemann « , entgegnete die Dame , aber nicht mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die angezeigte Hilfe . - Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zuhause , schon nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschäfte wieder nach Paris , und er tröstete sein Töchterchen , das mit der nahen Abreise nicht einverstanden war , mit der Aussicht auf die baldige Ankunft der Großmama , die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte . Kaum war auch Herr Sesemann abgereist , als schon der Brief anlangte , der die Abreise der Frau Sesemann aus Holstein , wo sie auf einem alten Gute wohnte , anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft auf den folgenden Tag meldete , damit der Wagen nach dem Bahnhof geschickt würde , um sie abzuholen . Klara war voller Freude über die Nachricht und erzählte noch an demselben Abend dem Heidi so viel und so lange von der Großmama , daß Heidi auch anfing , von der » Großmama « zu reden , worauf Fräulein Rottenmeier Heidi mit Mißbilligung anblickte , was aber das Kind auf nichts Besonderes bezog , denn es fühlte sich unter fortdauernder Mißbilligung der Dame . Als es sich dann später entfernte , um in sein Schlafzimmer zu gehen , berief Fräulein Rottenmeier es erst in das ihrige herein und erklärte ihm hier , es habe niemals den Namen » Großmama « anzuwenden , sondern wenn Frau Sesemann nun da sei , habe es sie stets » gnädige Frau « anzureden . » Verstehst du das ? « fragte die Dame , als Heidi sie etwas zweifelhaft ansah ; sie gab ihm aber einen so abschließenden Blick zurück , daß Heidi sich keine Erklärung mehr erbat , obschon es den Titel nicht verstanden hatte . Eine Großmama Am folgenden Abend waren große Erwartungen und lebhafte Vorbereitungen im Hause Sesemann sichtbar , man konnte deutlich bemerken , daß die erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause mitzusprechen hatte und daß jedermann großen Respekt vor ihr empfand . Tinette hatte ein ganz neues , weißes Deckelchen auf den Kopf gesetzt , und Sebastian raffte eine Menge von Schemeln zusammen und stellte sie an alle passenden Stellen hin , damit die Dame gleich einen Schemel unter den Füßen finde , wohin sie sich auch setzen möge . Fräulein Rottenmeier ging zur Musterung der Dinge sehr aufrecht durch die Zimmer , so wie um anzudeuten , daß , wenn auch eine zweite Herrschermacht herannahe , die ihrige dennoch nicht am Erlöschen sei . Jetzt rollte der Wagen vor das Haus , und Sebastian und Tinette stürzten die Treppe hinunter ; langsam und würdevoll folgte Fräulein Rottenmeier nach , denn sie wußte , daß auch sie zum Empfang der Frau Sesemann zu erscheinen hatte . Heidi war beordert worden , sich in sein Zimmer zurückzuziehen und da zu warten , bis es gerufen würde , denn die Großmutter würde zuerst bei Klara eintreten und diese wohl allein sehen wollen . Heidi setzte sich in einen Winkel und repetierte seine Anrede . Es währte gar nicht lange , so steckte die Tinette den Kopf ein klein wenig unter Heidis Zimmertür und sagte kurz angebunden wie immer : » Hinübergehen ins Studierzimmer ! « Heidi hatte Fräulein Rottenmeier nicht fragen dürfen , wie es mit der Anrede sei , aber es dachte , die Dame habe sich nur versprochen , denn es hatte bis jetzt immer erst den Titel nennen gehört und nachher den Namen ; so hatte es sich nun die Sache zurechtgelegt . Wie es die Tür zum Studierzimmer aufmachte , rief ihm die Großmutter mit freundlicher Stimme entgegen : » Ah , da kommt ja das Kind ! Komm mal her zu mir und laß dich recht ansehen . « Heidi trat