nicht zu unterbrechen , und ich unterbrach ihn auch jetzt nicht ; aber ich sprang auf vom Stuhl , knöpfte mir die Weste auf und trat auf längere Minuten an das Fenster , um die brennende Stirn an die Scheiben zu drücken und auf das dem Morgen hastig zutreibende Gewölk zu sehen und auf den Wind zu horchen . Als ich an den Tisch zurückkam , hatte sich der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft und hielt eben das brennende Zündholz darauf . So gleichmütig und phlegmatisch , als ob er mir nicht das geringste gesagt habe , was einen Privatdozenten ohne Zuhörer und einen Doktor der Philosophie ohne Philosophie aufregen könnte . Und jetzt sagte er noch dazu : » Wahrhaftig , wenn man so ins Schwatzen kommt ! ... Zwei Uhr am Morgen ! Bei uns auf dem Steinhofe fangen da schon die Hähne an zu krähen . Und ich sitze hier und rede und rede und bedenke gar nicht , wie ich dich von der nächtlichen Ruhe abhalte und wie kostbar gerade deine frischen Morgenstunden für die gelehrte Welt und die Wissenschaften sind . Aber guck , Fritz , so bleibt ein Deutscher immer ein Deutscher ! Ein echt eingeborener Nordamerikaner hätte dir einfach gesagt : Ich habe den Steinhof wieder ; wenn du Lust hast , male dir alles übrige dazu oder laß es bleiben . - Ich dagegen sitze hier und möchte dir auf jeder Faser und Fiber in mir meine Gefühle und Erlebnisse in der alten Heimat nach der Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach , ob das dir noch interessant ist oder nicht . Aber jetzt auch kein Wort mehr ! Wo ist mein Überrock ? Hier . Und hier ist mein Hut . Jetzo setze deiner Güte und Geduld die Krone auf und leuchte mir die Treppe hinunter . Den Weg nach meinem Wirtshause finde ich schon ; hoffentlich aber kehren mehr Leute von meiner Art da ein , die sich leicht festschwatzen nämlich , wenn sie nach jahrhundertelanger Abwesenheit und Trennung einen guten alten Freund und Bekannten zufällig wieder getroffen haben und ihn in ihrer Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf oder über den Schlaf weg , aber sicher halbtot reden . Allein möchte ich auch in diesem Falle nicht in der Welt stehen . « Fünfzehntes Kapitel Nach jahrhundertelanger Trennung und Abwesenheit ! Das letzte Wort war das richtige ; ich aber war Pedant genug , daß ich mir auch in diesem Augenblicke , das heißt , nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit dem Lichte vorangegangen war , durch jenes Worts sprachliche und begriffliche Zergliederung meine Stimmungen und Gefühle klarer machte . Wer diese langen Jahre hindurch abwesend gewesen war , das war nicht der Vetter Just Everstein , sondern ich - ich , der ich so hübsch ordentlich zu Hause geblieben war ! Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr , obgleich ich ziemlich rasch zu Bette ging . Da lag ich und versuchte es , hundert zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen , was stets ein bedenklich Geschäft ist und nicht immer gelingt , jedenfalls aber ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer und glatter macht . Nun war es sonderbar , wie gerade die letzten Exkurse des wackeren Freundes mir die heftigste Unruhe in das Geblüt geworfen hatten . Was erzählte mir auch der Mann von dem » weinenden Frühlingsmorgen « Eva Sixtus ? Wir waren doch alle - ohne Ausnahme - in den Sommer des Daseins hineingeraten . Was sollten mir die hübschesten Bilder aus Tagen , die , wie der Vetter ganz richtig sich ausdrückte , ein Jahrhundert weit hinter uns lagen ? Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwährend um , ohne Ruhe darauf zu finden . Baß ergrimmt ( nein , das war nicht das richtige Wort ! ) entstieg ich , als der trübe Morgen gekommen war , dem ruhelosen Lager mit den Gefühlen eines Mannes , der eine weite Reise unternommen hat , um alte Schulden einzukassieren , überall aber leere Taschen gefunden hat und nun selber mit leerer Tasche in einem öden Gasthofszimmer sitzt . Mit einer wahren Wut blickte ich von einem meiner Büchergestelle auf das andere . Die weisesten Autoren , denen ich in diesen schönen Momenten mit meiner Lebensrechnung unter die Nase zu rücken versuchte , waren nur imstande , mir die Gegenforderung und Frage zu stellen : » Wer soll uns denn mit Noten versehen , wenn nicht ihr Lebenden ? Dummes Zeug : Trost und Beruhigung ! - Bestätigung unserer Lebensangst , Unruhe und Not wollen wir von euch Atemholenden ! Weiter im Texte ! « Von den Schuldnern zu den Gläubigern - den Gespenstern , die mich in der Nacht geplagt hatten ! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon , wie er die Wörter seiner Sprache mißbraucht . Die Abgeschiedenen lassen einen wohl schon in Ruhe : es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und Blut , die mit atmenden , leidenden , sich freuenden Genossen der Erdenlaufbahn , die da gewöhnlich durch unsere Träume spuken gehen ! Sind sie gar noch gute alte Freunde und Bekannte und haben sie dazu muntere Füße , wackere Hände , helle Augen und rote Backen und wissen sie mit kräftiger , sanfter oder gar freundlicher und liebevoller Stimme ihre Fragen zu stellen in der Geisterstunde , so ist das sehr häufig am allerbedenklichsten für unsere nächtliche Ruhe . Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just , dazu Bürger der nüchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika , an die dürre Wand geschlagen und das klaräugige Spukgesindel über mich herbeschworen . Als ich gegen elf Uhr meinen Weg durch die belebten Gassen zu seinem Hotel suchte , um ihm , dem Vetter Just , meinen Gegenbesuch zu machen , sah ich unwillkürlich gespannter als seit langer Zeit den Begegnenden in die Gesichter und mit einem gewissen ängstlichen Suchen und Erwarten in das Getümmel überhaupt . Was ich seit langem teilnahmlos hatte an mir vorbeistreifen