glauben , meine Damen , daß sich die tiefsten Geheimnisse der Natur in der Abgabe der Pfänder offenbaren . « » Das wäre ! « bemerkte der Dolgeliner Pastor , der nach dieser Seite hin kein ganz reines Gewissen haben mochte . » Etwas dezent Indifferentes wählen « , fuhr Turgany fort , » ohne dabei der Trivialität zu verfallen , das ist die Kunst . Ein Batisttuch , ein Notizbuch , ein Flakon , eine Broche dürfen als wahre Musterstücke gelten . Sie sind nur selten zu übertreffen . Ich kannte freilich eine fremdländische , aus dem Süden her an unser Oderufer verschlagene Dame , die lächelnd eine große Perlennadel aus ihrem schwarzen Haare nahm und diese Nadel dann überreichte . Ich hätte die Hand küssen mögen . Das war ein Ausnahmefall nach der glänzenden Seite hin . Desto leichter ist es , hinter der goldenen Mitte des Flakons und der Broche zurückzubleiben . Ich entsinne mich einer im Embonpointalter stehenden Professorenfrau , die Mal auf Mal ihren Trauring als Pfand vom Finger zog . Erlassen Sie mir , Ihnen das eheliche Glück des Hauses zu schildern . In derselben Gesellschaft befand sich ein Herr , der nicht müde wurde , sein englisches Taschenmesser , zehn Klingen mit Korkzieher und Feuerstahl , in den Schoß der Damen zu deponieren , bis das Klingenmonstrum , nach Zerreißung mehrerer Seidenkleider , endlich vor dem allgemeinen Entrüstungsschrei verschwand . « Der Justizrat hatte diesen Vortrag halten dürfen , ohne Furcht , dadurch anzustoßen . Er war nämlich der Abgabe der Pfänder mit besonderer Aufmerksamkeit gefolgt und kannte genau die Resultate . Selbst Pastor Zabel hatte nichts Schlimmeres eingeliefert als einen großen Karneoluhrschlüssel , den er nicht an der Uhr , sondern selbständig , wie eine Art Sackpistole , in einer seiner großen Taschen trug . Man schritt nun zur Einlösung . Lewin , der am meisten verschuldet war , hatte » Steine zu karren « , mußte » Brücke baun « und » Kette machen « , während es dem Dolgelinischen Pfarrer zufiel , als » polnischer Bettelmann « sein Glück zu versuchen . Endlich hieß es : » Was soll der tun , dem dies Pfand gehört ? « » Schinken schneiden ! « Es war ein Knüpftuch Maries . Diese erhob sich , trat in die Mitte des Zimmers und begann : » Schneide , schneide Schinken , wen ich liebhab , werd ich winken . « Dabei winkte sie dem Frankfurter Konrektor und bot ihm in voller Unbefangenheit ihren Mund . Othegraven , der sonst Gewalt über sich hatte , fühlte sein Blut bis in die Schläfe steigen . Er küßte ihr die Stirn : dann kehrten beide auf ihre Plätze zurück . Außer Renaten hatte nur Turgany die flüchtige Verlegenheit Othegravens bemerkt . Fünfzehntes Kapitel Schmidt von Werneuchen Das letzte einzulösende Pfand , ein Notizbuch , gehörte Renaten , die nunmehr aufgefordert wurde , ein Lied zu singen . Sie war dazu bereit , aber wie immer entstand die Frage : was ? Zum Glück lagen auf dem kleinen Birkenmaser-Klavier allerhand Noten aufgeschichtet , unter denen Renate zu suchen begann . Es waren Liederkompositionen , die , soweit der Text in Betracht kam , mit einer Art von gesellschaftlicher Diplomatie beiden Dichterschulen entnommen waren , die damals in beinahe unmittelbarer Nähe von Hohen-Vietz ihre Geburts- , jedenfalls ihre Pflegestätte hatten . Die eine Schule , vom Lokalstandpunkt aus angesehen , war die Nieder-Barnimsche , die andere die Lebusische , jene , die derb-realistische , durch Pastor Schmidt von Werneuchen , diese , die aristokratisch-romantische , durch Ludwig Tieck und den in Ziebingen ansässigen Mäzenatenkreis der Burgsdorffs und ihrer Freunde vertreten . Zwischen beiden Schulen suchte der Hohen-Vietzer Pfarrherr , der es überhaupt mit Ausnahme der Semnonen zu keiner entschiedenen Parteinahme bringen konnte , nach Möglichkeit zu vermitteln , hatte abwechselnd Worte der Anerkennung für Werneuchen , Worte der Bewunderung für Ziebingen und gab dieser seiner Halbheit , die , sobald es sich um kirchliche Fragen handelte , den Spott Miekleys und Uhlenhorsts herausforderte , auch auf literarischem Gebiete durch Anschaffung heute des Schmidtschen » Kalenders der Musen und Grazien « , morgen des Tieckschen » Zerbino « oder » Phantasus « Ausdruck . Übrigens stammten die Klaviernoten meist noch aus der Zeit der verstorbenen Frau her , die , selbst auf dem Barnim gebürtig , zugleich auch minder abwägend als ihr Eheherr , den Werneuchener Poeten um ein weniges bevorzugt hatte . Renate , nachdem sie hin und her geblättert , wählte schließlich , um dem Suchen ein Ende zu machen , einige Pastor Schmidtsche Strophen , die sich an den Freund aller unglücklich Liebenden richteten , » an den Mond « . Der Überschrift war die Klammerbemerkung hinzugefügt : » Abends elf Uhr am Fenster « . So manchen Abend traur ich hier In stummer Liebe Leid ; In meiner Schwermut blickst du dann Mich freundlich durch die Weiden an , Daß mich ' s im Herzen freut . Wenn doch , wie du , mein Mädchen mild , Wie du so freundlich wär ! O such sie , lieber Mondenschein , Und schau ihr ernst ins Aug hinein Und mach das Herz ihr schwer . Renate , die das Lied in Text und Komposition zu kennen schien , sang es mit großer Sicherheit , aber zugleich auch mit jenem übertriebenen Aufwand von Stimme und Gefühl , wodurch der Vortragende auszudrücken wünscht , daß er über der Sache stehe . Dies war den Zuhörern nicht entgangen , von denen die Mehrzahl dieser ironischen Behandlung des Liedes zuzustimmen schien . Nur Seidentopf trat an das Klavier und sagte : » Unser Barnimer Freund scheint vor unserem Lebusischen Fräulein keine Gnade zu finden . « » Wie kann er auch « , nahm Renate das Wort ; » wie bescheiden er sich stellen mag , er hat die Prätension , ein Poet zu sein , und er ist keiner . Es ist sinnig , sich den Dichter auf einem