Dezems Augen , aber der erste , welcher vor seiner Seele sich als neues Himmelswunder aufbaute . » Was ist das ? « hatte er staunend gefragt , als er , nachdem gegen Abend die Sonne sich durch das chaotische Gewölk gerungen , eine bunte Brücke , über den Fluß hinweg , sich vom Zornberge bis zum Hünengrabe spannen sah . Der Vater , welcher , bis die herrliche Erscheinung sich verzogen , schweigend mit gefaltenen Händen am Fenster gestanden hatte , schlug die Heilige Schrift auf und las das Kapitel von der Sündflut und dem Friedensbunde Gottes mit der geretteten Menschheit . » Und wenn es kommt , daß ich Wolken über die Erde führe , soll man meinen Bogen sehen über den Wolken . « Das war die Antwort auf des Dezem Frage . Und gewiß eine herzbewegliche Antwort ! Der närrische Dezem hätte nun aber gern auch noch gewußt , wie der liebe Vater im Himmel es anfange , seinen Friedensbogen zwischen den schwarzen Wolken in aller Geschwindigkeit so schön bunt anzumalen und in ebensolcher Geschwindigkeit ohne Farbenspur wieder auszulöschen ? Und auf diese Fragen blieb Vater Blümel die Antwort schuldig . Als er aber nach dem Abendsegen sich an das Klavier setzte - Vater Blümel war bis an sein Lebensende ein eifriger Musikant - und des alten Gellert Lied von der Ehre Gottes in der Natur zum Vortrag brachte , da geschah es zum ersten Male , daß der arme Dezem an aller Menschenweisheit irre ward . Denn nun sah er die Sonne , die nach der Mutter Sagen sich nicht rühren sollte , in des Vaters Sang aus ihrem Zelte geführt werden und ihren Weg laufen gleich als ein Held . Daß dem Hirtenjungen von Werben für eine Sonne solch ein Heldenlauf weit schicklicher als das Stillestehen dünkte , wird jedes Kind begreiflich finden . Er hatte wiederum eine ruhelose Nacht , und da der andere Tag ein Sonntag , also keine Schule war , der Himmel aber so rein , als hätte niemals ein schwarzes Wolkenheer auf ihm gelagert , rannte er , den letzten Bissen des Morgenbrotes noch im Munde , hinaus auf das Hünengrab . Das Hünengrab , hart an der Pfarrgartenmauer , wurde ein Erdaufwurf genannt , wie die Gegend unter gleichem Titel verschiedentliche aufzuweisen hat . Ob wirklich Heldengebeine darunter eingescharrt waren , hatte bis dato niemand untersucht . Unmöglich wäre es just nicht , da diese Landschaft seit grauer Vorzeit der Tummelplatz wilder Entscheidungen gewesen ist . Pastor Blümel achtete indessen dafür , daß lediglich alte Steinbruchreste auf diesen Punkten zusammengehäuft worden seien . Weil das Hünengrab aber in die nördliche Ebene hinein eine noch weitere Aussicht als selbst das Pfarrhaus bot , hatte der Pastor seinen schmalen Gipfel geebnet , ein paar Ebereschenbäume darauf gepflanzt und eine Ruhebank unter ihnen angebracht , auf welcher jeder , der fremd des Weges kam , gern eine Umschau hielt . Auf diesem Hügel , der ihm gestern wie ein Pfeiler der wundersamen Wolkenbrücke vorgekommen war , dachte der arme Dezem nun allen Ernstes irgendein geheimnisvolles Überbleibsel aus Gottvaters Bau-oder Malkasten aufzufinden ; da jedoch ringsumher nichts zu entdecken war als allbekanntes Himmelblau und Erdengrün , setzte er sich auf die Bank , mit dem löblichen Entschluß , auf seiner Schiefertafel , die er zu diesem Zwecke mitgebracht , Kantor Beyfußens Exempel für die nächste Rechenstunde zu lösen . Wie manchem bedeutenden Helden , im Widerstreit von Stimmung und Pflicht , geschah es nun aber auch dem bescheidenen dieser Geschichte , daß der Stimmung der Obsieg blieb . Für die Exempel war immer noch Zeit . Zuvörderst galt es auf der leeren Tafelseite das Phänomen , das ihm so gewaltig im Kopfe rumorte , sich durch eine Illustration zu vergegenwärtigen und zu verdeutlichen . Das aber machte er so : Quer über die Tafel zog er einen doppelten Strich , auf denselben schrieb er » Fluß « ; zwischen krausen Schnörkeln über dem Flusse stand zu lesen : » Wolken « . Hart am Fluß , in dessen Mitte , trug ein Haus die Inschrift » Pfarre « und in einem ihrer Fenster ein dicker Punkt das Wörtchen » Ich « . Am äußersten Tafelende war der städtische Kirchturm nicht zu verkennen ; ob aber das Gesicht , welches mit einer Strahlenglorie umstrichelt , Gottvater oder Mutter Sonne zu benennen sei , darüber grübelte der Künstler eine Weile und entschied sich endlich , die Frage offen zu lassen , wie er demgemäß auch auf die Brücke , welche am entgegengesetzten Ende hoch oben den Fluß überspannte , mit lateinischen Lettern malte : » Regenbogen oder Friedensbogen « . Trotz dieses Entweder-Oders , so viel hatte er über seiner Arbeit doch glücklich ausgeklügelt , daß das zweideutige Strahlenantlitz über dem Turm das Farbengebilde hervorgezaubert haben müsse und daß dieses mit der Glorie jener Strahlen erloschen sei . Und das war für den Anfang genug . » Was ist das ? « fragte er , selber strahlend vor Freude , indem er seinem Röschen , das im rosa kattunenen Sonntagskleide einhergetänzelt kam , sein stolzes Kunstwerk vor die Augen hielt . » Dummes Zeug ! « antwortete Röschen lachend und beachtete das Nachbild so wenig , wie sie gestern das Vorbild beachtet hatte . Sie trug im Schürzchen einen Haufen Blumen , die ihr Papa zu einem Kranze geschnitten hatte : denn Kränzebinden war Röschens Lust weit mehr als selber » Puppens spielen « , geschweige denn Stricken oder am Kinderrädchen spinnen . Kein Tag , solange es Blüten gab , verging , daß sie nicht ein Prachstück der Gärtnerkunst geliefert und eines der alten Großvater-oder Großmutterbilder in der Wohnstube damit geschmückt hätte . Im Winter aber half sie sich mit Efeublättern , welche ihr Mus auf der Gartenmauer pflücken mußte , und mit Blumen , welche die geschickten Fingerchen aus farbigen Papierstreifen zusammenkniffen . Wo das Röschen waltete , ging es bunt und lustig zu ; am lustigsten aber in ihres Dezem Herzen