... Hier strömte es wie frischer Lebensatem von allen Wänden . Kleine , schwebende , pausbäckige Kinder hielten Medaillons in den Händen und lachten mich schelmisch an , und vom Plafond schütteten herrliche Frauengestalten einen ganzen Blumenregen nieder . Goldene Ornamente ragten in die Malereien hinein und umrahmten sie in vielgestaltigen Schnörkeln und Arabesken . Die Möbel waren von glänzendem Weiß , mit vergoldeten Rändern umsäumt , und über die Polster hin breitete sich blaue Seide . Es war ein Prunksaal , aber er wurde offenbar benutzt wie ein gemütliches Familienzimmer . In trauliche Gruppen zwanglos zusammengeschoben füllten die Möbel alle vier Ecken , und in der mittleren Thür der Nordfront stand ein großer Schreibtisch . Er war bedeckt mit Porzellanfiguren und allerhand zierlichen Dingen , deren Gebrauch ich nicht kannte ... Ich sah auch ein silbernes Schreibzeug stehen , ein kunstvolles Blättergeflecht , auf welchem Tintenfaß und Streubüchse als Rosenkelche lagen - auf eines der breiten Blätter war ein Wappen mit darüber prangender Krone graviert ... Und vor dem Schreibzeug lagen wappengeschmückte Briefbogen . Eine zarte , flüchtige Frauenhand hatte offenbar eine Feder probiert ; unzähligemal quer und gerade stand da : Sidonie , Prinzessin von K. - und dazwischen hin liefen die Namen Claudius und Lothar . Ich fuhr zurück . Wie , sollten das wohl gar fürstliche Gemächer sein ! ... Eine Prinzessin saß an diesem Tisch und schrieb mit dem zierlichen goldenen Federhalter , der so nachlässig hingeworfen neben dem Briefbogen lag ? ... Ihre feinen Füße glitten über den glänzend polierten Fußboden , den jetzt meine großen Wollstrümpfe rieben , und aus den Glasthüren sah ein zartes , vornehmes Frauengesicht ! ... Eine ängstliche Scheu überkam mich - ich griff nicht mehr auf den Drücker der nächsten Thür , mit zaghaftem Finger bewegte ich den Schieber am Schlüsselloch und ließ einen scheuen Blick durch dasselbe huschen - draußen lief die schöngeschwungene Treppe empor , die ich heute in des jungen Herrn und Ilses Begleitung hinaufgestiegen war ... Ah - ich stand hinter einer der Thüren , welche die großen Siegel auf ihrer Fläche trugen ! So sicher also hatte die Prinzessin bis zu ihrer Rückkehr die Wohnräume vor jedem Eindringlinge zu schützen gesucht - sie hatte sogar Siegel davor legen lassen . Und auch das hatte nicht einmal genügt ; ich stand ja drin und ließ meine neugierigen Augen über alles hinschweifen , was doch kein fremder Blick berühren sollte . » Das ist so gut wie Diebstahl , « hatte Ilse gesagt , als sie entdeckte , daß ich einen fremden Brief gelesen ... War mein Verweilen hier nicht ganz genau so , als läse ich unbefugt ein fremdes Geheimnis , als hätte ich die Siegel draußen auf der Thür erbrochen ? Ich versuchte , gegen mich selbst eine strenge Miene anzunehmen ; aber ich konnte nicht halb so gut schelten wie Ilse , und tief gingen mir die Gewissensbisse gar nicht - ich fand es im Gegenteil erst recht schauerlich süß , daß die Siegel auf den Thüren klebten , und daß kein lebendes Wesen , vielleicht eine naseweise Fliege ausgenommen , die durch irgend ein Schlüsselloch schlüpfte , hier umherhuschen konnte , nur ich , ich allein ! Und nun mußte ich auch einmal probieren , wie es wohl der schönen Prinzessin zu Mute sei , wenn sie durch die Glasthüren hinaussähe . Ich schob eine der Draperien ein wenig zurück - wie ein kleines , trautes , in die Lüfte hineinragendes Kabinett ohne Dach und Decke schloß sich draußen der Balkon an die Thüren an - ich hatte ja noch nie einen Balkon gesehen - wie mußte es wonnig sein , hoch über der Erde schnurstracks aus den heißen Zimmern ins Freie treten zu können ! Drunten breitete sich der Teich hin ; der dunkelblaue Nachmittagshimmel füllte eintönig den unbeweglichen Wasserspiegel , in dessen Mitte groteske Sandsteinfiguren wie auf einer blauen Samtdecke ruhten . Der duftig grüne Rasenfächer , die schlanken Steinbilder im vollen Goldglanz der Sonne , die hellen Kiesstreifen , die Rasen und Teich scharf trennten und tief in die Boskette hineinschnitten , das alles war sehr hübsch - wären nur nicht die dicken , grünen Vorhänge gewesen , die es so erstickend eng umschlossen , diese Baummassen , über die der Blick nicht hinauskonnte , die den Atem beklemmten und dort drüben auf dem Berge womöglich in den Himmel zu klettern suchten ... Wurde der schönen Prinzessin nicht bange , daß eines Tages alle diese Wipfel näher rücken und rauschen und sie und das Schlößchen wie grüne Meereswogen verschlingen könnten ? ... Da war sie doch viel heimischer , meine liebe , weite , glatte Heide mit dem harten kräftigen Luftstrom , der über sie hinstreichen konnte , soviel er mochte ! Vielleicht sah man draußen auf dem Balkon durch irgend eine Baumlücke in das Land hinaus ! Ich war leichtsinnig und keck genug , den Schlüssel umzudrehen und die Thür um Spannweite zu öffnen ; die schwüle Sommerluft drang herein und trug köstliche Düfte aus dem Blumengarten herüber - den Kopf konnte man wohl auch einen Augenblick hinausstecken - Himmel , da trat Ilse mit raschen kräftigen Schritten aus dem gegenüberliegenden Gebüsch und schulterte einen langen Stielbesen ! Ich schlug die Thür zu , rannte wie besessen durch die Zimmer , fuhr in meine Schuhe und schlüpfte die Treppe hinab . Ich hatte eben die Tapetenthür geschlossen und mich möglichst harmlos auf einen Stuhl geworfen , als Ilse eintrat . » Hab ' doch gar bis nach vorn in den Hof laufen müssen um den Besen da ! « sagte sie . » Das Haus hier ist ja rein wie verzaubert - verschlossene Thüren , wo man hinguckt , und nirgends eine Menschenseele ! ... Und meine liebe Not hab ' ich auch gehabt - wollte mir doch das Stubenmädchen den Besen nicht geben , aus lauter Ehrfurcht ... das hat mich aber in den Harnisch gebracht ! ... Der infame Kirchenhut - ich möchte ihn am