Hauses : das Doppelwappen mit der obligaten Grafenkrone , eingeprägt . Allerdings perlte in den venezianischen Gläsern nur reiner Reckenburger Born , und das japanische Porzellan besah nichts Edleres als rote Reckenburger Grütze . Als Nachkost wurde auf silberner Platte der alten Dame eine Schale ihres Eicheltrankes , der jungen ein Apfel präsentiert . Keine Sorge indessen , Kinder ! Ich hatte während der Reise aus dem heimischen Proviantkober wacker vorgelegt und bin auch späterhin auf Reckenburg allezeit satt geworden , trotz meines damals wie heute noch kräftigen Appetits . Wenn aber , was der Himmel verhüte ! der Eurige im Alter einmal schwach werden sollte , so kann ich Euch mit gutem Grund Grützbrei und Eicheltrank als brave Erhaltungsmittel empfehlen . In Parenthese sei mir an dieser Stelle noch eine zweite Bemerkung gestattet : Wenn kein Mitglied des gräflichen Haus- und Hofstaates jemals freiwillig seinen Dienst verlassen hat , wenn derselbe stets pünktlich und schweigsam im Sinne der Herrschaft verrichtet ward und gleich dieser die Mehrzahl ein Uralter bei demselben erreichte , so ziehe ich unserer Spinnstubenromantik von einer Verhexung der Zunge und Eingeweide die nüchterne Auslegung vor , daß besagtem Personal durch Kost wie Lohn auskömmlich Magen und Mund gestopft worden sei . Das Souper war schweigsam verzehrt worden und in wenigen Minuten abgetan . Während ich der Gräfin in das Vorzimmer folgte , bemerkte ich , wie der Riese Jacques in gewissenhafter Eile die Kerzen des Kandelabers löschte . Die Gräfin entließ mich mit den Worten : » Morgen mittag auf Wiedersehen . Vertreibe dir die Zeit , wie du kannst . Das Vorzimmer steht dir offen und ist immer geheizt . « Ich küßte die dargebotene Hand und ging knicksend nach der Tür . » Du bedarfst keiner Toilettenhilfe , nicht wahr ? « rief die alte Dame mir noch nach . Ich verneinte . » Halte dich vor Schlafengehen nicht auf , verriegle die Tür und lösche das Licht alsobald . « Damit tastete sie sich nach ihrer Klause , deren inneren Türriegel ich noch klirren hörte . Dann geleitete mich Monsieur Jacques , nachdem er auch das Vorzimmer verschlossen hatte , den Korridor entlang bis zu Reckenburgs » neuem Turm « , die » westliche Rotonde « jener Zeit . Er stand durch eine Wendeltreppe mit den Wirtschaftsräumen in Verbindung , und das mir geöffnete Zimmer war das einzige im Frontbau , das ursprünglich zu einem Domestikenraum eingerichtet schien . Denn die Wände waren nur getüncht , der Fußboden roh gedielt , ein Ofen fehlte , und es enthielt als Ausstaffierung nichts als einen Tisch , einen Stuhl , einen Kleiderschrank , das notdürftigste Waschgerät und ein Bett , welches keineswegs Daunen und seidene Polster schwellten . Gegen meine heimische Dachkammer war der Abstich nicht allzu groß : aber freilich an das lachende Mädchenstübchen der kleinen Dorl durfte ich nicht denken . Ich war an strengen Gehorsam gewöhnt ; habe auch jederzeit , wo ich nicht befehlen durfte , gern gehorcht . Ich warf also meine Kleider ab , löschte das Talglicht , das mein Führer zurückgelassen hatte , und schlief , ohne durch eine Spuk- oder auch nur Traumgestalt behelligt zu werden , meine sieben Stunden so ungestört , wie ich sie mein Lebtag immer geschlafen habe und noch heute schlafe . Wer aber mit den Hühnern zu Bett geht , muß mit den Hühnern erwachen . Noch bei Sternenschein war ich munter und bei Tagesgrauen in den Kleidern . Was sollte ich vornehmen ? Auf meine Bitte öffnete der Leibwächter im Vestibül mir die Tür der Seitentreppe und ich stieg hinunter in den Garten . Bald schweifte ich darüber hinaus in Wald und Flur und sah zum erstenmal unter freiem Himmel die Sonne aufgehen , klar und glanzvoll wie ein Gottesauge . Methodisches Spazierengehen war weder ein Bedürfnis noch eine Modesache meiner Zeit , und würde mir heute noch eine gar leidige Erholung dünken . Aber so ungebunden schweifen durch Land und Volk , beobachten die stille Arbeit der Natur , wenn auch die letzte vor der winterlichen Rast , die umbildende der Menschen , Kraft und Widerstand hier wie dort - und das alles auf einem altüberkommenen , heimatlichen Grunde - , es war ein großer Sinn , der mir an diesem ersten Morgen in der Flur von Reckenburg aufgegangen ist , ein ursprünglicher , starker Sinn , der mich lebenslang beglücken sollte . Da gewahrte ich denn zum erstenmal die Bewirtschaftung in einem bedeutenden Dominium ; sah , wie das Holz gefällt und die Flößen nach dem Strome geschleift wurden , sah Kohlen brennen und Torf stechen , die letzten Reste des Grummets , die Spätfrüchte der Felder einheimsen . Ich sah die Äcker für die Wintersaat neu bestellen , die der Stallhaft entlassenen Herden Wiesen und Brachen abweiden , sah des Wildes freies , fröhliches Treiben im umhegten Revier . Ich unterhielt mich mit Hirten , Arbeitern und Aufsehern über einschlägiges Gebiet ; schloß mit dem alten , verständigen Oberförster Waldkameradschaft und machte mich auch den übrigen Beamten bekannt . Das frische , junge Blut , welches den Namen Reckenburg trug und so urplötzlich mit seiner Neugier aus dem schweigsamen Schlosse in die Außenwelt drang , wurde mit freundlichem Vertrauen aufgenommen : und freilich nicht am ersten Tage , aber mit der Zeit schwand auch den armen Dörflern die Furcht , daß diese lebenskräftige Jugend unter dem Grabeshauche des gefeiten Schlosses versteinern werde . Reichere Ernte hatte ich keine Stunde in Christlieb Taubes Schulstube gehalten , heimischer mich keine Stunde in der alten Baderei gefühlt , als bei dieser ersten Wanderung durch die Reckenburger Flur , und wie ich gegen Mittag nach dem Schlosse zurückkehrte , da war es gleich wieder eine gute Botschaft , mit welcher Muhme Justine mir entgegentrat . Hochgräfliche Gnaden waren in der Nacht von einem bösen Gebreste heimgesucht worden , und da die Gliedmaßen Hochdero Kammerfrau sich für die vorschriftsmäßigen Manipulationen zu steif und zitterig erwiesen , waren die der kunstfertigen Reiseduenna zu Hilfe