Gerücht von diesem wilden Mann wird wohl auch bereits zu Euch in Eure Residenz gedrungen sein , und wie ich Euch kenne , habt Ihr ihn sicherlich recht lustig zerpflückt und zerfasert , ehe Ihr ihn gleich Eurem andern Spielzeug beiseite warfet . Da er aber zu meinen sehr guten Freunden gehört und durch seine Heimkehr aus der Gefangenschaft viel dazu beigetragen hat , meinen Willen in den des harten Schicksals mit besserm Humor zu beugen , so muß ich ihn doch noch Eurer guten Meinung und Eurem Wohlwollen empfehlen , denn er hat beide in der nächsten Zeit vielleicht recht nötig . Mein Freund nennt sich Leonhard Hagebucher und wurde vor beinahe vierzig Jahren in Nippenburg geboren . Fast zwölf Jahre hat er am Mondgebirge in der Sklaverei gelegen , und zu Anfang dieses Sommers ist er in seines Vaters Hause hier zu Bumsdorf wieder angelangt , merkwürdigerweise weniger stumpfsinnig und vertiert als manche unserer geschätzten Bekannten , die nie die Grenzlinie unserer guten Gesellschaft überschritten . Ich habe natürlich sogleich das innigste Verhältnis zu ihm angeknüpft ; denn niemals ist ein Mensch so zur rechten Zeit für die Stimmungen und Zustände eines andern eingetreten wie dieser Mann der Wüste für die meinigen . O Emma , zehn oder zwölf Jahre hat dieser Hagebucher unter der Peitsche des Negers ausgehalten , und nun ist er wieder da , als ob ihm nichts geschehen sei , und genießt alle Segnungen der Zivilisation und Nippenburgs ! Zwölf Jahre hat er sich gleich dem tapfersten Helden gegen die Affen und Ungeheuer gewehrt , und sie haben sein mutiges , ausdauerndes Herz nicht untergekriegt , obgleich er ganz allein - zwölf lange , lange Jahre ganz allein zwischen ihnen steckte . Er sagt , die Mohren hätten sich noch ertragen lassen , aber die Mohrinnen seien schlimm gewesen ; o Emma , Emma , und eine gewisse Madam Kulla Gulla sei ihm fast zuviel geworden ! Er erzählt sehr gut , denn er hat während seines Erzählens noch die Schultern zu reiben . Das ist alles so anschaulich , und tröstlich ist ' s auch , daß einem jeden die Hoffnung unbenommen bleibt , er werde noch einmal irgendwo sitzen und die Historie von seiner Gefangenschaft und seiner Befreiung zum besten geben wie dieser Herr Leonhard Hagebucher . Ja , Du mein süßes Herz , ohne diesen wilden Mann aus Afrika müßten Mama und Friedrich doch noch ein wenig Geduld haben ; aber jener hat allerlei vom Mondgebirge heimgebracht , was unsereins in seinen kleinen Nöten und Ärgernissen trefflich gebrauchen kann ; und daß jetzt Nippenburg und Bumsdorf ihn nach Recht , Verdienst und Gebühr behandeln , kräftigt mich gleichfalls nicht wenig in meiner Ergebung . ' s ist ein unnützer Vagabund , mein armer Afrikaner , schon in seiner frühsten Jugend taugte er wenig , und von der Schule ist er sehr bald fortgelaufen . Wenn er zu Lande und zur See mancherlei versucht hat und sogar die Landenge von Suez mit durchgraben half , so hat er doch niemals einen Begriff davon gehabt , wie ein verständiger Mensch für sein Glück und sein Wohlbehagen sorgt . Und als endlich die Baggaraneger ihn an die Leute von Tumurkieland verkauften , kam er wahrlich nicht zum erstenmal als Handelsartikel auf den Markt der Welt . Jetzt ist Nippenburg seiner auch längst wieder überdrüssig , und vor vierzehn Tagen hat sein Papa ihn gleichfalls aus dem Hause geworfen , weil man ihn , den Alten , des Sohnes wegen aus dem Goldenen Pfau warf . Jedermanns Hand ist wider meinen Freund , und jedermann macht sich selbstverständlich ein Verdienst daraus und hebt sich höher darum in seinen Schuhen ; mir aber ist der arme Sünder unschätzbar als mein guter Kamerad ; denn was für einen Anspruch kann er darauf machen , sanfter angefaßt zu werden als seinesgleichen ? Ich habe vielen Verkehr mit diesem Herrn Hagebucher gehalten , zuerst in seines Vaters Haus , dann auf manchem Spaziergang in Wald und Feld ; und auch bei der Frau Klaudine sind wir in den beiden letzten Wochen häufig zusammengetroffen . Wir haben uns gegenseitig recht ausgesprochen und merkwürdige Beobachtungen und Erfahrungen zum besten gegeben und beiderseitig dadurch gewonnen : sich totzustellen in der Hand des Fatums ist unter allen Umständen das vernünftigste und bequemste . Die Frau Klaudine versteht ' s am besten ; aber auch Leonhard Hagebucher und Nikola Einstein sind auf gutem Wege , die Kunst zu lernen . Also , Frau Emma , ich heirate , da man es so haben will , und traue mir zu , als Frau von Glimmern meine Rolle mit allem Anstand durchführen zu können . O sie sollen schon nichts merken von der wirklichen Nikola von Einstein ! Die ist tot und tief begraben für alle , welche auf ihrer Hochzeit tanzen ; ganz still liegt sie in der dunkeln sichern Tiefe , blickt nur durch halbgeschlossene Augenlider unter dem schweren Stein schläfrig hervor und denkt : nur schlau muß der Mensch sein und so tot wie möglich , dann läßt sich das Leben schon tragen . Was meint die Frau Majorin ? Ist das keine behagliche Vorstellung ? Morgen fange ich an , meine Kisten , Kasten und Schachteln zu packen , und beginne auch mit meinen Abschiedsvisiten , deren ich eine große Menge abzustatten habe in Bumsdorf und der Umgegend . Mancher alten dickköpfigen Weide , den Mühlbach entlang , hab ich mein Kompliment zu machen ; mancher luftigen Berghöhe , manchem lieben Winkelchen , manchem stillen Pfade und manchem alten Felsblock hab ich Lebewohl zu sagen . An Menschen und Tiere darf ich eigentlich gar nicht denken , und am vernünftigsten wär ' s , ich schliche mich bei Nacht und Nebel weg aus ihrer Mitte und suchte , mit den Schuhen in der Hand , den Nippenburger Posthof zu erreichen . Es wäre aber doch unrecht gehandelt , und der Oheim würd ' s mir nie verzeihen . So will ich denn