vermessen sei , die feierliche Ruhe des Korridors zu unterbrechen . Die Haube saß schief auf den falschen Locken , von denen das eine Paket bedenkliche Anstalten machte , herunterzufallen . Die Gesichtszüge sahen verstört aus , und zwei zirkelrunde feuerrote Flecken auf den hervorstehenden Backenknochen zeugten entweder von Fieberhitze oder einer großen geistigen Erregung . Sie erwiderte Elisabeths Gruß kurz und mürrisch und verschwand schnell wieder hinter der leise zugemachten Thür . Als Elisabeth Fräulein von Waldes Zimmer betrat - auf ihr mehrmaliges Klopfen war kein » Herein « erfolgt - da meinte sie , hier spiele der letzte Akt des geheimnisvollen Dramas , das in den Räumen der Baronin begonnen hatte . Nicht allein die Rouleaus sondern auch die dicken seidenen Vorhänge waren dicht zugezogen . Die tiefe Dunkelheit und Stille hielten sie ab , einzutreten , und eben wollte sie die Thür wieder schließen , als Helene mit schwacher Stimme sie hereinrief . Die junge Dame lag in einem Fauteuil im Hintergrunde des Zimmers ; sie hatte den Kopf in ein weiches Kissen gedrückt , und Elisabeth konnte hören , wie ihr leise die Zähne zusammenschlugen . » Ach , liebes Kind , « sagte sie und legte ihre feuchtkalten Hände auf den Arm des jungen Mädchens , » ich habe Nervenzufälle gehabt . Niemand von meiner Umgebung hat es bemerkt , daß ich so unwohl hier liege , und da war ich so fürchterlich allein in dem finstern Zimmer ... Bitte , öffnen Sie die Fenster weit - ich brauche Luft , warme Gottesluft . « Elisabeth erfüllte sogleich ihren Wunsch , und als das Tageslicht auf das blasse Gesicht der Kranken fiel , sah das junge Mädchen , daß sie heftig geweint hatte . Die eindringenden Sonnenstrahlen erweckten mehr Leben und Bewegung in dem Zimmer , als Elisabeth geahnt hatte ; sie schrak heftig zusammen , als es plötzlich in einer Ecke laut aufkreischte . Dort wiegte sich ein Kakadu mit schneeweißem Gefieder und emporgesträubter gelber Krone in einem Ringe . » Gott , wie fürchterlich ! « seufzte Helene und drückte die schmalen Hände an beide Ohren . » Das abscheuliche Tier zerreißt mir noch die Nerven . « Elisabeths Blick haftete erstaunt auf dem kleinen Fremdlinge und glitt dann durch das Zimmer , das aussah wie ein Bazar . Auf allen Tischen und Stühlen lagen reiche Stoffe , Shawls , kostbar gebundene Bücher und die verschiedenartigsten Toilettegegenstände . Fräulein von Walde fing Elisabeths Blick auf und sagte kurz , mit abgewandtem Gesichte : » Lauter Geschenke meines Bruders , der gestern unerwartet zurückgekehrt ist . « Wie kalt klang ihre Stimme , als sie dies sagte ! Auch nicht der leiseste Anflug von Freude war in den verweinten Zügen zu entdecken ; aus den sonst so sanften Rehaugen sprachen unverhohlen Groll und Bitterkeit . Elisabeth bückte sich schweigend und hob ein prachtvolles Kamelienboukett auf , das halb verschmachtet am Boden lag . » Ach ja , « sagte Helene und richtete sich empor , während ein schwaches Rot über ihr Gesicht flog , » das ist der heutige Morgengruß meines Bruders ; es ist vom Tische herabgefallen und vergessen worden ... Bitte , stecken Sie es dort in die Vase . « » Die armen Blüten , « sagte Elisabeth halblaut , indem sie die welken , braunen Ränder an den weißen Blumenblättern betrachtete , » sie haben auch nicht geahnt , als sie ihre Knospen öffneten , daß sie in einer so kalten Region würden atmen müssen . « Helene blickte betroffen und forschend zu dem jungen Mädchen auf , und ihr Auge sah einen Moment aus , als schmelze es in Reue . » Stellen Sie die Blumen in das offene Fenster ; dort haben sie Luft , und sie wird ihnen gut thun , « flüsterte sie hastig . » O , mein Gott ! « rief sie , in das Polster zurücksinkend , » er ist ja gewiß ein vortrefflicher Mensch ... aber sein Erscheinen zerreißt die Harmonie eines beglückenden Zusammenlebens ! « Elisabeth sah mit einem fast ungläubigen Ausdruck auf die junge Dame , wie sie so dalag , die gerungenen Hände emporgehoben und die starren Augen nach der Zimmerdecke gerichtet , als habe ihr das Geschick die furchtbarste Prüfung auferlegt ... Fehlte dem jungen Mädchen schon gestern jegliches Verständnis für Helenes Handlungsweise , so stand es jetzt geradezu fassungslos vor diesem unbegreiflichen Charakter ... Wo war so urplötzlich jenes heiße Dankgefühl geblieben , das aus jedem Worte sprach , sobald Helene des fernen Bruders gedachte ? Hatte ein einziger Moment die ganze schwesterliche Zärtlichkeit , die ihr Herz zu erfüllen schien , spurlos verflüchtigen können , so daß sie jetzt beklagte , was nach ihren früheren Aeußerungen doch ein glückliches Ereignis für sie sein mußte ? ... Und wenn auch der Heimgekehrte nicht mit dem Kreise sympathisierte , in welchem sie sich allein beglückt fühlte , selbst wenn er ihre liebsten Wünsche durchkreuzte , war es trotzdem möglich , daß sofort Kälte und Groll zwischen zwei Wesen treten konnten , die das Geschick eng aneinander gekettet hatte , und die sich um so inniger angehören mußten , als das eine schutzbedürftig war , und das andere so allein stand in der Welt ? ... Elisabeth fühlte plötzlich ein tiefes Erbarmen für den Mann , der ferne Meere durchschifft , fremde Länder einsam durchstreift hatte und nun nach langem Umherirren bloß als störendes Element am eigenen Herde begrüßt wurde . Allem Anscheine nach hatte er nur den einen warmen Punkt , die Liebe zu der Schwester in seinem stolzen Herzen ; wie tief mußte es ihn dann verwunden , daß gerade sie kein freundliches Willkommen für ihn hatte und ihr Herz kalt von ihm abwandte ! Unter diesen Betrachtungen ordnete Elisabeth die Blumen in der Vase . Sie hatte mit keiner Silbe auf Helenes leidenschaftlichen Ausbruch geantwortet , der so rücksichtslos den Bruder vor fremden Ohren anklagte . Offenbar fühlte die junge Dame selbst , vielleicht durch Elisabeths