vor ihm ausgebreitet hatte , erworben worden war . Die Sonne ging unter und übergoß vor ihrem Scheiden die Welt mit einer Schönheit sondergleichen ; in jedes Fenster , welches sie erreichen konnte , lächelte sie zum Abschied ; aber dem armen Samuel Freudenstein konnte sie nicht Lebewohl sagen wehe ihm ! Es wurde Nacht , und Esther trug die angezündete Lampe in das Hinterstübchen . Die Kinder wurden zu Bett gebracht , der Nachtwächter kam : auch die älteren Leute verschwanden von den Bänken vor den Haustüren . Jedermann trug seine Sorgen zu Bett ; aber Samuel und Moses Freudenstein zählten und rechneten weiter , und erst der grauende Morgen fand letztern in einem unruhigen , fieberhaften Schlummer , aus welchem er wieder auffuhr , nachdem er kaum die Augen geschlossen hatte . Er erwachte nicht wie Hans Unwirrsch ; er erwachte mit einem Angstruf und streckte die Hände aus und zog die Finger zusammen , als entreiße man ihm etwas unendlich Kostbares , als bestrebe er sich in tödlicher Angst , es festzuhalten . Aufrecht saß er im Bette und starrte umher , faßte die Stirn mit den Händen und sprang dann empor . Er zog die Kleider hastig an und stieg in die Hinterstube nieder , wo sein Vater noch im Schlafe lag und unruhig abgebrochene Sätze murmelte . Vor dem Bette des Vaters stand der Sohn , und seine Blicke wanderten von dem Gesichte des Vaters zu dem leeren Tisch , der vorhin so reich belastet war . O über den Hunger , den schrecklichen Hunger , von welchem Moses Freudenstein gepeinigt , verzehrt wurde ! Zwischen dem Mahl und dem Hungrigen stand ein überflüssiges Etwas , das Leben eines alten Mannes . Die Zähne des Sohnes dieses alten Mannes schlugen aneinander - wehe auch dir , Moses Freudenstein ! Wie war die Sanduhr von der Kanzel der christlichen Kirche in den Trödelladen gekommen ? Sie war da und stand neben dem Bett des Greises in einem Fach an der Wand . In früheren Jahren hatte sie Moses und Hans oft als Spielwerk gedient , und sie hatten sich an dem Niederrinnen des Sandes ergötzt ; nun hatte schon längst keine Hand sie mehr berührt , die Spinnen hatten ihr Gewebe um sie gezogen ; es war auch ein nutzloses Ding . Was fuhr dem Sohn des Trödlers plötzlich durch den Sinn , daß er das alte Stundenglas von neuem umdrehte ? Die erschreckte Spinne fuhr an der Wand hinauf ; der Sand rieselte wieder nieder , und Samuel Freudenstein erwachte schreckhaft . Er zog die Decken zusammen , er griff nach dem Schlüsselbund unter seinem Kopfkissen ; dann fragte er fast kreischend : » Was willst du , Moses ? Bist du es ? Was willst du ? Es ist ja noch Nacht ! « » Heller Tag ist ' s. Hat der Vater vergessen , daß wir noch nicht fertig geworden sind gestern . Es ist heller Tag ; der Vater hat mir noch soviel zu sagen . « Der Vater blickte den Sohn starr an und sah ihn wieder an . Dann fiel sein Blick auf die Sanduhr . » Weshalb hast du umgewendet das Glas ? Weshalb weckst du mich vor dem Tag ? « » Spaß ! Der Vater weiß , daß die Zeit ist kostbar und verrinnt wie der Sand . Will der Vater aufstehn ? « Der Alte wendete sich unruhig in seinem Bette hin und her , und immer von neuem blickte er auf den Sohn , bald forschend , bald angstvoll , bald zornig . Moses hatte sich abgewendet und ging zu seinem Schreibtisch am Fenster , aufrecht saß der Alte und zog die Knie in die Höbe . Der Sand in der Uhr rieselte nieder - nieder , und die Augen des Greises wurden immer starrer . Ob er in seinem kurzen Schlaf einen Traum gehabt hatte und nun überlegte , ob dieser Traum nicht Wahrheit sein könne , wer konnte das sagen ? War es ihm urplötzlich klargeworden , daß er seinem Kinde mit seinem so lange und gut verborgenen Schatz nur Finsternis und Verderben gegeben hatte ? Welch ein Leben hatte er geführt , um die gestrige Stunde feiern zu können ! Wehe ihm ! Scheue Blicke warf der Sohn über die Schulter auf den Vater : » Was ist dem Vater ? Ist er nicht wohl ? « » Ganz wohl , Moses , ganz wohl . Sei still , ich will aufstehen . Sei nicht zornig . Still , still - - auf daß du lange lebest auf Erden . « Er erhob sich und kleidete sich an . Esther kam mit dem Frühstück , aber sie hätte das Tassenbrett fast fallen lassen , als sie ihrem alten Herrn in das Gesicht sah . » Gott der Gerechte ! Was ist dem Freudenstein ? « » Nichts , nichts ! Sei still , Esther ; es wird vorübergehen . « Er saß den ganzen Morgen in seinem Stuhl , ohne sich zu regen . Nur sein Mund bewegte sich , aber ein lautes Wort kam nur einmal über seine Lippen ; er wollte jetzt , daß man die Tür und die Laden wieder öffne . » Was soll die Esther aufsperren das Haus ? « fragte Moses . » Wollen wir doch erst zu Ende bringen das Geschäft von gestern und brauchen dazu keine Gaffer und Horcher . « » Still , still , du hast recht , mein Sohn . Es ist gut , Esther . Nimm die Schlüssel unter meinem Kissen , Moses . « Die Sanduhr war wieder abgelaufen ; Moses Freudenstein selber hatte den Wandschrank abermals geöffnet und kramte in den Papieren . Der Greis rührte sich nicht , aber er folgte jeder Bewegung seines Sohnes mit den Augen und fuhr dann und wann fröstelnd zusammen . Esther hatte ihm eine alte Decke um die Schultern gelegt ; er war wie ein Kind , das alles mit sich