Herr Graf ; sagte er ; müssen was thun für den alten Herrn . Er legte seine Pfeife auf den Tisch , nahm Oswald den noch immer besinnungslosen Berger aus den Armen , hob ihn in die Höhe und trug ihn aus dem Zimmer , wie ein Löwe eine todte Gazelle wegträgt . Oswald und der Wirth folgten . Hier , hier herein , sagte der Wirth , die Thür , des auf der andern Seite des Flurs liegenden Zimmers öffnend , wo die vornehmeren Reisenden abzusteigen pflegten . Herr Schmenckel legte den Ohnmächtigen auf das Sopha . Der alte Herr hat nichts Ordentliches im Magen gehabt , sagte Director Schmenckel im Ton der Belehrung flüsternd zu Oswald , der sich um den Kranken bemühte , Euer Gnaden hätten ihm erst vorher ein tüchtiges Stück Schinken mit Schwarzbrod und einen Nordhäuser geben lassen sollen . Da begann Berger sich zu regen . Er schlug die Augen auf und blickte die um ihn Herumstehenden verwundert an , wie Jemand , der aus einem schweren Traum erwacht . Dann richtete er sich mit Oswalds Hülfe vollends auf und sagte mit leiser Stimme : Ich danke Euch , meine Freunde . Ich habe Euch Mühe gemacht . Wir sind in diesem Leben Einer auf den Andern angewiesen . Ich denke , Euch bald wieder zu sehen ; vielleicht , daß ich Euch noch einmal Eure Liebe vergelten kann . Komm , Oswald , wir wollen gehen . Fühlen Sie sich kräftig genug ? Soll ich nicht lieber einen Wagen kommen lassen ? Nicht doch ; Roß und Wagen ist nicht für mich und meinesgleichen . Er schritt nach der Thür . Plötzlich blieb er wieder stehen . Gieb den Leuten , was wir schuldig sind , Oswald , wir dürfen nichts schuldig bleiben auf Erden . Oswald bezahlte dem Wirth die Zeche , in welche , zur sichtlichen Befriedigung Herrn Schmenckels , auch was die Seiltänzer verzehrt hatten , eingerechnet wurde . Einige Augenblicke später hatten er und Berger das Haus verlassen und schritten durch die stillen Gassen von Fichtenau zurück nach Doctor Birkenhains Anstalt . Berger beobachtete ein Schweigen , das Oswald nicht zu unterbrechen wagte . Der junge Mann machte sich im Stillen heftige Vorwürfe über seine Unbesonnenheit , Berger so lange in solcher Gesellschaft gelassen zu haben . Er glaubte , daß es vor allen Dingen die Hitze und der ungewohnte Genuß des starken Bieres gewesen sei , was Berger in den exaltirten Zustand gebracht habe . Er hatte keine Ahnung , in welch ' enger Beziehung die fratzenhaft abenteuerliche Geschichte des Seiltänzerdirectors , auf die er nebenbei kaum hingehört hatte , mit der Leidensgeschichte des unglücklichen Freundes stand . Er dachte an Doctor Birkenhain , und wie schlecht er den Auftrag des Arztes erfüllt habe ; er überlegte bei sich , ob seine Anwesenheit nicht eher schädlich als dienlich für Berger und ob es nicht , für den Kranken sowohl , als für ihn selbst , gerathener sei , wenn er Fichtenau sobald als möglich wieder verließe . So waren sie schweigend bis auf den Weg gelangt , der an der Mühle vorbei zu dem Thorweg von Doctor Birkenhains Anstalt zuführte , als Berger plötzlich sagte : Du mußt heute noch reisen , Oswald ! Heute ? Heute lieber , als morgen . Du mußt noch einmal in die Wüste hinaus ; ich kann es Dir nicht ersparen . Und ich selbst , ich habe noch viel zu lernen , worin Du mir nicht helfen kannst . So müssen wir uns trennen . Geh ' Du Deine Straße ; ich will die meine gehen ; es ist dieselbe , und ob ich Dir auch ein wenig voraus bin , Du lernst schnell und wirst mich bald einholen . Bis dahin , Oswald , lebe wohl ! Berger schloß Oswald in seine Arme und küßte ihn . Oswald war tief bewegt . Laß mich bei Dir bleiben , sagte er mit von Thränen halb erstickter Stimme : laß mich bei Dir bleiben , um nie wieder von Dir zu gehen . Ich hasse die Welt , ich verachte die Welt , wie Du . Ich weiß es wohl , sagte Berger , aber die Welt verachten , ist nur das erste Stadium von den dreien bis zu dem großen Geheimniß . Und welches ist das zweite Stadium ? Nenne es mir , daß ich es im Fluge durchmesse ! Sich selbst verachten . Und - das dritte ? Sie standen an dem Thorweg . Berger zog die Klingel , die Thür sprang auf . Und das dritte , letzte Stadium ? Verachten , daß man verachtet wird . Und das Geheimniß selbst , das große Geheimniß ? Wer die drei Stadien durchgemacht hat , weiß es und versteht es , ohne daß er fragt . Wer darnach fragt , weiß es nicht und würde es nicht verstehen . Oswald , lebe wohl ! Auf Wiedersehen . Berger drückte Oswald noch einmal an sein Herz und trat durch die Pforte , die sich sofort wieder hinter ihm schloß . Oswald blieb vor der Pforte stehen , einem Bettler gleich , dem der Trunk , um den er bat , verweigert wurde . Dann ging er , gesenkten Hauptes , den Weg , den er mit Berger gekommen war , zurück . Die Nacht war dunkel ; kaum ein Stern an dem trüben , wolkenbedeckten Himmel ; die Pappeln am Wege raunten und zischelten und der Mühlbach unten schwatzte es nach : Die Welt verachten - sich selbst verachten - verachten , daß man verachtet wird ! Neuntes Capitel Zu derselben Zeit , als Oswald mit Berger von dem Gipfel der Gockeleia die Sonne in dem grünen Wäldermeer der Berge versinken sah , war in dem » Curhause « , ein Gast abgestiegen , dessen Ankunft in dem Hotel eine gewisse freudige Bewegung hervorrief . Es war eine junge , schöne , in einen dunkeln eleganten Anzug gekleidete Dame in Begleitung eines