gebrochener Abteien , an Dorf und Schloß , an Kloster und Kapelle vorüber , die alle , alle , ihre Geschichte haben , und oft eine recht traurige ! bis er sich flach und matt , wie lebensüberdrüßig , dem ehemals » goldenen Mainz « gegenüber in den Rhein gehen läßt , der ihn in rascher Strömung dahinreißt . Ehe es so weit mit ihm kommt und nachdem sich Kloster Engelberg und Schloß Windeck längst nicht mehr in ihm spiegeln , fließt er an Frankfurt vorüber , der alten Stadt der Kaiserkrönung , und an einem schönen Garten im englischen Styl , in dessen Mitte eine elegante Villa liegt . Die Stürme des Spätjahres hatten die Gesträuche bereits entblättert und die spärliche Belaubung der Bäume in kupferfarbene Schattierungen gefärbt . Die Rasenplätze waren durch die eisigen Herbstnebel und Nachtfröste bräunlich geworden und von den Massen der Blumen , die auf ihnen in tausend Farben geprangt hatten , war nichts übrig geblieben , als hie und da eine vereinzelte halberfrorene Georgine . Im Hause selbst war es aber sehr freundlich . Die Blumen , die im Garten fehlten , standen in Fülle in den Zimmern und in den Kaminen glimmte behagliches Feuer . An den Wänden hingen einige schöne Gemälde ; auf den Tischen lagen Lithographien , englische Stahlstiche , Journale , die Tagesliteratur Deutschlands , Frankreichs und Englands . Totenstille herrschte im Hause . Die Besitzerin war in die Stadt gefahren , der Salon leer und leer die Zimmer rechts und links . Endlich im letzten Gemach saß ein junges Mädchen , die Tochter des Hauses , die Tochter des spanischen Banquiers Miranes , der mehrere Jahre in Paris gelebt und sich jetzt hier niedergelassen hatte . Das junge Mädchen saß gedankenvoll mit untergeschlagenen Armen vor einer Staffelei , auf der ein herrliches Gemälde , ein Frauenbild in orientalischer Tracht , aufgestellt war . Sie betrachtete aufmerksam das Gemälde . Welch ein Auge ! sprach sie zu sich selbst ; und welch ein Blick ! ein Blick , der alles zu wissen scheint und doch ist er traurig . Wär ' ich allwissend .... ich wollte nicht traurig sein ! - Sie war allerdings das Bild der Melancholie . Ihre Züge waren von jener edlen regelmäßigen Schönheit , die man an den antiken Statuen bewundert und jener tief tragische Hauch , welcher der Antike ganz eigentümlich ist - von jener Sphynx an , im Sande der ägyptischen Wüste , zu Füßen der Pyramiden , bis zu jener Psyche , die in ihren Bruchstücken eine Perle des Museums zu Neapel und der griechischen Kunst ist - lag auch auf ihren Zügen . Dieser tragische Hauch der Antike gibt ihrer Schönheit , die oftmals herbe erscheinen könnte , einen großen Reiz : sie weckt Sympathie in jedem Menschenherzen , das , seiner Natur nach , durch stille Trauer gerührt wird . Die ganze antike Welt , mir ihren Heroen und ihren Göttern , steht unter der Signatur des Todes : sie ist unerlöst ! Wie sollte sie nicht traurig sein ? traurig durch jene Melancholie , die unbestimmt ein höchstes Gut ahnt und es nicht zu finden , ja nicht einmal zu suchen weiß . Und eine Unerlöste war auch diese schöne , schwermütige Judith Miranes : sie war Jüdin . Aus ihrem Nachsinnen erhob sie sich mit einer ungeduldigen Bewegung , sah nach der Uhr und murmelte unmutig : Schon halb eins ! ob der Ernest heute nicht kommen wird ? ich wüßte gar gern , was dies für ein Bild ist ! - Sie stand auf , zog graue Vorärmel an , rückte eine zweite Staffelei herbei , auf der ein Rahmen mit Leinwand überspannt sich befand , nahm ihre Palette , Pinsel , Zeichenstift hervor und hatte alles in Bereitschaft gesetzt und wohl zwanzig Mal nach der Uhr geschaut , bis endlich ein Diener die Türe öffnete und der Erwartete eintrat . Es war ein ältlicher Mann , in einem sehr abgetragenen Rock , mit einem äußerst wohlwollenden Gesicht , in welchem nichts Ungewöhnliches war , als ein ungemein klares Auge und eine sehr zart ausgearbeitete Stirne . Judith sagte stolz und hart , und ihr Ausdruck war nicht mehr schwermütig , wohl aber hochfahrend : » Sie haben mich lange warten lassen , Herr Ernest . « » Grüß Sie Gott , mein Fräulein ! Verzeihung , wenn ich Sie warten ließ , « antwortete er höchst unbefangen . » Sie hätten sich beschäftigen sollen , dann würden Sie ein Stündchen früher oder später gar nicht bemerken . Nun , wie gefällt Ihnen mein Gemälde ? « Mit beiden Händen in den Rocktaschen pflanzte er sich vor demselben auf und betrachtete es vergnügt . » Es ist wunderschön , « sagte Judith , » und auch wunderschön gemalt . Aber wen stellt es vor ? « » Es ist eine Kopie der berühmten Sybilla persica von Guercino , deren Original sich im Kapitol zu Rom befindet . « » Wer war die Sybilla persica ? « » Die Sibyllen waren , wie man sagt , hehre Frauen des Altertums , die unter den Heiden den Platz der Propheten im Volke Israel einnahmen und den zukünftigen Erlöser verkündeten . Die Geschichtsforschung verwirft sie . Poesie und Kunst lieben sie . « » Überall die Spur der Lüge , Herr Ernest ! « » Überall die Spur der Sehnsucht nach Offenbarung , Fräulein Judith . « » Wenn sie die Offenbarung wußte , warum trauert die Sybilla persica ? « » Sie trauert um die Sünden der Welt , die den Sohn Gottes vom Himmel herabziehen und an ' s Kreuz schlagen . « » Das verstehe ich nicht , oder eigentlich : das verstehen wir nicht ! « » Glaub ' es ! das Kreuz ist Euch ein Ärgernis ; uns ein Geheimnis himmlischer Liebe , voll unsäglich süßer Schmerzen und namenlos herber Wonne , und so hat es auch die Sybilla persica verstanden , obgleich sie nicht Christin