31. Januar 1488 zog er von etwa fünfhundert Reitern begleitet gen Brügge . Hier am Thore noch warnte ihn Kunz von der Rosen nicht hineinzugehen , weil er in sein Verderben renne . Max verwies ihm die Warnung und blieb bei seinem Entschluß . Da sagte Kunz zu ihm : » Lieber König , ich sehe , daß Du hier mit Gewalt gefangen werden willst ; da ich aber dazu keine Lust verspüre , so will ich Dir nur das Geleite bis an die Burg geben und dann zum andern Thore wieder hinaus reiten . Deinen lieben Söhnen in Brügge traue der Teufel . « Danach handelte er auch und verließ die Stadt und den König . Sobald er aber erfuhr , daß dieser wirklich in Brügge gefangen gehalten werde , versuchte er mit zwei Schwimmgürteln versehen durch den Schloßgraben zu kommen , um vermittelst des einen derselben seinen Herrn zurück über den Graben nach einem Ort zu bringen , wo er Pferde bereit hielt . Aber obwohl die Stille der Nacht ihn begünstigte , weckte er doch die im Graben wohnenden Schwäne , deren wildes Geschrei das unbemerkte Gelingen seines Beginnens unmöglich machte . Darauf lernte er das Bart- und Haarscheeren , schlich sich in die Stadt und gewann einen Franciskaner-Guardian , daß ihn derselbe als Begleiter eines andern Mönchs als des Königs Beichtvater in dessen Gefängniß schickte . Als mit ihm Kunz allein war , gab er sich zu erkennen und verlangte , der König soll sich eine Platte scheeren lassen und in der Mönchskutte entrinnen , indeß statt seiner er im Gefängniß bleibe . Standhaft verweigerte Max die Annahme dieses Opfers , und wie sehr Kunz auch flehete , weinte und zürnte , er mußte wieder gehen , wie er gekommen . Beim Abschied sagte er zu ihm : » Wenn Du mir auch nicht vergönnst statt Deiner zu bleiben , und Dich weigerst , mit mir die Rolle zu tauschen , wenn Deine Hüter kommen und den König suchen , so werden sie auch in Dir den Narren finden . « Indeß war sein Kommen doch nicht ganz vergeblich , denn Max erfuhr von ihm den Stand seiner Sache , und ebenso kam durch ihn überall die Kunde umher , wie es um den König stand . Aber erst am 16. Mai erlangte er die Freiheit . - Etwa eine Stunde mochte König Max in der Bauhütte gewesen sein , als er aus derselben wieder heraus trat , begleitet von dem Propst Anton Kreß , dem Hüttenmeister , Werkmeister und Pallirer und gefolgt von allen Werkleuten , Gesellen und Lehrlingen , und mit ihnen zur nahen Lorenzkirche zog . Heute hatte die Arbeit noch geruht . Alle hatten drinnen in der Hütte beim Empfang des königlichen Baubruders gegenwärtig sein und seine Begrüßungsrede hören wollen , die nicht außen gesprochen werden durfte , wo auch profane Ohren ihr hätten lauschen können . Jetzt eilten alle Steinmetzen , die bei dem äußern Bau zu thun hatten , an ihre Plätze . Max selbst hatte ein ledernes Schurzfell umgethan und eine Kelle in der Hand , um zu zeigen , daß er die edle Steinmetzkunst wohl verstehe und ihrer Ausübung in der Mitte der Baubrüder und vor allem Volk sich nimmer schäme . Im Freien ward bei solchen heiligen Bauten nur eben der wirkliche Aufbau mit Kalk und Mörtel vorgenommen . Die Steine selbst wurden erst in der Hütte behauen und mit jener kunstreichen Ornamentik versehen , oder zu jenen bald plastisch schönen , bald wunderlich komischen Gestalten vollendet , welche wir noch heute an den Werken der Gothik bewundern . Albertus Magnus , der Gründer des gothischen Baustyls , hatte zu seiner Bildung vieles aus den Schriften des Hermes Trismegistus und Plato benutzt und den berühmten Lehrsatz des Pythagoras in Anwendung für den Kirchenbau gebracht . Dieser Lehrsatz gründete sich auf die Einheit , welche er in das Achtort als den Mysterienschlüssel seiner neu erfundenen Baukunst legte . Das Eine , welches die Kraft , das Unerforschliche , den Anfang und das Ende aller Zahlen einschließt , und doch selbst keine ist , weder gerade noch ungerade , läßt sich durch keine arithmetische Formel herstellen : Gott ! und Gott ist Eins , ohne Anfang und Ende , ewig , was durch den Zirkel und den Kreis symbolisch ausgedrückt wird . Der Zirkel ist die Kraft , Festigkeit , das beharrliche Streben , wieder an den ersten Ausgangspunkt zu gelangen . Daher stellte Albertus das Achtort , in welches er den Zirkel stellte , das Dreieck , das den Kreis bildete , als Grundprinzip und System des Styls und der Constructionen fest . Um den Maurern den langen und schwierigen Weg des Lernens abzukürzen und zu erleichtern , und das Erlernte praktisch durchzuführen , ward der Tempelbau als Gottesdienst gelehrt , und rief Albertus diese symbolische Sprache der Alten wieder in ' s Leben , und paßte sie den Formen der cabbalistischen , mathematischen und geometrischen Baukunst an , wo sie in angenommenen Figuren und Zahlen als Abkürzungen weitläufiger Anordnungen im Baugeschäfte sehr gute Dienste leisteten , um so mehr , als es den Bauvereinen nicht erlaubt war , die Grundsätze der Albertini ' schen Baukunst schriftlich abzufassen , denn sie mußten , um nicht profanirt zu werden , stets das strengste Schweigen darüber beobachten . Um das Geheimniß zu bewahren , bediente man sich der Symbole . Sie galten als Norm und Richtschnur bei Ausübung der Kunst , und erleichterten dem , der sie verstand , die Arbeit . Nach dieser einmal festgestellten Kunstsprache ward die Construction des Baues gebildet . Der Geist dieser Geheimlehre wirkte segensreich , denn man nahm nur diejenigen zu Lehrlingen auf , bei denen man die Fähigkeit für ihr Verständniß voraussetzen konnte . Sie mußten sich einem ersten Examen unterwerfen , das nur diejenigen bestanden , welche mit natürlichem Verstand und einigen nöthigen Vorkenntnissen z.B. in der Geometrie und Mathematik ausgerüstet waren . Mehr noch als die strenge Strafe und Entehrung ,