Ihre Legitimation - ! Carte du séjour ! Ich bin - Der Regierungsrath analysirte schon die Bestandtheile des fehlenden Passes , der für Lucinden bereits einige male lästig genug zur Sprache gekommen war ... Augen schwarz , unterbrach er selbst den Landrath und mit staunender Ueberraschung - Nase mittel - Mund klein - Zähne - allerliebst - . Der Landrath wollte die Beschaffenheit der Zähne untersuchen und griff nach den Lippen des ängstlich sich in eine Ecke drückenden Mädchens ... Der Kammerherr stimmte zwar scheinbar in diese Lucinden dargebrachte Huldigung ein , wehrte aber denn doch die Hand des Rittmeisters jetzt mit einer Entschiedenheit zurück , die diesen zu dem Ausruf veranlaßte : Sacre bleu ! Herr , das ist grob ! Der Regierungsrath kam in diesem Augenblick zur Besinnung . Der Landrath war in jungen Jahren einer der wildesten Offiziere gewesen und hatte namentlich den Stolz des Landes , einen jungen Grafen von Truchseß-Gallenberg , kurz nach der Besitznahme dieser Provinzen durch die jetzt über sie herrschende Krone im Duell erschossen . Zum Landrath hatten ihn die Umstände , sein bei aller alten Husarenwildheit höchst leutseliges Wesen gemacht ; sein Ehrgeiz war aber gerade jetzt um so empfindlicher gereizt , je mehr seine hervorragende Stellung durch seine Neigung zur Galanterie , seine geringen Kenntnisse von administrativen Dingen , seine Schulden und vorzugsweise die zunehmende Abschließung des Provinzialgeistes in der adeligen Sphäre auf Schwierigkeit über Schwierigkeit stieß ... Kommen Sie , Rittmeister ! sagte der Regierungsrath ablenkend . Mein Bruder ist zu beneiden ! Aber er hat sein Glück verdient ! Seine Genie hat sich heute die Krone aufgesetzt ! Kein Trauring , Jérôme , nein , für Türck ein goldenes Halsband ! Ha , ha , ha ! brach der Landrath beschwichtigt aus und konnte sich vor Lachen kaum fest auf der Treppe erhalten , die man wieder niederstieg . Während er auf Lucinden fortwährend Kußfinger und schmachtende Blicke warf , wie sie auch nur ihm , dem ewigen Jeune homme und sechzigjährigen Adonis zu Gebote standen , verhütete der Regierungsrath durch kräftige Haltung der andern Hand des Schwankenden ein Unglück , wie es beim » schönen Enckefuß « oft schon vorgekommen . Er war für seine Jahre immer noch so unternehmend , sein Reiten war von solcher Kühnheit , daß der Effect seiner stundenlangen Toiletten ihm alle Augenblicke einmal durch ein schwarzes Pflaster auf Nase oder Stirn verdorben wurde . Die Lust und Freude im Kammerherrn war zu groß , um nicht nach Entfernung der beiden Neugierigen ganz zu ihr zurückzukehren . Er hatte während der Tafel einen Bindfaden aus der Tasche genommen gehabt , diesen heimlich um einige in seiner Nähe befindliche Flaschen geschlungen , dann Türck , einen der Hunde des Vaters , die immer in der Nähe des Mittagessens schnupperten , an sich gelockt , an den Faden ein Stückchen Fleisch befestigt und dies dann dem Thiere heimlich zugesteckt . Türck würgte daran , blieb aber noch ruhig auf seinem Platze , in Hoffnung auf mehr . Endlich aber vom Kronsyndikus aufgejagt , riß er alle Flaschen und Gläser um , übergoß das elegante neue Seidenkleid Portiuncula ' s von Tüngel-Appelhülsen mit Rothwein und machte , daß ihre Mutter , die hineingriff , um das theuere Kleid zu retten , sich mit den Scherben einer zertrümmerten Flasche empfindlich in die Hand schnitt . Die Verwirrung war so groß , daß nicht viel gefehlt hätte , der Kronsyndikus wäre seinerseits aus der Rolle gefallen und hätte nach dem ihm der Hunde wegen immer nahe liegenden Kantschu gegriffen und den Sohn vor allen Leuten durchgebläut . Denn daß dieser der Anstifter , war sogleich erkannt ... Die Tafel war zu Ende . Die Tüngel-Appelhülsens reisten ab , die Tüngel-Aus-dem-Winkel folgten , dann die Hülleshoven , die Ubbelohdes , Graf Münnich , die vornehmsten von allen , die Dorste-Camphausens , eines nach dem andern ... Lucinde , die von ganz andern Gedankenreihen bewegt war , hatte zu alledem noch die lästige Aufgabe , die Furcht des Kammerherrn , der sich nun nicht getraute ins Schloß zurückzukehren , zu beschwichtigen . Der Vater ließ sich nicht sehen , ein Omen , worüber der Schuldbewußte in Angst gerieth . Zuletzt mußte sie sich selbst entschließen , in der schon eingebrochenen Dunkelheit den weiten Weg nach dem Schloßhof ihn zurückzubegleiten und ihn unter vielen Umständlichkeiten und gewagten Scherzen ihrerseits mit dem Alten auszusöhnen . Glücklicherweise war aber der Kronsyndikus nicht allzu heftig ergrimmt . Bei solchen Familienconventen gab es immer Zank ; ihm kam jede Lebensäußerung der ihm doch Gleichgestellten anmaßend vor . Da wurden Erinnerungen durchgesprochen , die ihn verstimmten ; alte Wunden riß man auf , die kaum nach einer Generation ganz vernarbt waren ; wieder sah er , wie alles ihn haßte und fürchtete . Dann beschäftigte ihn mit Meldungen aller Art die » Regulirung « , die schon zu einem Schreckgespenst für ihn und das ganze Schloß geworden war , da sie ihn in Sinnen und Brüten bis zur Abwesenheit mehr treiben konnte als die Narrheit seines Sohnes . Die gute Stunde , von dem Doctor Klingsohr zu sprechen , war noch nicht gekommen , wenn auch der Abend leidlich vorüberging und die Aeußerungen des Kronsyndikus : » Ja , Lucinde , mit Portiuncula ist ' s nun nichts ! « öfter wiederholt wurden und ganz harmlos herauskamen . Klingsohr jedoch erschien wieder und wieder ... Noch mehr , er machte seine Drohung wahr , sich » auch als Original « zu zeigen . Welches die geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dem Kammerherrn war , begriff Lucinde nicht : aber seltsam genug , daß auch bei dieser ihr dargebrachten neuen Verehrung ein Bedürfniß zu Grunde zu liegen schien , in ihr mehr zu sehen , als sie sich selbst erscheinen konnte . Auch Klingsohr schmückte sie phantastisch aus und überhäufte sie mit dem Reize von Schönheiten , die sie trotz ihrer Eitelkeit als reine Erdichtung erkennen mußte . Auch ihm wurde sie zur Erscheinung , die bald