« übernahm . War die Vorlesung , welche häufig mehrere Stunden dauerte , und nur durch einzelne halbunterdrückte Exklamationen unterbrochen wurde , welche entweder dem Staunen über das Vorgelesene oder einer unzeitigen Störung galten , beendet , so lösete sich die lang gefesselte politische Phantasie der Zuhörer zunächst in einem unverständlichen Summen auf , das nicht unpassend mit dem fernen Brausen des Meeres oder dem düstern Grollen eines nahenden Orkans verglichen werden kann , bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer allgemeinen politischen Discussion ausbrach . Ungefähr eine Woche vor dem 18. März war wieder Abends eine zahlreiche Gesellschaft bei Stehely versammelt , welche mit Ungeduld die » Kölnische Zeitung « erwartete . Das Gedränge in den engen Zimmern war groß , so daß man sich nur mit Mühe hindurchzudrängen vermochte . Fern oder wenigstens unberührt von dem lauten Treiben der politischen Menge saßen in einer ziemlich dunkeln Ecke zwei Männer , welche sich von Zeit zu Zeit kurze Bemerkungen über die einen oder andern Gäste zuflüsterten . Der Aeltere von ihnen mochte zwischen 40-45 Jahre zählen , obschon sein Alter schwer zu bestimmen war . Denn seine breite , kluge Stirn war bereits mit vielen Runzeln bedeckt , während das hellbraune nach oben strebende Haar noch seine ganze Fülle und das hellbraune Auge noch seinen vollen Glanz besaß . Der militärisch kurz gestutzte Schnurrbart trug viel zu dem Ausdruck offner Männlichkeit bei , welcher der ganzen Erscheinung aufgeprägt war . Sein Begleiter saß fast ganz im Schatten , so daß man die Züge seines auffallend bleichen Gesichts nicht genau erkennen konnte . - Lassen wir diese Phantasten - sagte der Letztere - und erzählen Sie mir , wie der König die Nachricht von der beabsichtigten Demonstration aufnahm . - Er war mehr davon alterirt , als es meiner Ansicht nach der Gegenstand verdient . Auf der andern Seite hat er den Excedenten mehr Rücksicht bewiesen , als zuträglich war . Ich fürchte , mein Prinz - - Nennen Sie mich hier nicht so , Herr von M. Nun fahren Sie fort , was fürchten Sie ? - Ich fürchte , die halbe Maßregel , welche er anwendet , wird weder befriedigen noch entmuthigen , und daher erbittern und zur Aufregung beitragen . Hätte mir der König für das Gespräch , welches ich mit den » Führern « vorgestern in der Zeitungshalle hatte , plein pouvoir gegeben , so stände die Sache jetzt anders . Man muß , wenn man einem ungekannten Feinde gegenübersteht , seine Entschlüsse nach dem Eindruck des Augenblicks formiren . Und vollends diesem Feinde gegenüber war es ein Kinderspiel zu siegen . Soviel Untiefe , Taktlosigkeit - ja Knabenhaftigkeit habe ich nicht vermuthet . Werden Sie es glauben , daß sie nicht wußten , wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten ? Sie fühlen sich Alle geschmeichelt in dem Gedanken an die Wichtigkeit ihrer Person , die dadurch dokumentirt wurde , daß der Polizeipräsident in Höchsteigener Person und in voller Gallauniform zu ihnen kam , um zu unterhandeln ; aber die Einen suchten ihrer Eitelkeit dadurch Luft zu machen , daß sie grob wurden , die Andern wurden im Gegentheil verwirrt und äußerst höflich gestimmt . Aber bei keinem Einzigen fand ich eine Spur von Selbstbeherrschung und wahrem Bewußtsein . Sie wollen politische Würde zeigen , und werden tölpelhaft , sie möchten den großmüthigen Feind spielen und machen sich lächerlich . - Wäre es nach meinem Sinne gegangen , so hätte man ihnen gewähren lassen . Die Kinder , wissen Sie , werden ja zuletzt jedes , auch des schönsten Spielzeugs überdrüssig . Herr v. M. hatte , während er in dieser Weise von der seit einigen Tagen in der Stadt begonnenen Bewegung sprach , seinen Blick mit scheinbarer Unbefangenheit auf die edlen aber abgespannten Züge des Prinzen geheftet , als wollte er darin den Eindruck lesen , welchen seine Worte auf ihn hervorbringen würden . Aber der Prinz hatte wohl kaum darauf gehört ; er blickte zerstreut in die auf- und abwogende Menge und schaute erst wieder auf , als jener schwieg . - Und Sie glauben also - sagte er , seine Gedanken sammelnd - daß hinter dieser Demonstration nichts Tieferes steckt ? - Es ist möglich , daß geheime , hinter den Kulissen verborgene Kräfte die Drähte bewegen , welche diese Marionetten in Bewegung setzen , ja ich bin fast davon überzeugt . Auch habe ich über gewisse Personen sogar schon meine Vermuthungen . - - Das rasch aufblickende Auge des Prinzen , der in diesem Augenblicke an den Chevalier dachte , begegnete dem forschenden Blicke des Polizeipräsidenten . Jeder bemerkte den Ausdruck in den Blicken des Andern . Nur der Prinz hatte eine richtige Ahnung von dem , was Herrn v. M. in diesem Moment beschäftigte , während dieser in Betreff des Prinzen auf ganz falscher Fährte sich befand . - Verehrtester - sagte der Prinz mit ironischem Lächeln - welchen Preis würden Sie für die Entdeckung einer Verschwörung in optima forma zahlen ? - Königliche Hoheit - - - Ich habe Sie schon einmal gebeten - unterbrach ihn ungeduldig der Prinz - auf mein Inkognito Rücksicht zu nehmen ; viel zu oft schon für einen Polizeipräsidenten . Und nun einen freundschaftlichen Rath : Ich liebe die Spionage selbst vom Chef der Polizei nicht . Wenn Sie also einen Anspruch auf mein Vertrauen machen , so legen Sie mir gegenüber Ihr Polizeibewußtsein ab . - Ihre Vermuthung beruht auf einem Irrthum - erwiederte lächelnd Herr v. M. Er lächelte immer , wo andere Menschen in Zorn oder in Verlegenheit gerathen wären - auf einem doppelten Irrthum . Wie , wenn mir aus ganz andern Gründen , als Sie vermuthen , daran gelegen wäre , zu erfahren - - - Ob ich conspirire ? - Nein , das ist Nebensache ; welcher Partei Sie eventuell angehören würden ? - Und welche Motive könnten dies etwa sein ? - Die - wenn ich so sagen darf - freundschaftlichsten . - Also zum Exempel