nichts daran , aber es ist wahr . Das frivole Gedicht war in sich geschlagen , der Text verschwunden , und ich hielt , als ich einen Blick hineintat , ein in Halbfranz gebundnes Buch voll unschuldigweißer Papierblätter in Händen , statt der gotteslästerlichen Späße von Charles sept , Agnes Sorel , Dunois , Jeanne und ihrem Esel . Ja , was noch mehr sagen will , das Papier schämt sich seiner früheren Sünden , es liegt ein leiser roter Schimmer darüber , dem Satze zum Trotz ; litterae non erubescunt . Ich will es doch gleich herbeiholen , Sie durch den Augenschein zu überzeugen . « Münchhausen lief rasch , wie eine Bachstelze hinaus . Der alte Baron ging , mit den Händen in der Luft fechtend , seine Mütze in die Höhe werfend , und sie , wie einen Ball wieder auffangend , im Zimmer auf und nieder und rief : » Ein Teufelskerl , der Münchhausen ! Man muß ihm nach , man mag wollen oder nicht ! Im Anfang stemme ich mich jederzeit gegen seine Geschichten , aber ehe ich mich dessen versehe , haben sie mir die Schlinge über den Kopf geworfen und nehmen mich mit fort . Was sagst du dazu , Renzel ? « Emerentia versetzte : » Ich hoffe , die besondere Luftbeschaffenheit auch noch zu erleben , und aus meinem Aroma Manna zu erzeugen . « » Eine Närrin bist du « , polterte der alte Schloßherr , » die immer nur an sich denkt , und nie ihren Gesichtskreis erweitern mag ! Wenn ich nun ebenso wäre , und nichts von heute abend mir zur Ausbeute gewänne , als den selbstsüchtigen Wunsch , mir den grünen Esel in das Knopfloch zu sehnen ? Denkst du , daß dein alter Vatery nicht auch noch gern in seinen letzten Tagen einen Orden trüge , ohne irgendeins der sechs Verdienste um Dünkelblasenheim ? Aber ich bin nicht so enggesinnt ; mir liegt meine Ausbildung am Herzen , und noch heute abend frage ich Münchhausen über seine zweifarbigen Augen und sein Ergrünen aus , denn wir stecken einmal mitten in den sonderbaren und außerordentlichen Dingen , zudem stört uns auch der Schulmeister nicht mit seiner einfältigen höhnischen Miene . « Zehntes Kapitel Das kürzeste Kapitel dieses Buches nebst einer Anmerkung des Herausgebers Die letzteren Reden zu verstehen , muß gesagt werden , bevor Münchhausen wieder das Zimmer betritt , daß unter den vielen wunderwürdigen Dingen , die den Schloßbewohnern an dem Gaste auffielen , zwei im vorzüglichsten Grade ihr Erstaunen erregten . Er hatte nämlich ein blaues und ein braunes Auge , welcher Umstand seinem Antlitze einen ungemein charakteristischen Ausdruck gab , um so charakteristischer , als , wenn seine Seele voll gemischter Empfindungen war , die verschiedenen Elemente solcher Stimmungen gesondert in den beiden Augen hervortraten . Fühlte er z.B. eine freudige Wehmut , so leuchtete die Freude aus dem braunen Auge , die Wehmut dahingegen zitterte im blauen . Denn diesem blieben die zarten , dem braunen die starken Gefühle zugewiesen . Sein Gesicht war , wie ich es schon beschrieben habe , nämlich bleich , mit einem gelblichen Anfluge , etwa von der Farbe des pentelischen Marmors , oder eines in Wachs gesottnen Meerschaumpfeifenkopfes , der seinen Raucher noch nicht gefunden hat . Stiegen in ihm Affekte auf , welche bei uns andern ein Erröten hervorzubringen pflegen , so lief über seine Gesichtsfläche ein grüner Farbenton . Daher hatte der alte Baron auch sehr richtig den Ausdruck : Ergrünen , gebraucht , und wir werden uns desselben ebenfalls bedienen müssen , wenn Münchhausen im Verlaufe dieser Geschichten in Affekt geraten und die Farben wechseln sollte . Anfangs hatten die Schloßbewohner diese Phänomene mit einem geheimen Schrecken betrachtet . Bald indessen tilgten die großen Eigenschaften des Mannes und seine hinreißenden Darstellungen den Schrecken , und es blieb nur eine starke Neugier nach , was es mit jenem Farbenspiele für eine Bewandtnis haben möge ? Diese Neugier war begreiflicherweise in dem alten Baron am stärksten . Aber sie sollte auch an diesem Abende noch nicht gestillt werden . Denn nachdem er mit seiner Tochter eine geraume Zeit auf die Rückkunft Münchhausens gewartet hatte , trat statt seiner der Bediente Karl Buttervogel in das Zimmer und sagte : » Mein Herr läßt sich entschuldigen ; er kann das Buch nicht finden . Auch muß er « - setzte der Mensch geheimnisvoll und halbleise hinzu - » seine chemischen Mittel brauchen . « » Mittel ? Chemische Mittel ? « fragte der alte Baron besorgt . » Ist Sein Herr krank geworden ? « » Das nicht « , versetzte Karl Buttervogel , » aber der Lebenspurzeß kam in Abnahme und die Gassen müssen angewendet werden . « » Er will wohl sagen : Lebensprozeß , und : Gase ? « sprach der alte Baron nach einigem Besinnen . » Aber was soll denn das bedeuten ? « » Ich weiß nicht « , erwiderte der Bediente mit einer wichtigen Miene . » Es ist noch nicht aller Tage Abend und mit meinem Herrn steht es so so . Ein gescheiter Herr , ein gelahrter Herr , aber , aber , ich lobe mir Vater und Mutter ! « Der Schloßherr drang vergebens in den Menschen , sich näher zu erklären . Das neue Geheimnis hatte indessen nicht Zeit , in den Seelen der Schloßbewohner Wurzeln zu schlagen , denn Münchhausens Reden waren gerade in den Tagen , welche diesem Abende folgten , besonders gehaltreich , so daß der alte Baron selbst die Frage nach den Ursachen des Farbenspiels im Antlitze seines Gastes eine Zeitlang vergaß . Wir werden im folgenden einige dieser Reden und Erzählungen zur Kunde der Lesewelt bringen . Anmerkung Hier schließen sich die Kapitel eilf bis fünfzehn an , welche der wohlwollende Buchbinder der Spannung halber vorgeheftet hat . Ich habe über die Ratschläge nachgedacht , welche mir von diesem Manne heimlicherweise erteilt worden sind , werde sie befolgen , und