Bischof die Firmelung auf den alleinseeligmachenden Glauben erhalten hatte , obwohl , während ich sie empfing , Etwas in mir war , was dagegen protestirte . Ich ging nun öfter mit der Tante in die Messe , oder auch allein , und so sehr mich auch diese feierliche musikalische Mystik theilweise anlockte und zuweilen wie mit Wunderkerzen in meine horchende Seele hineinleuchtete , so ging ich doch nie mit einem befriedigten Gefühl aus der Kirche weg , sondern war betäubt , ermattet , muthlos . Zudem bemerkte ich , daß sehr Viele nur kamen , um die beiden italienischen Castraten singen zu hören , und diese letzteren waren es gerade , die mir eigentlich Alles verleideten und meine Andacht verdarben . Meine ganze physische Natur wurde nämlich empört und aufgeregt , sobald der unendlich weiche , lauliche , wollüstig hingeschlürfte , bald weibisch aufkreischende , bald in gedämpften Mitteltönen sich lächelnd kitzelnde , bald brünstig zitternde , bald in banger Lust klagende und sich verhauchende Ton dieser Sänger an mein Ohr fiel , und auf meine Nerven zu wirken anfing . Dieses empfindliche Mißbehagen ging einigemal sogar in Krämpfe und Anfälle von Ohnmacht bei mir über , und ich mußte aus der Kirche fortgetragen werden . Das weibliche Gefühl muß es überhaupt verletzen , einen Castraten zu sehn , der für einen Mann bloß lächerlich , für eine Frau aber immer nicht anders , als unerträglich und beleidigend sein kann . Dagegen wurde mir jedesmal wohl , wenn ich von der Kirchentreppe heruntertrat und die herrliche Aus- und Fernsicht über die schöne freundliche Elbe , mit den dahinterliegenden , weit in den blauen Horizont sich verlierenden Gegenden , vor mir erblickte . Diese Aussicht verlor nie ihren aufheiternden Reiz für mich , so oft ich mich auch darin erging , und wenn ich allein nach Hause kehrte , machte ich jedesmal einen Umweg und stieg die breiten steinernen Stufen zur Brühlschen Terrasse hinauf , dort oben unter den schattengebenden Alleen langsam und mit oft verweilenden Umblicken hinwandelnd . Da lag unten zur Seite die lange prächtige Elbbrücke auf ihren hohen Pfeilern und Bögen , drüben jenseit der Elbe kamen vom Linckeschen Bade die verlorenen Klänge eines Morgenconcerts herüber , und rings um mich her ging in eleganten Gruppen und Gestalten das Gedränge der schönen Welt Dresdens an mir vorbei . Solche Spaziergänge genoß ich mit harmloser Lust . Die Gesichter der Dresdener hatten im Ganzen eine gewisse Gefälligkeit für mich , sie sind fast immer fein , weiß und nett , wenn auch ohne Ausdruck , gebildet , und obwohl man ihnen im Durchschnitt weder Gemüthlichkeit noch Gutmüthigkeit zuschreiben kann , so ersetzen sie diese doch oft durch eine , ich möchte sagen , technische und hübsch zugeschnitzte Freundlichkeit . - Jetzt ereigneten sich einige Vorfälle , die mein Schicksal zeitigen halfen . Ich fühlte nämlich , daß unwiderstehliche Leidenschaften in mir rege geworden waren , mehr in der allgemeinen heißen Strömung meiner Natur , als daß sie noch einem besondern Gegenstande gegolten hätten , am allerwenigsten aber Dem , welcher sie durch absichtliche , künstliche und immer dringender werdende Mittel in mir hervorzulocken suchte . Es war ein mächtig lodernder Funke , den die Kraft meiner Phantasie aus den überschwenglichen Formen des reichen Lebens sich herausgeschlagen und zündend in mein Blut geworfen hatte , und dieses trieb nun stärkere Wellen zu dem Herzen hinauf , welches erbangend und überwältigt nirgend Befriedigung und Frieden für sich ersah . Wenn ich zuweilen spät aus einer geräuschvollen Gesellschaft , einem aufregenden Ball nach Hause kam , fand ich Niemand mehr zu beneiden , als den stillen , fleißigen , sinnigen Mellenberg . Er saß dann immer noch in tiefer Mitternacht auf seinem Zimmer , das in einer andern Ecke des Hofgebäudes dem meinigen gegenüber lag , und hatte Licht . Ich konnte ihm gerade in die Stube sehn , jede seiner Bewegungen belauschen , auf jedes Blatt Papier , das er beschrieb , mit hinblicken . Wahrhaftig , zuerst war es dann das Gefühl eines großen Neides , das in mir aufstieg , wenn ich ihn so vor seinem Arbeitstisch dasitzen sah . Ich hatte die Zeit wild hingebracht , und nach Glück und Vergnügen mich matt und müde gejagt , und er war in wohlthuender Ruhe bei seinen Büchern zu Hause geblieben . Der Friede ämsiger Gedankenvertiefung lächelte auf seiner gewölbten Stirn . Ich sah lange , lange zu ihm hinüber . Den dunkellockigen Kopf in die Hand gestützt , machte er sich mit großen Büchern zu schaffen , in denen er bald ganz versunken Seite für Seite umschlug und las , bald auf einem neben ihm liegenden Zettel etwas daraus notirte , oder wieder andere Bücher herbeiholte und darin etwas nachblätterte . So trieb er es unermüdlich bis ein , zwei Uhr , und mein Neid vermischte sich bald mit einer innern Ehrfurcht für seine stille Beschäftigung , und die Ehrfurcht ging mir ins Herz über und weckte darin allmälig eine leise Flamme . Zugleich dachte ich daran , wie gleichgültig ich ihm im Grunde zu sein schien , und dies reizte meine ganze Mädchenempfindlichkeit , nicht gegen ihn , sondern heimlich für ihn , auf . Ich lag gewöhnlich schon im Bett , während ich mich damit unterhielt , ihm drüben zuzusehen . Er konnte in mein Zimmer nicht hineinblicken , weil ich gleich , nachdem ich die Vorhänge wieder heruntergelassen , das Licht löschte , und er selbst , wie überhaupt nachlässig in allem Aeußern , war auch darin unvorsichtig , daß er die Gardine vor seinem Fenster nie zusammenzog . Dann , wenn sein Licht ihm auszubrennen drohte , legte er Alles bei Seite , und begann sich zu entkleiden . Doch hier muß ich erröthend abbrechen . - Der Sommer des Jahres 1830 war herangekommen . Es war ein schöner heller Tag , als der Graf uns die Einladung zu einer Landpartie zuschickte , das erste Mal , daß er uns dabei mit seiner Gegenwart zu