Mittag einzuläuten , ihre Töne zogen in langen , beruhigenden Akkorden über die Stadt über die weite Ebene , bis sie sich an den fernen Bergen brachen , und zitternd in das Blau der Lüfte verschwebten , als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wünsche der Menschen zum Himmel tragen . » So begleitet ihr also den Scheidenden wie ihr seinen Eintritt begrüßt habt « , rief der junge Reiter , » mit denselben Tönen , mit denselben feierlichen Akkorden sprechet ihr zu ihm , wann er kommt und geht ; wie anders , wie so ganz anders deutete ich eure ehernen Stimmen , als mein Ohr euch zum erstenmal lauschte . Da vernahm ich in euch verwandte Töne , es klang mir wie ein Ruf zur Geliebten ! Und jetzt , da ich scheide , ohne Aussicht , ohne Freude , jetzt ruft ihr mir dieselben Töne entgegen ? Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso eingeläutet , wie jetzt das Grabgeläute meiner Hoffnung ? Das Bild des Lebens ! « setzte er wehmütig hinzu , indem er nach einem langen Abschiedsblick auf dieses Tal , auf diese Mauern , sein Pferd wandte . » Das Bild des Lebens ! Um Wiege und Sarg schweben sie in gleichen Tönen , und die Glocken meiner Hauskapelle haben an jenem fröhlichen Tage , wo man mich zur Taufe trug , mir ebenso getönt , wie sie mir tönen werden , wenn man den letzten Sturmfeder zu Grabe trägt ! « Das Gebirge wurde jetzt steiler , und Georg , denn als diesen haben unsere Leser den jungen Reiter schon längst erkannt , Georg ließ sein Pferd langsam hinschreiten , indem er seinen Gedanken nachhing . Es war der Weg nach seiner Heimat , und die Vergleichungen , die er zwischen dieser Heimkehr und dem fröhlichen Auszug anstellte , mochten nicht dazu beitragen , seine düsteren Gefühle aufzuhellen . Der gesterige Tag , der schnelle Wechsel heftiger Empfindungen , seine Verhaftung , zuletzt noch heute der Abschied von Männern , die ihm wohlwollten , hatte ihn heftig angegriffen . Wie treuherzig und gutmütig hatte Dieterich von Kraft sein zierlicher Gastfreund seine Abreise bedauert ; wie gleich war sich dieser gute Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben , vom ersten Becher an , den er mit ihm im Rathaussaale geleert , bis zum Abschiedstrunk , den er seinem Gast noch auf das Pferd hinauf kredenzte ; und wie hatte er ihm gelohnt ? Beschäftigt mit sich selbst hatte er ihn wenig geachtet , übersehen . Wie hatte er dem biedern Breitenstein , wie dem Helden Frondsberg , der ihn vor den Augen eines Heeres wie seinen Liebling ausgezeichnet hatte , wie hatte er ihnen vergolten ? Wahrlich , es ist für ein edles Gemüt kein Gedanke drückender , als der , für undankbar zu gelten bei Männern , in deren Augen wir geachtet sein möchten . Er hatte unter diesen trüben Gedanken eine gute Strecke auf dem Gebirgsrücken zurückgelegt . Die Strahlen der Märzsonne wurden immer drückender , die Pfade rauher , und er beschloß , unter dem Schatten einer breiten Eiche sich und seinem Pferde Mittagsruhe zu gönnen . Er stieg ab , schnallte den Sattelgurt leichter und ließ das ermüdete Tier die sparsam hervorkeimenden Gräser aufsuchen . Er selbst streckte sich unter der Eiche nieder , und so gerne er sich dem Schlafe überlassen hätte , wozu nach dem ermüdenden Ritte ihn der kühle Schatten einlud , so hielt ihn doch die Besorgnis , in so unruhigen Zeiten in einem Lande , das so nahe dem Schauplatz des Krieges lag , um sein Roß und vielleicht gar um seine Waffen zukommen , einige Zeit wach , bis er in jenen Zustand versank , wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem Körper kämpft , der ungestüm seine Rechte fordert . Er mochte wohl ein Stündchen so geschlummert haben , als ihn das Wiehern seines Pferdes aufschreckte ; er sah sich um und gewahrte einen Mann , der , ihm den Rücken gekehrt , sich mit dem Tier beschäftigte . Sein erster Gedanke war , daß man seine Unachtsamkeit benützen , und das Pferd entführen wolle ; er sprang auf , zog sein Schwert und war in drei Sprüngen dort . » Halt ! was hast du da mit dem Pferd zu schaffen ! « rief er , indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des Mannes legte . » Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen , Junker ? « antwortete dieser und wandte sich zu ihm ; in den listigen , kühnen Augen , an dem lächelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten , den ihm Marie gesandt hatte : er war noch unschlüssig , wie er sich gegen ihn benehmen sollte , denn Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab , Mariens Zuversicht empfahl ihn , doch der Bauer fuhr fort , indem er ihm eine gute Handvoll Heu vorzeigte : » Ich konnte mir wohl denken , daß Ihr keinen Futtersack mitnehmen werdet ; auf den Bergen da oben sieht es noch schlecht aus mit dem Gras , da habe ich denn Eurem Braunen einen Armvoll Heu mitgebracht ; es hat ihm trefflich behagt . « So sprach der Bauer , und fuhr ganz gelassen fort dem Pferd das Futter hinzureichen . » Und woher kommst du denn ? « fragte Georg , nachdem er sich ein wenig von seinem Erstaunen gesammelt hatte . » Nun , Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten , daß ich Euch nicht gleich folgen konnte « , antwortete jener . » Lüge nicht ! « unterbrach ihn der junge Mann ; » sonst kann ich dir fürder nicht vertrauen . Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her ? « » Nun , Ihr werdet mich doch nicht schelten , daß ich mich etwas früher auf den Weg machte als Ihr ? « sagte der Bauer und wandte sich ab ; doch