sicherem Tritt , fest entschlossen , abzuwarten , es geschehe , was da wolle , sich zu erklären , es entstehe , was da wolle . Und doch war er auf der Schwelle des Saals betroffen . In einem großen Halbkreis rings an den Fenstern umher entdeckte er sogleich seinen Vater neben dem Oberamtmann beide stattlich angezogen . Die Schwestern , Antoni und sonst noch Bekannte und Unbekannte übersah er mit einem Blick der ihm trübe werden wollte . Schwankend näherte er sich seinem Vater , der ihn höchst freundlich willkommen hieß , jedoch mit einer gewissen Förmlichkeit , die ein vertrauendes Annähern kaum begünstigte . Vor so vielen Personen stehend suchte er sich für den Augenblick einen schicklichen Platz ; er hätte sich neben Lucinden stellen können , aber Julie , dem gespannten Anstand zuwider , machte eine Wendung daß er zu ihr treten mußte ; Antoni blieb neben Lucinden . In diesem bedeutenden Momente fühlte sich Lucidor abermals als Beauftragten , und gestählt von seiner ganzen Rechtswissenschaft , rief er sich jene schöne Maxime zu seinen eignen Gunsten heran : » Wir sollen anvertraute Geschäfte der Fremden wie unsere eigenen behandeln , warum nicht die unsrigen in eben dem Sinne ? « - In Geschäftsvorträgen wohl geübt , durchlief er schnell , was er zu sagen habe . Indessen schien die Gesellschaft , in einen förmlichen Halbzirkel gebildet , ihn zu Überflügeln . Den Inhalt seines Vortrags kannte er wohl , den Anfang konnte er nicht finden . Da bemerkte er , in einer Ecke aufgetischt , das große Tintenfaß , Kanzleiverwandte dabei ; der Oberamtmann machte eine Bewegung , seine Rede vorzubereiten ; Lucidor wollte ihm zuvorkommen , und in demselben Augenblicke drückte Julie ihm die Hand . Dies brachte ihn aus aller Fassung , er Überzeugte sich , daß alles entschieden , alles für ihn verloren sei . Nun war an gegenwärtigen sämtlichen Lebensverhältnissen , diesen Familienverbindungen , Gesellschafts- und Anstandsbezügen nichts mehr zu schonen ; er sah vor sich hin , entzog seine Hand Julien und war so schnell zur Türe hinaus , daß die Versammlung ihn unversehens vermißte und er sich selbst draußen nicht wiederfinden konnte . Scheu vor dem Tageslichte , das im höchsten Glanze über ihn herabschien , die Blicke begegnender Menschen vermeidend , aufsuchende fürchtend , schritt er vorwärts und gelangte zu dem großen Gartensaal . Dort wollten ihm die Kniee versagen , er stürzte hinein und warf sich trostlos auf den Sofa unter dem Spiegel : mitten in der sittlich-bürgerlichen Gesellschaft in solcher Verworrenheit befangen , die sich wogenhaft um ihn , in ihm hin und her schlug . Sein vergangenes Dasein kämpfte mit dem gegenwärtigen , es war ein greulicher Augenblick . Und so lag er eine Zeit , mit dem Gesichte in das Kissen versenkt , auf welchem gestern Lucindens Arm geruht hatte . Ganz in seinen Schmerz versunken , fuhr er , sich berührt fühlend , schnell in die Höhe , ohne die Annäherung irgendeiner Person gespürt zu haben : da erblickt ' er Lucinden , die ihm nahe stand . Vermutend , man habe sie gesendet , ihn abzuholen , ihr aufgetragen , ihn mit schicklichen , schwesterlichen Worten in die Gesellschaft , seinem widerlichen Schicksal entgegen zu führen , rief er aus : » Sie hätte man nicht senden müssen , Lucinde , denn Sie sind es , die mich von dort vertrieb ; ich kehre nicht zurück ! Geben Sie mir , wenn Sie irgendeines Mitleids fähig sind , schaffen Sie mir Gelegenheit und Mittel zur Flucht . Denn , damit Sie von mir zeugen können , wie unmöglich es sei , mich zurückzubringen , so nehmen Sie den Schlüssel zu meinem Betragen , das Ihnen und allen wahnsinnig vorkommen muß . Hören Sie den Schwur , den ich mir im Innern getan und den ich unauflöslich laut wiederhole : Nur mit Ihnen wollt ' ich leben , meine Jugend nutzen , genießen , und so das Alter im treuen , redlichen Ablauf . Dies aber sei so fest und sicher als irgend etwas , was vor dem Altar je geschworen worden , was ich jetzt schwöre , indem ich Sie verlasse , der bedauernswürdigste aller Menschen . « Er machte eine Bewegung zu entschlüpfen , ihr , die so gedrängt vor ihm stand ; aber sie faßte ihn sanft in ihren Arm . - » Was machen Sie ! « rief er aus . - » Lucidor ! « rief sie , » nicht zu bedauern , wie Sie wohl wähnen , Sie sind mein , ich die Ihre ; ich halte Sie in meinen Armen , zaudern Sie nicht , die Ihrigen um mich zu schlagen . Ihr Vater ist alles zufrieden ; Antoni heiratet meine Schwester . « Erstaunt zog er sich von ihr zurück . » Das wäre wahr ? « Lucinde lächelte und nickte , er entzog sich ihren Armen . » Lassen Sie mich noch einmal in der Ferne sehen , was so nah , so nächst mir angehören soll . « Er faßte ihre Hände , Blick in Blick ! » Lucinde , sind Sie mein ? « - Sie versetzte : » Nun ja doch « , die süßesten Tränen in dem treusten Auge ; er umschlang sie und warf sein Haupt hinter das ihre , hing wie am Uferfelsen ein Schiffbrüchiger ; der Boden bebte noch unter ihm . Nun aber sein entzückter Blick , sich wieder öffnend , fiel in den Spiegel . Da sah er sie in seinen Armen , sich von den ihren umschlungen ; er blickte wieder und wieder hin . Solche Gefühle begleiten den Menschen durchs ganze Leben . Zugleich sah er auch auf der Spiegelfläche die Landschaft , die ihm gestern so greulich und ahnungsvoll erschienen war , glänzender und herrlicher als je ; und sich in solcher Stellung , auf solchem Hintergrunde ! Genugsame Vergeltung aller Leiden . » Wir sind nicht allein « , sagte Lucinde ,