sprechen - aber er vermochte es nicht . Er riß sich los , und eilte hinaus . Hatte er mich verstanden ? Fühlte er , was ich sagen wollte ? Laß mich nun , Junia ! meine Hoffnungen , meine Aussichten , alle meine Freude und Beruhigung in deine theilnehmende Brust gießen , und zürne mir nicht zu strenge ! Ach , ich war lange genug unglücklich . Mißgönne mir den Sonnenstrahl nicht , an dem mein verdüstertes Wesen sich zutrauensvoll entfaltet , und zu bessern Tagen auflebt ! Nichts ist Zufall in der Welt , meine Geliebte ! Alles ist Fügung und Anordnung einer weisen Vorsicht , die der belebten und unbelebten Natur ihre ewig unverbrüchlichen Gesetze mitgetheilt hat , von denen abzuweichen eben so unmöglich ist , als den gestrigen Tag zurückzurufen . Alles Zufällige , alles Ungefähr hört auf , und daß uns etwas so erscheint , ist nur Schuld unserer beschränkten mangelhaften Ansicht , welche nicht mehr als einen kleinen Theil des großen Ganzen zu übersehen im Stande ist . Da wir aber vom Schöpfer mit Vernunft und Gewissen begabt , und verpflichtet sind , unter Leitung der erstern auf Antrieb des letztern zu handeln , zu wählen , zu verwerfen ; so hört unsere Zurechnung , und unser freier Wille nicht zugleich auf . Nun aber , weil es unmöglich ist , etwas zugleich zu thun und zu lassen , weil unter tausend möglichen Fallen nur Einer in die Wirklichkeit eintreten , und in die Kette der Begebenheiten eingreifend , selbst zur Ursache unabsehlicher Folgen werden kann : so ist unsere Entschließung und ihre Wirkungen vorausgesehen von dem Auge , dem Vergangenheit , Zukunft und Gegenwart Ein Tag ist , und wir handeln nach dem großen Plan , wie zwanglos , wie vernunftmäßig oder sinnlich , wie tugendhaft oder leidenschaftlich unsere Entschließung gewesen seyn mag , und alles leitet zu einem schönen Ziel , das weit hinter diesem nächtlichen Erdenleben in lichter Ferne zuweilen dem redlichen Forscher , oder dem kindlichen Sinne erscheint . Wenn du mir nun das zugibst , und ich sehe nicht wohl , wie du als Christin und selbstdenkendes Wesen es bestreiten kannst , so darf ich mich ja wohl dem süßen Gedanken überlassen , daß die Begebenheiten der letzten Tage eben so von Gott geordnet , und eben so , wie alles Uebrige in der Welt , Leitung zu einem hohen edeln Zwecke seyen . Warum , meine Liebe ! mußte Agathokles gerade zu dem Feldherrn kommen , in dessen Frau er seine Jugendgeliebte findet ? Warum zu einer Familie , die aus lauter Bekennern des Christenthums besteht ? Warum mußte bei ' m Sturm auf Nisibis unter so augenscheinlichen Gefahren sein Leben verschont bleiben , und er Gelegenheit finden , sich seinem Vorgesetzten so hoch zu verpflichten , ihn zu seinem Freunde zu machen ? Warum kam dein Brief , der mich in Edessa vielleicht zur Trennung von ihm vermocht hätte , erst jetzt , wo es viel zu spät war ? Wie wäre es , Junia ! wenn alle diese scheinbaren Zufälligkeiten sich zu dem Zwecke vereinigten , Agathokles in den Schooß unserer heiligen Kirche zu führen , und ihm den einzigen Vorzug zu ertheilen , der ihm noch fehlt , um ganz vollkommen zu seyn ? Agathokles ein Christ ! Junia ! Diese strenge Tugend , dieser erhabene Sinn , durch den Geist des Christenthums erhöht , veredelt , verfeinert ! O wie gern will ich dann meine Leiden getragen , und durch acht freudenlose Jahre diesen Augenblick höchster Seligkeit erkauft haben ! Dein Brief hat mir die Ankunft meines geehrten Lehrers Apelles hoffen lassen . Noch ist sie nicht erfolgt , aber ich begreife wohl , daß die Störungen , die der Krieg in diesen Gegenden verursacht , und die öftere Veränderung unsers Standorts seine Reise verzögert haben mögen . Wie sehr wünschte ich ihn zu sehen ! Ich würde mir sehr viel von der Gewalt seiner Ueberzeugung , und seiner feurigen Beredtsamkeit für Agathokles Sinnesänderung versprechen . Ach , es ist schon ein so schöner Anfang gemacht ! Gelingt es Apelles , das Ganze zu vollenden , so wäre das eine neue Wohlthat , die ich deiner Liebe und Theophrons väterlicher Sorge um mich zu danken hätte . Sage ihm , dem ehrwürdigen Lehrer und Tröster meiner Jugend , daß ich ihm mit kindlicher , und dir mit schwesterlicher Zärtlichkeit dafür danke . Mein Gemüth ist jetzt viel stiller und ruhiger , ein heiterer Friede wohnt in mir , wie er einst die Jahre meiner Kindheit beseligte , und zum erstenmal nach mehr als acht Jahren blicke ich mit Ruhe auf die Gegenwart , und ohne Furcht in die Zukunft . Vielleicht hat die gütige Vorsicht mir in spätern Jahren Ersatz für die verlorene Jugend bestimmt . Was sie auch senden mag , wie viel , wie wenig es sey , ich will es kindlich hinnehmen , und dem , was sie verweigert - Junia ! es ist etwas Großes ! es hätte mich zum glücklichsten Weibe auf Erden gemacht ! - mit stiller Unterwerfung entsagen . 24. Agathokles an Phocion . Nisibis , im Sept . 301 . Noch lebe ich ! Die Ahnung eines nahen Endes aller meiner Kämpfe und Leiden hat mich getäuscht , und es beginnt ein Daseyn für mich , das zwischen der Seligkeit der Götter und den Qualen des Tartarus oft und plötzlich wechselnd mich entweder zum Wahnsinn bringen wird , oder die erschöpfte Natur erliegt den unaushaltbaren Stürmen . Es war eine Zeit , wo der Gedanke , Larissen zu sehen , mich zu jedem Wagestück getrieben , mich jedes Hinderniß zu überwältigen gelehrt hätte , wo ich für die Seligkeit , diese Züge zu erblicken , die so tief in mein Herz gegraben sind , den Ton dieser Stimme zu hören , die seit den Kinderjahren nicht in meiner Brust verhallt ist , mein Leben gegeben haben würde . Noch denke , noch fühle ich eben so