, oder ein kränkelnder Phantast geblieben wäre . Wie bewundre ich diesen Mann , der eine so reiche Imagination , mit einem so großen praktischen Verstand verbindet , und dem es so oft im Leben gelungen ist , die geistigen Blüthen der Phantasie und Liebe , und die irrdischen Früchte mühevoller Thätigkeit zu brechen , und in zwei Gebieten zu genießen . - Auch ich stehe nun erheitert im Leben da , und entschlossen , das Ruder meines Schicksals , so viel ich kann , selbst zu lenken , ohne mich , und überhaupt den einzelnen Menschen , für außerordentlich wichtig , aber auch eben so wenig , für vergessen zu halten . Ein großer Verstand beherrscht das Ganze ; und es ist klein und eitel , sich als Zweck desselben zu denken . Das ist die Freiheit des Menschen und sein Werth , daß er mit Weisheit in die Umstände eingreift , die ihn umgeben ; und wohl ihm , wenn er es versteht , sie mit seinem eigentlichen Wesen in Harmonie zu bringen ! - Ich strebe darnach , mir feste Ideen zu bilden , nach denen ich handle ; denn wären sie auch falsch , so machen sie doch das Leben zu einem Ganzen , da Erfahrung allein nicht zum Leitstern unserer Handlungen taugt , weil man fast bei allen Zweifeln , die uns im Leben aufstoßen , Erfahrungen dafür und dagegen anführen kann . Andere werde ich immer nach mir selbst beurtheilen , denn ein jeder kann sich selbst der Repräsentant der Menschheit sein , wenn er Geistesjugend und Freiheit genug besitzt , um Menschen und Welt im Allgemeinen denken zu können , und nicht in dem engen Kreise einer ängstlichen , kurzsichtigen Selbstsucht fest gebannt ist . Fünfter Brief Eduard an Barton Ich gieng vor einigen Monaten aufs Land . Mein Vater selbst rieth es mir , weil er meine Gesundheit nicht für ganz befestigt hielt . Aber während der ersten Tage , die ich in der freien Natur zubrachte , war mir sehr weh zu Muthe . Hier erst , fühlte ich schmerzhaft den Unterschied zwischen jetzt und ehmals , fühlte , daß die Musik in meiner Seele verstummt war . Ein Schleier schien zwischen mir und der Natur herunter gefallen zu sein ; ich hörte die sehnende Nachtigall nicht , sahe unbewegt die neubelebte Gegend . Oft lief ich weit , und strebte mit Ungeduld an einen Ort zu kommen , und wenn ich nun da war , so hatte ich keinen Zweck gehabt ; alles war stumm , und ich mußte rastlos weiter . - Da drang das Andenken an Amanda , an ihre unnennbare Liebenswürdigkeit , mit voller , siegender Gewalt in mein Herz . O ! süßes , süßes Glück der Liebe ! rief ich einsam , du einziges nicht zu vergleichendes Gut ! O , könnten alle meine Seufzer , alle meine Thränen , Flügel werden , und ich so , Dich wieder erreichen ! - Aber , Freund , ich fühlte bald das Gefährliche dieser Stimmung , und ich hatte nun schon Kraft genug , mich heraus zu reissen . Ich beschloß in der Gegend Bekanntschaft zu suchen ; vielleicht konnte ich hier finden , was ich so sehr bedurfte - neues Leben , neue Liebe . Denn Barton , was ist denn das Leben , ohne weiblichen Umgang ? - Warum sollte ich es nicht sagen : das Weib ist die Seele von Allen . Sie sind die innersten , feinsten Triebfedern des großen Kunstwerks , alles menschlichen Thuns und Beginnens ; wir sind die äusseren Räder , und natürlich , daß unsre stärkern Bewegungen immer sichtbar sind , während jene , meist ungesehn , und nur dem geschärften Auge bemerkbar wirken . Ich suchte mich also , mit der Gegend und ihren Bewohnerinnen , bekannt zu machen . Bald führte mich das Ungefähr in eine Gegend , die mich unbeschreiblich anzog . Mitten im Walde , lag die schönste Ruine , die ich je gesehen habe . Die ganze Stelle hatte eine wunderbare Mischung , von süßer , weichlicher Ländlichkeit , und reizender romantischer Wildheit ; nie hab ' ich etwas Lieblicheres gesehen . Ich stand vor den Ruinen , in der dunkelsten , angenehmsten Schwärmerei vertieft , und ward nur durch das Haus des Amtmanns , darinnen gestöhrt , das recht unschicklich in die edlen Trümmer hineingebaut war , als ich an einem Fenster desselben , ein frisches , weibliches Gesicht erblickte . - Es ist nicht zu leugnen , daß der Anblick eines artigen Mädchens , in einer einsamen , schönen Gegend , einen tiefen Eindruck auf die Einbildung macht , und ich empfand dies um so mehr , da mir unwillkührlich Werthers Amtmanns Tochter , dabei einfiel . - Auch hatte ich schon vorher im Wirthshause , von der Schönheit dieses Mädchens gehört , und , daß schon viele , sich , ihr zu gefallen , hier aufgehalten hätten . - Da ich jetzt so ganz Herr meiner Zeit war ; so entstand der Plan sehr leicht , einige Zeit in dem Orte zu leben , und es war nicht schwer , in dem Amthause selbst aufgenommen zu werden , um so mehr , da das außerordentliche , schlechte Wirthshaus des Orts , meine Bitte vollkommen rechtfertigte . Ich wohnte nun da , und konnte täglich , so viel ich wollte , den Anblick eines wirklich schönen Mädchens genießen , die , mit ein paar jüngern Geschwistern , ihrem Vater , einem freundlichen , verbindlichen Mann , der für vieles Sinn zu haben schien , und der Mutter , einer geschäftigen Hausfrau , das reizendste , liebenswürdigste Gemälde von der Welt darstellte . - Ich fühlte mich wirklich glücklich , weil ich unter Menschen lebte , die es zu sein , und es zu verdienen schienen , und wär ' ich bald wieder abgereist , so hätte ich eine reine , schöne Erinnerung für mein Leben gewonnen ; so aber blieb ich ,