sie sie auch nicht vergrößern . Denn machte er längere und raschere Schritte , so thaten sie das Gleiche , blieb er stehen , so machten sie es ebenso . Letzteres that er mehrmals und überlegte sich dabei , ob es nicht besser wäre , umzuwenden und seinen Verfolgern direkt auf den Leib zu gehen . Dies zu thun war er schon im Begriff , doch hatte er mittlerweile die enge Gasse verlassen und eine breite , lange Straße erreicht , die von mehreren Gaslampen hell beschienen war , und sah bei deren Licht dort zwei ähnliche verdächtige Gestalten , die ihm auf ein Zeichen seiner ersten Begleiter ebenfalls folgten . - Vier würden ein zu großes Aufsehen geben , dachte er bei sich . Also nichts von Gewalt ; hier muß List entscheiden und Schnelligkeit . Behutsam warf er einen Blick um sich ; die letzten seiner Verfolger waren wohl zwanzig Schritte entfernt , die ersten schlichen auf der andern Seite der Straße . Er beschleunigte seinen Gang und als er eine enge Seitengasse erreicht hatte , schoß er dort mit einem gewaltigen Satze hinein . Doch mußten die vordern seiner Verfolger diese Absicht errathen haben , denn Einer stürzte ihm so rasch nach , daß er ihn in der nächsten Sekunde dicht an seiner Seite laufen hörte . Die Andern blieben nicht weniger zurück und er hörte deutlich ihre lauten Schritte auf dem Pflaster der sonst menschenleeren Straßen im schnellsten Tempo . Vor allen Dingen galt es jetzt sich seines nächsten Verfolgers zu entledigen , und als er ein Mittel hiezu gefunden , mußte er selbst darüber lächeln . Er wandte seinen Lauf etwas nach der Mitte der Straße , gegen einen Gaskandelaber , so zwar , daß sich dieser jetzt zwischen ihm und seinem Verfolger befand . In diesem Augenblicke faßte er die eiserne Stange desselben mit der Hand , schwang sich um sie herum und traf den Andern dabei mit der ganzen Wucht seines Körpers , daß dieser laut dröhnend zu Boden stürzte . Hierauf änderte er die Direktion seines Weges abermals und flog nun in raschen Sätzen über die dunklen Straßen dahin , einem Stadttheile zu , wo wenig Verkehr war und spärliche Gasflammen brannten und wo an große herrschaftliche Häuser viele Gärten stießen . Seine Verfolger blieben übrigens dicht hinter ihm und so stark und ausdauernd er auch war , so fühlte er doch nach und nach , wie ihm das Athmen schwerer wurde und wie es ihm große Mühe zu verursachen anfing , den beschleunigten Lauf fortzusetzen . Wohin sollte er sich wenden ? Er hatte gehofft , seine Verfolger zu ermüden und ihnen auf diese Weise zu entgehen . - Vergebens . Wenn er auch zuweilen mehrere Schritte Vorsprung hatte , so strengten sich die Andern desto mehr an , in seine Nähe zu kommen , und sie hatten dies leichter , da sie sich theilen , ihm zuweilen den Weg abschneiden und so denselben für sich abkürzen konnten . Glücklicherweise hatte Keiner von ihnen Schießwaffen bei sich , sie hätten es aber auch vielleicht nicht gewagt , davon Gebrauch zu machen , denn der da vorn , den sie verfolgten , mußte doch am Ende lebend in ihre Hände fallen . Nachlassen wollte Keiner und jetzt am allerwenigsten , wo die Häscher deutlich sahen , daß der Flüchtling da vorn seinen Lauf nicht mehr so rasch fortsetzte wie bisher . Ja , er schien ungewiß zu sein , welchen Weg er nehmen sollte . Er schaute um sich , gewiß in der Absicht , den Ort zu erkennen , wo er sich befände . - Stand er dort nicht stille ? Ja , er hatte sich an die Mauer gelehnt , gewiß konnte er nicht weiter und wollte sich ergeben . Mit erneuerter Kraft , das Ende ihres Laufes vor sich sehend , stürzten die Polizeibeamten vorwärts . Jetzt hatten sie die Stelle erreicht , wo sich Jener befand . Schon streckte der Vorderste den Arm nach ihm aus , als er sah , daß der Flüchtling verschwunden war , an einer Mauer verschwunden war , viel zu hoch , um darüber hinwegspringen zu können , aber in der Nähe eines Gartenpavillons , den sie jedoch bei näherer Untersuchung fest verschlossen fanden , und welcher obendrein zu dem Garten des Polizeipräsidenten gehörte . Achtundsiebenzigstes Kapitel . Auf der Polizeidirektion . Während die vier Polizei-Beamten ganz ermattet und sehr verblüfft vor dem Gartenpavillon standen , befand sich der Flüchtling in demselben in Sicherheit . Er blieb dicht an der Thüre stehen , und hütete sich vor dem geringsten Geräusch , ja er bezwang so viel als möglich seine keuchende Brust , damit das Athemholen drüben nicht gehört würde . Ringsum war es stille , und er von seinen Verfolgern nur durch eine dünne Bretterwand geschieden ; er fühlte sich jetzt wie der Schiffer auf stürmischem Meer . Näher als vorhin und auch jetzt noch war er dem Verderben nie gewesen . Die Nervenaufregung , das Bewußtsein , handeln zu müssen , hatten ihn bis jetzt nicht dazu kommen lassen , seine Lage zu übersehen - seine Lage , und vor Allem die seiner unglücklichen Schwester . Jetzt aber , wo sein Körper ermattet war , wo die Gefahr hinter ihm zu liegen schien , wo er trotzdem immer noch wie angefesselt stehen mußte , jagten seine Gedanken in tollen und wilden Bildern durch sein Gehirn . Und was sie ihm Schreckliches zeigten , das waren leider keine Gebilde der Phantasie , das war Alles wahr , nur zu wahr ! Sein mächtiger Geist breitete in rascher Aufeinanderfolge Alles Gehörte und Gesehene vor sich aus , er überlegte , verglich , verwarf und kam zu dem entsetzlichen Resultat , daß der Boden , auf dem er bisher gelebt , anfange unter seinen Füßen zu wanken , daß er auf schlüpfrigem Bergrande stehe , schon hinabgleitend , ohne daß sich seinem suchenden Auge ein sicherer Anhaltspunkt , eine rettende Stütze gezeigt hätte . -