. Man trat , soweit die Sitte dies erlaubte , nahe zusammen , es entstand eine Leere neben der Gräfin und der Herzogin , die sich in halber Ohnmacht gegen einen der Marmorpfeiler lehnte . Niemand kam ihr zu Hülfe . Hatte doch ihre Zudringlichkeit den gnädigen Monarchen in diese schlimme Angelegenheit verwickelt . Welch eine andere Frau hätte ihre Enkelin so schlecht erzogen , so schlecht bewahrt ! Die Ungnade der Herzogin war vollauf verdient , man konnte , man durfte sie nicht beklagen ; und wie man sie verdammte und fallen ließ , bewunderte man den Prinzen Polydor und seinen Vater , die , sobald der Dienst sie freiließ , den beiden Verbannten ihren Arm und ihre Begleitung boten , um sie durch die Vorsäle in das Vorgemach zu führen , in welchem die Diener sie erwarteten . Vom Hofe verbannt - das hieß vernichtet für die Herzogin . In ihren letzten und höchsten Hoffnungen betrogen , starr vor Schrecken , daß die Sprache sich ihr versagte , war die Herzogin in ihrem Palaste angelangt . Keiner von ihren Leuten wußte , was geschehen war , die Bestürzung brachte das ganze Haus in Aufruhr . Aber noch hatte man die Greisin , die in heftiger Beklemmung nach Athem rang , in ihren Zimmern der Hofkleidung nicht entledigt , als Eleonore schon den Freiherrn von Arten zu sich bescheiden ließ . Unglücklicher Weise war er nicht zu Hause . Die gestrige Unterhaltung mit dem Abbé hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und ihn unzufrieden mit sich selbst zurückgelassen . Er konnte es sich nicht wegläugnen , daß fast alles , was sein geistlicher Freund über die Gräfin und über deren Tante geäußert hatte , richtig war . Auch in dem allgemeinen Urtheile , welches der Abbé über die Frauen und über die Bedeutung und den Werth einer wahrhaft weiblichen Natur gefällt hatte , stimmte er mit ihm zusammen . Schon während jener noch an seiner Seite ging , hatte Renatus unwillkürlich die beiden Gestalten , Eleonore und Hildegard , einander gegenüber gestellt und mit einander verglichen . Er hatte das schon oft , er hatte es fast an jedem Tage gethan , und immer war die Entscheidung zu Eleonorens Gunsten ausgefallen . Nun hatte er mit Einem Male zu bemerken geglaubt , daß er gegen seine Verlobte nicht gerecht gewesen sei , daß er ihr lange in seinem Herzen Unrecht gethan habe , und wie der Abbé ihm mit so viel Wärme von dem Glücke gesprochen hatte , das einem Manne aus der vollen , hingebenden Liebe einer demüthigen , in engem Kreise sich beschränkenden Frau erwachse , hatte Renatus sich mit einer Beschämung , die jedoch ihr Süßes hatte , eingestanden , daß ihn dieses Glück erwarte und daß es nur an ihm liege , es sich , sobald als er wolle , anzueignen . Seit Jahr und Tag hatte er nicht mehr mit Freuden an seine Verlobte , nicht mehr mit Sehnsucht an die Heimath gedacht . Als er aber am verwichenen Abende in seine Wohnung zurückgekehrt war , hatte er seit langer Zeit zum ersten Male wieder Hildegardens Briefe aus dem kleinen Behälter hervorgenommen , in dem er sie bewahrte . Die schöne , röthlich blonde Locke , welche sie sich in der Scheidestunde abgeschnitten , fiel ihm dabei in die Hand . Er hatte sie während der ganzen Feldzüge auf der Brust getragen ; erst in Paris hatte er sie von sich abgelegt . Nun hielt er sie gegen das Licht , sie glänzte hell wie Gold . Er ließ sie durch die Finger gleiten , strich sanft mit der Hand darüber hin ; das Haar war seidenweich , und zärtlich , als habe er die Geliebte selber neben sich , drückte er die Locke an die Lippen . Er war gerührt und fühlte sich schuldig . Einen nach dem andern las er die Briefe durch , welche er im Laufe der letzten Jahre von Hildegard erhalten hatte ; aber je mehr er sich in sie vertiefte , je weniger war er mit sich zufrieden . Er konnte es nicht begreifen , wie er diese lieben Briefe so gänzlich mißverstehen können , wie er diesen armen , guten Briefen so schweres Unrecht habe thun mögen . Die Liebe hatte seine Braut seherisch gemacht , und er war blind gewesen , verblendet über sie und über sich . Hatte denn Hildegard nicht Recht gehabt mit ihren bangen Sorgen ? Hatte sie nicht Recht gehabt mit ihrer Ahnung , daß eine Andere ihr die Liebe ihres Bräutigams entziehe , daß er sich nicht mehr nach ihr sehne , daß er sie zu vergessen nahe sei ? - Und was konnte sie dafür , daß die Zustände in Richten nicht erfreulich waren , daß sie ihm von den Schwierigkeiten sprechen mußte , von denen sie sich umgeben sah ? - Arme , arme Hildegard ! rief er aus , und er kam sich treulos und pflichtvergessen gegenüber ihrem treuen Herzen vor . Er nannte es ein wahres Glück , daß er eben heute dem Abbé das Geleit gegeben , daß ihre Unterhaltung eben diese Wendung genommen hatte . Es wäre ihm unmöglich gewesen , die Ruhe zu suchen , ohne an Hildegard geschrieben zu haben , und einmal auf den Weg der Bekenntnisse gerathen , fand er eine Lust darin , sein Gewissen zu befreien , indem er seiner Verlobten die Gefahr , in der er sich befunden hatte , wie die Versuchung , der er ausgesetzt gewesen sei , mit den warmen Farben darstellte , welche der Gedanke an Eleonorens mächtige und zauberische Reize in seiner Phantasie hervorrief . Er nannte sich gegen seine Verlobte einen Rinaldo in Armidens Zaubergärten ; er schilderte Hildegarden die Gräfin in aller ihrer Schönheit , um der Entfernten klar zu machen , daß er keiner gewöhnlichen Erscheinung gegenüber gestanden , und um ihr zu beweisen , daß nur eine so starke und treue Liebe wie die seinige einer solchen Zauberin