den Abbé empfinden zu lassen , was das Herz des Menschen leiden könne . Denn sie mit Gleichmuth in des Prinzen Armen zu sehen , das konnte auch dem Abbé nicht möglich sein . Und wieder sagte sie sich , daß sie ihn herabziehen würde von seiner Höhe und wieder wurde die Anbetungslust der Liebe in ihr mächtig , die sie hoch hinaushob über jede menschliche Schwachheit . Sie fand ganz plötzlich ein Genügen , ja , einen Trost darin , daß er nicht ahne , was sie dulde , daß er , ruhig und selbstgewiß , der Liebe wie dem Leiden nicht zugänglich sei . Von einer Pein zur anderen fortgetrieben , ward ihr keine Rast , bis ihre Kraft erschöpft war und die müde Natur nach Ruhe verlangte . Die Hände gefaltet , saß sie in einer Art von Betäubung wachend auf ihrem Lager . Minute auf Minute , Stunde auf Stunde rannen an ihr vorüber ; sie gewahrte es nicht . Kein tröstender , kein beruhigender Gedanke kühlte ihre heiße Stirn , erhob ihr gebeugtes Haupt . Sie kam sich alt , sehr alt , sie kam sich einsam vor und sehr verlassen . Was sind auch Jugend und Schönheit und Besitz und Macht in der Stunde , in der man einer großen Liebe zu entsagen hat ? Es überraschte sie , als der Morgen wie immer in die Höhe kam und das alltägliche Leben mit ihm . Es überraschte sie , als ihre Kammerjungfer sie bei ihrem Namen nannte . Sie war ja nicht mehr dieselbe , die sie gestern noch gewesen war . Sie wunderte sich , daß ihr Haar , da jene die haltenden Nadeln desselben löste , noch in seiner goldigen Fülle von ihrem Haupte auf ihren Leib herniederfloß . Was sollte es ihr ? - Sie hätte es ruhig unter der Scheere fallen sehen . Heute hätte sie mit Freude den sie für ewig verhüllenden Schleier über ihre Schläfe und ihr Antlitz decken mögen , damit Niemand die Thränen gewahre , welche aus ihrem gebrochenen Herzen in ihre Augen emporstiegen und auf ihre Wangen niederflossen . Heute begriff sie es , daß es eine Wohlthat sein könne , fern von der Welt , ungesehen und vergessen von ihr , seinem Schmerze ganz allein zu leben . Sie mußte ihre Dienerin entfernen , um sich noch einmal recht von Herzen auszuweinen . Und wie sie nun da saß , hoffnungslos und an sich selbst verzweifelnd , stieg jener unselige Gedanke der Opferung , der schon manches Weib in gleicher Lage von dem Pfade der Wahrheit und der Sittlichkeit hinweggelockt hat , blendend und verführerisch in ihrer Seele empor . Was war sie sich denn noch ? Was war an ihr gelegen ? Er sollte sehen , daß auch sie entsagen , daß auch sie sich überwinden konnte , wenn es darauf ankam , ihm eine Genugthuung , ihm eine Rechtfertigung von dem Verdachte zu bereiten , in den ihre schlecht verhehlte Leidenschaft ihn gebracht hatte und den er nicht verdiente . Er hatte Eleonore Haughton doch nicht nach ihrem vollen Werthe geschätzt , er sollte der Fürstin von Chimay das Zugeständniß nicht versagen dürfen , daß sie der höchsten Liebe würdig gewesen wäre , weil sie die höchste Liebe ihres Herzens , weil sie sich selber dem Geliebten zum Opfer zu bringen vermochte . In dieser Stimmung ließ sie sich zu dem Feste kleiden . Sie legte zum ersten Male den Erbschmuck ihres Hauses an . Wie man die Jungfrau , die der Welt entsagt , um sich dem himmlischen Bräutigam , dem Heilande unauflöslich hinzugeben , noch einmal in allem Glanze des irdischen Schmuckes erscheinen läßt , ehe des Klosters Pforte sie von der Welt abtrennt , so wollte sie sich noch einmal in dem vollen Glanze ihrer Schönheit betrachten , ehe sie diese Schönheit einem ungeliebten Manne überließ , um dem Geliebten damit die ganze Größe der Hingebung zu beweisen , deren sie für ihn und seine Ehre , seine Ruhe fähig sei . Weil sie dahin gekommen war , sich auf einen falschen und trügerischen Boden zu stellen , verschoben und verwirrten sich ihr , ohne daß sie es bemerkte , alle ihre Ansichten und Begriffe . Sie vergaß es , daß sie sich dem Prinzen zu vermählen beschlossen hatte , weil sie sich auf diese Weise das Glück zu erkaufen dachte , den Abbé wie bisher in voller Freiheit sehen und seines Umganges , seiner Freundschaft nach wie vor genießen zu können . Sie vergaß auch bald , daß eben der Abbé sie vor der Ehe mit dem Prinzen gewarnt und daß er ihr vorgeschlagen hatte , Renatus zum Gemahl zu wählen . Nur einen flüchtigen Gedanken hatte sie auf diesen hingewendet , aber sie hatte zu viel Freundschaft für den jungen Freiherrn , sie wünschte ihm zu ehrlich Glück , um sich ihm zur Gattin anzutragen ; und da sie einmal auf die Vorstellung der Opferung gekommen war , dünkte sie das Opfer nicht groß genug , welches sie in einer Ehe mit Renatus , die doch für sie und für ihn kein Glück zu bringen hatte , über sich genommen haben würde . Je länger sie darüber nachsann , um so fester schlugen die Anschauungen in ihr Wurzel , von denen sie sich sonst mit Widerstreben , ja , mit Empörung abgewendet hatte , so oft der Abbé es unternommen , ihr jene Gefühlsrichtung eingänglich zu machen , welche in der Selbstverläugnung , in der Entsagung , in der Opferung eine Tugend , ja , die höchste Tugend und eine Gott wohlgefällige Handlung erblickt . Daß solche Handlung auch mitten in dem Leben und Geräusche der Welt vollzogen werden , daß man sich schweigend und ohne Aufsehen opfern und damit das gleiche Verdienst wie mit einem eingestandenen Opfer bringen könne , das hatte der Abbé oftmals als seine Ueberzeugung aufgestellt ; und eben so hatte er es oft behauptet , daß für Eleonore einmal die Stunde nicht