und Wallanlagen von Witoborn und in den Corridoren ihres Stiftes Heiligenkreuz . Denn dort war sie eingetreten . In der That hielt sie jetzt Markt mit ihren Naturaleinkünften ( in diesem Winter freilich erst Einen einträglichen mit zehn Schinken , zehn Würsten und zehn Speckseiten ) ... Ueber ihrer Thür stand : O Libori , o Antoni , zwei Gefäß der Heiligkeit , Daß wir müssen euch begrüßen , heißet uns die Schuldigkeit ! O Libori , o Antoni , steht uns bei am letzten End ' , Daß nicht sterben und verderben ! Führet uns in Jesu Händ ' ! Welches ist Armgart ' s » Beginnen « ? ... Wir können vorläufig nur sagen : Noch mehr , als sie schon sonst war , ist sie Grüblerin geworden . Stundenlang konnten ihre braunen Augen in die innersten Wände ihrer kleinen , ahnungsvollen Gedankenwelt zurückschauen . Stundenlang konnte sie ihre bekannten weißen Vorderzähnchen ohne Bedeckung der schmerzlichverzogenen Lippen lassen , wenn sie über etwas grübelte , was ihr seltsam schien . Und was erschien ihr nicht seltsam ! Noch jetzt , wenn von der Erblassenschaft der Dorste ' schen Besitzungen , von dem Grafen Joseph , ihrer geliebten Paula Vater , als von dem Erblasser die Rede war , konnte sie sich fragen , ob denn dies schmerzliche Wort nicht eigentlich zu sprechen wäre : Er - blasser und den im Tode tief Erblassenden , leichenweiß erbleichenden edeln alten Herrn bezeichnen sollte ? Eine Erbskette nahm sie noch jetzt für eine Kette , die man von geliebten Personen , etwa einer theuern Mutter , erbt , nicht als Kette von Kügelchen , so groß wie Erbsen . Wenn der Onkel Levinus Abends nach dem Nachtessen in Schloß Westerhof vom Untergang der westfälischen Herrschaft und von Napoleon ' s Sturz in Rußland sprach und die Schlacht bei Mosaisk erwähnte , träumte und grübelte sie , wie doch nur mit dieser Begebenheit das zuweilen in Kunstgesprächen und bei schönen römischen Brochen vorgekommene ahnungsvoll poetische Wort Mosaik zusammenhängen könnte . O , schon das achtjährige Kind ließ sich nicht nehmen , daß in dem auf dem Finkenhof , einem Wirthshause in der Nähe zuweilen gesungenen Liede : » Freut euch des Lebens , weil noch das Lämpchen glüht ! « keine Lampe , mit der ja ohnehin kein Mensch springen würde , sondern ein springend erhitztes Lämmchen gemeint wäre . Zwölfjährig schon , wo sie noch nicht ahnte , daß sie selbst einst in Lindenwerth wohnen würde , auf das jene Ritter-Toggenburg ' s-Sage vom angestarrten Fenster der Geliebten in Wahrheit einst gegangen sein soll , sprach sie Schiller ' s , aus einem Schulbuch ihr bekannt gewordenes Gedicht : » Ritter , treue Schwesterliebe widmet euch dies Herz ! « nie anders , als : » Rittertreue , Schwesterliebe - ! « Drückte doch beides das ihr Schönste und Herrlichste im Leben aus : Ritterliche Treue und schwesterliche Liebe . Drei Wochen darauf wurde dann endlich wirklich der Teppich geweiht . Das war ein festlicher , hoch katholischer Sonntag ! ... Hier in viel rauherer Gegend , als in der Residenz des Kirchenfürsten , war es zwar schon vollständiger Winter und der Schnee lag fußhoch und darunter hatte kurz vor seinem Fallen etwas Frost alles Flach- und Hügelland mit seinen Walleinschnitten und Hecken gehärtet und gefestet ... Jetzt erst recht zeigte sich die Isolirung , die hier den Charakter des Zusammenwohnens bildet ... Der Bauer auf seinem Kamp , der Junker auf seinem Hof schließt sich ab , wie wenn dies Land , gleichfalls nach Benno ' s früherer Aeußerung , ein Meer wäre und seine Wohnungen Inseln oder Schiffe ... Ringsum hat jeder bei sich in nächster Nähe gleich , was er bedarf . Selbst im Bauernhause liegen sogleich mit der Viehstall und der Backofen . Den Wald opferte man nicht ganz , sondern behielt eine gute Strecke davon als Grenzmarke der Aecker . Nirgendwo findet man hier die langen Ackerfeldfurchen , die in unübersehbarer Einförmigkeit nur von vollständigen Dörfern abgelöst werden . Hier ist das Dorf aufgelöst in Höfe , die auch jetzt im Schnee , der scheinbar alles nivellirt , an den rauchenden Schornsteinen sichtbar sind . Man glaubt eine unterm Schnee nach allen Orten hin sich öffnende unabsehbare Kraterwelt zu erblicken . Gegen Osten hin ragen einige alte Thürme auf , wie wenn sich eine Citadelle dort erhöbe . Das ist Schloß Westerhof . Gegen Süden zu zeigt ein ganz buckelig geschnörkelter , mit Schiefer belegter Thurm ( was man heraussehen kann , da der Schnee nicht von allen Seiten an den Rundungen festhielt ) das Stift Heiligenkreuz . Und inmitten dieser großen Rundsicht , welche Berge , Wälder , Seen , die Witobach , an der das thurmreiche Witoborn liegt , mehr ahnen , als deutlich unterscheiden läßt , liegt dann am Fuße einer kleinen Anhöhe die alte einst byzantinisch angelegte , jetzt höchst zopfig überbaute Kirche von grünlichem Sandstein Sanct-Libori . In nächster Nähe gehört dazu ein Stückchen Wald , der nur die Einfriedigung eines Kamps ist , dessen Inneres zwei stattliche moderne Häuser bilden , das des Pfarrers und das des Schullehrers von Westerhof ... Aber diese ganze Winterlandschaft ist heute belebt , wie im erwachenden Frühling ! Sieben bis acht Schlitten stehen unten vor dem Kalvarienberg des Aufgangs , davor schellenklingelnde Rosse mit langen fliegenden Decken ... Die putzigen Türkenköpfe auf den Schnäbeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in der Runde an . Dazwischen die Bauern und die » Kötter « und die Knechte in Pelzkappen ; die Frauen trotz der Kälte in all den wunderlichen Hauben und fliegenden Aufsätzen , die der Tracht jener Gegend eigen sind ; die alten Mütterchen mit großen weißen Krägen , die sie halb den so sehnlichst vom Adel erwarteten Barmherzigen Schwestern ähnlich machten ; in der Hand der reichen Bäuerinnen ein goldgeschnittenes Gebetbuch , ein Rosenkranz am Gürtel , auf der Brust eine Ringelkette von vergoldeten Medaillen ... Die Weihe ist endlich vorüber