gewesen wären . Es war ihr zu Muthe , als sei sie verwandelt , als wohne eine fremde Seele in ihrem Leibe . Nur ihre Gestalt war noch die alte , war noch lebendig ; sie selber , die Eleonore , als welche sie sich bis gestern noch empfunden hatte , war dahin . Sie hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen , den ganzen Morgen in marternder Spannung vergebens auf den Besuch des Abbé ' s , auf eine Zeile , auf ein Wort von ihm gewartet , die ihr hätten zum Troste , zur Stütze werden können . Was war geschehen , daß er sie also in ihrer Herzensnoth verließ ? Hatte man ihn unter irgend einem Vorwande gezwungen , Paris schon an diesem Morgen zu verlassen ? Konnte er sich entfernt haben , ohne sie davon in Kenntniß zu setzen ? Ließ man ihn nicht aus den Augen , und fand er keine Möglichkeit , ihr , wenn auch nur mit Einem Worte , sich zu nahen ? Und wie stand es denn jetzt zwischen ihr und ihm ? Wie ein scharfes Eisen bohrte sich der Gedanke in ihr Hirn : Ich liebe einen Mann , dem die Liebe ein Verbrechen ist ! Ich , die Protestantin , liebe einen Katholiken , einen Priester ! Ich habe ihm diese Liebe verrathen , und er will mich bestimmen , einem Anderen , einem ungeliebten Manne meine Hand zu reichen , um sich zu retten , um seine Plane zu verfolgen ! Warum vertraute ich einem Katholiken , einem Priester ? Dann wieder , wenn der Schmerz sie zu vernichten drohte , wenn der Gedanke , sich und ihre Liebe verschmäht zu sehen , sie völlig niederwarf , raffte sie sich mit Gewalt an einer anderen Ansicht ihrer Lage empor . War es denn seine Schuld , daß sie ihn liebte ? Konnte er dafür , daß ihre Seele nicht stark , nicht rein genug gewesen war , sich an der Freundschaft genügen zu lassen , die allein er ihr zu bieten hatte ? Wann hatte er je einen Wunsch , einen Anspruch an sie erhoben , der über den Antheil an ihrem Seelenheile hinausgegangen war ? Und wie hatte er sich selbst in seinem Eifer für dasselbe zu mäßigen , sich überall in Schranken zu halten gewußt ! Mit keinem Worte hatte er ihr je gestanden , was er für sie fühle . Und er liebte sie ! Sie zweifelte nicht daran : er liebte sie ! Eine Liebe , wie die , welche sie für den Abbé empfand , konnte keine einseitige sein , konnte nicht unerwiedert bleiben ! Es war nicht anders möglich : er liebte sie , er mußte sie lieben ! Aber durfte sie das hoffen ? Durfte sie es wünschen ? - Nein , nein ! nur das nicht ! rief sie laut , daß der Ton ihrer eigenen Stimme sie in der nächtlichen Einsamkeit erschreckte . Und ihr Gesicht in den Händen verbergend , warf sie sich nieder und weinte , daß es ihr die Brust zu sprengen drohte . Es war genug an ihrem Elende , an ihrer Verzweiflung , er sollte nicht unselig sein , wie sie . Er sollte den Trost besitzen , daß er rein und makellos den Lebensweg gegangen sei . Er sollte sich ruhig niederwerfen können zu den Füßen Gottes , zu den Füßen der reinen , makellosen Jungfrau , zu deren Altären er sie hinzuführen gestrebt hatte , in deren Verehrung sie eine unzerstörbare Gemeinschaft mit ihm haben konnte . O , daß ich ihn besäße , den Glauben , der ihm Kraft verleiht ! seufzte sie in ihrem Schmerze . Daß ich es gelernt hätte , wie er , in früher Jugend zu entsagen ! Wenn ich es vermöchte , wie er , mich an das Kreuz zu schlagen , und Trost zu finden , wie er , in dem Gedanken , daß ich eine Wahrheit erkannt , eine Wahrheit zu verkünden habe , daß ich mir nicht selbst gehöre , sondern nur ein Diener der Menschheit bin , ein schwaches Werkzeug in des Allmächtigen , des Allweisen Hand ! - Wörtlich , wie ihr Herz sie in sich aufgenommen hatte , wiederholte sie sich die Aussprüche , die er oft vor ihr gethan hatte . Vor wenigen Augenblicken hatte sie ihm gezürnt , nun zürnte sie sich selber . Mit der Demuth der Liebe klagte sie sich an , daß sie mit ihrer Leidenschaft die schöne Ruhe seines Daseins trübe . Sie , sie allein war die Schuldige . Ihre Maßlosigkeit , ihre Ungenügsamkeit verstrickten ihn in Verwirrungen , die er nie zuvor gekannt hatte . Sie erinnerte sich , wie man ihr die hohe Sinnesart , den reinen Wandel des Abbé gepriesen hatte . Auch sie kannte ihn nur hochgesinnt und rein und allem Erhabenen mit Begeisterung zugewendet ! Was mochte er jetzt von ihr denken ? Was mochte er jetzt thun ? Sie sah ihn knieen vor dem Muttergottesbilde , das er von einem früh gestorbenen Freund ererbt und von dem er ihr je bisweilen wohl gesprochen hatte . Sie zweifelte nicht daran , daß er ihrer dachte , daß er für sie betete . Sie hätte es vor sich haben mögen , das Madonnenbild , vor dem er oftmals Trost gefunden hatte . Sie hatte den Trost sehr nöthig ! Wenn sie ihn sehen , ihm Alles bekennen , ihn berathen , ihm beichten könnte ! - Beichten ! - Vor einem Madonnenbilde knieen ! - Wie hatte das alles ihrem Geiste , ihrem Empfinden , ja , ihrem Verstande sonst widerstrebt , als sie noch in stolzem Selbstgefühle sich der Unfehlbarkeit vermessen hatte ! Und jetzt ? Aus der Flut der sie überströmenden Liebe tauchte mit Einem Male wieder der alte Stolz empor , und der Trotz mit ihm . Sie wollte thun , was der Abbé begehrte , sie wollte die Hand des Prinzen annehmen , um es