Mädchens wie die Gräfin haben mich nie von dieser Erkenntniß abweichen machen . Für eine Eleonore Haughton kann ein Jüngling sich begeistern , ein Mann eine sehr lebhafte Freundschaft empfinden . Sie würde , hätte ihr Schicksal sie für einen Thron bestimmt , vielleicht ihrem Ideale , ihrer Königin Elisabeth , in herber , stolzer Selbstüberhebung ähnlich werden können ; für einen Mann , der in seinem Weibe ein liebendes Herz zu finden begehrt und der Herr in seinem Hause bleiben will , sind diese Art von Frauen nicht geschaffen . Man macht aus einer Juno , einer Minerva niemals das rührende Geschöpf , als dessen erhabenster Ausdruck uns die Madonna , die jungfräuliche Mutter erscheint , der sich das Knie des gewaltigsten Mannes in liebender Verehrung beugt . Ein Mannweib zu lieben , muß man selbst kein Mann sein ! Wo ich einen Mann sich ein recht demüthiges Weib erwählen sehe , weiß ich immer , was er selber werth ist . Sie waren während dessen bis zu dem Collegium gekommen , in welchem der Abbé seine Wohnung hatte . Er nöthigte den Freiherrn leichthin , mit ihm hinauf zu steigen ; aber Renatus nahm es nicht an , und Jener hatte es auch darauf nicht abgesehen , ihn bei sich zu haben . Er wünschte allein zu sein . So schieden sie von einander . Oben angelangt , ging der Abbé eine geraume Zeit mit schwerem Schritte in dem großen , saalartigen Raume auf und nieder , den er in dem Hause inne hatte . Ein paar werthvolle Bilder , einige Abgüsse nach berühmten antiken Büsten schmückten nach seiner Wahl die Wände . Er sah sie nicht an , so gern sein Auge sonst auf ihnen weilte . Er blickte auch nicht zu dem Crucifix empor , das in dem anstoßenden Gemache , schön geschnitzt , zu Häupten seines Lagers hing . Er hatte manchmal Trost und Beruhigung gefunden , wenn er in schwerem Seelenkampfe zu dem Bilde des Mannes empor geschaut , in welchem die Menschheit sich die höchste Reinheit , die höchste Menschenliebe und die vollendetste Selbstverläugnung verkörpert hat , um sich an ihm aufzuerbauen und zu erheben ; aber nichts Aeußerliches vermochte den Abbé heute von sich selber abzuziehen . Er hatte gethan , was seine Pflicht war , er war mit Ueberwindung ein tüchtig Stück auf dem Pfade zu seinem selbstgesteckten Ziele vorgeschritten , und er hatte nicht danach zu fragen , welche Blüthen sein Fuß dabei zertrat , sei es in der Seele eines Andern oder in dem eigenen Herzen ; denn das Ziel ist Alles ! - Aber das hinderte nicht , daß der Kampf dieser Stunden noch in seiner ganzen , grausamen Schwere auf ihm lastete . Ein paar Mal blieb er stehen und faßte mit der Hand nach seiner Brust . Es versetzte ihm etwas den Athem . War es ein Schmerz , war es eine zornige Empörung ? Er fragte sich nicht danach , er wollte es nicht ergründen , es gar nicht wissen . Er knöpfte mit hastiger Hand die Soutane auf . Wenigstens athmen , athmen wollte er in voller Freiheit , und fre athmen , sagte er , wie zum Troste , zu sich selber , frei athmen kann man in der Menge nicht ! Frei athmen kann man nur auf einsamer Höhe , hoch über dem Gewühle der Welt ! Er dehnte unwillkürlich seine Brust . Er war mit sich zufrieden . Ein kaltes Lächeln spielte um seine Lippen , als er sich erinnerte , wie die stolze Eleonore , wie der junge Freiherr , die beide fest nach eigenen Meinungen zu handeln glaubten , gleich einem weichen Wachse sich unter seiner Hand in die Form gefügt hatten , die er ihnen aufzuzwingen gewünscht . Herrisch und meisternd hatte der Erzbischof ihm heute seine Ueberlegenheit zu kosten gegeben . Er hoffte , die Stunde solle nicht ausbleiben , in welcher er ihm dies auf die eine oder auf die andere Weise würde vergelten können ; denn auch er fühlte sich aus dem Stoffe geschaffen , aus welchem man die Kirchenfürsten macht . Und die Gegenwart hinter sich zurücklassend , von ehrgeizigen Hoffnungen über den Schmerz und den Kampf des Augenblickes flügelschnell hinweggehoben , durch den eben errungenen Erfolg ermuthigt , blickte er endlich auf die Zukunft wie auf eine Arena hinaus , in welcher der höchste Preis des Sieges ihm nicht entgehen konnte . Er ging an seinen Schreibtisch , ließ sich in dem Sessel nieder , der vor demselben stand , und begann zu schreiben . Es war tief in der Nacht , als er sich von seiner Arbeit erhob . Die Lampe war im Erlöschen , der untergehende Mond warf sein Licht schräg in das Gemach . Mit dem gesiegelten Briefe in der Hand sah der Abbé lange sinnend in den Garten hinaus , der sich unter seinen Fenstern weithin ausdehnte . Dann fiel sein Blick prüfend auf des Briefes Aufschrift . Er meinte , etwas in derselben vergessen zu haben , aber es war Alles richtig . Die Aufschrift lautete : » An den Pater Provincial des Jesuiten-Klosters zu Rom . « Der Abbé war in diesem Kloster erzogen worden und er hatte bisher den Hoffnungen durchaus entsprochen , welche seine Lehrer und Meister auf ihn bauten . Zwölftes Capitel Der milden Winternacht folgte ein klarer , schöner Tag . In den prachtvollen , alterthümlichen Kaminen des großen königlichen Ballsaales brannten die Feuer . Ihre rothe Gluth , ihre blauen , züngelnden Flammen erschienen bei dem hellen Sonnenlichte dunkel ; auch die Kleidung und die Schönheit der Frauen hatten bei den Frühstücksbällen in den Tuilerieen eine wahre Lichtprobe zu bestehen . Aber Niemand ertrug die Prüfung durch das Tageslicht so siegreich , als die Gräfin Haughton , obschon ihrem Antlitze heute die ihm sonst so eigenthümliche Frische , ihren Augen der gewohnte Glanz gebrachen . Die ersten Quadrillen waren vorüber . Eleonore hätte kaum sagen können , wer ihre Tänzer in denselben