des heiligen Streites für jenes Ideal , das dem Mittelalter das Land war , wo der Erlöser wandelte , und der neuen Zeit das Ideal eines höhern Tempels der Freiheit und der Glückseligkeit ist , von diesen gewaltthätigen und eigenmächtigen Usurpatoren nur zu sehr hintangesetzt würden . So ungefähr wurde die erste Nachricht von dem Proceß der Gebrüder Wildungen aufgenommen ; denn eine weitere Parteinahme , als für das erste , blendende Gerücht , war noch nicht möglich . Erst vor vierzehn Tagen hatte Dankmar seine selbstverfaßte Schrift eingereicht . Aber nicht nur die Kunde der Thatsache selbst , sondern auch das nicht ungünstige Vor-Urtheil des Gerichtshofes über die mit großem Verstande und seltner Rechtskenntniß abgefaßte Schrift verbreiteten sich so rasch , daß Dankmar und Siegbert , von dem Andrang der Theilnahme , die sie so plötzlich über sich hereinbrechen sahen , fast erdrückt wurden . Da wollte Jeder Glück wünschen , Jeder staunen , guten Rath geben und im günstigen Falle wol auch Theil haben an dem großen Erfolg . Wo die Brüder früher nur durch ihr Talent , ihre liebenswürdige Persönlichkeit sich geltend machen konnten , waren sie jetzt so gesucht , so gepriesen , daß sie Noth hatten , sich vor dem allgemeinen Sturme der Liebe und Freundschaft nur selbst zu bewahren . Weise und sich selbst beherrschend , wie diese Jünglinge früh erzogen waren , begnügten sie sich mit den Beziehungen , von denen sie ahnten , daß sie ihnen auch ohne den gehofften Sieg treu bleiben würden , und beschränkten sich im Übrigen fast noch mehr auf sich selbst als früher . Sie mußten Dies schon darum thun , weil der Proceß bedeutende Geldmittel erforderte , von denen sie kaum voraussahen , woher sie ihnen zufließen sollten . Vorläufig glaubten sie bestens das Ihrige zu thun , wenn sie fleißig und redlich arbeiteten , um neben ihrem Unterhalte auch noch die Mittel für ihren Proceß zu erübrigen . Siegbert sah sich in der ihm unangenehmen Lage , nachdem das Bild der Majorin Werdeck sehr gefallen hatte , viel zu portraitiren , und Dankmar , der sich in eine andere Abtheilung des Obergerichts hatte versetzen lassen , arbeitete auf Diäten , schrieb auch unter fingirtem Namen juristische Compendien , die nur Erinnerungen seiner eigenen Kenntnisse waren , in Eile geschrieben nichts Neues bringen konnten , aber als gangbare Artikel bezahlt wurden . Eben erst im Beginn dieser nun neu von ihm angelegten Thätigkeit hatte Dankmar alle seine früheren Verwickelungen mit Personen und fremden Verhältnissen von sich abzustreifen gesucht . Er hatte dem Justizrath Schlurck die von Melanie gewünschte Entschuldigung über das Vorgefallene geschrieben , aber den so heißen Drang , Melanie ganz für sich zu gewinnen , doch wieder mit jener stoischen Selbstüberwindung , die jungen Gemüthern so leicht möglich wird , bezwungen . Er hörte auch , daß sich Melanie mit dem Stallmeister verlobt hätte . Freunde versicherten ihm , daß sie in der Umgegend der Stadt reite , fahre , immer umgeben von einem Schwarm von Verehrern . Er bekämpfte sein Herz . Der Ernst seines jungen Lebens erfüllte ihn zu sehr und was er immer gesagt hatte , Melanie wäre von den Frauen Eine , die man nur liebe , wenn man sie sähe , bestätigte sich vollkommen an ihm selbst . Er wurde gegen Frauen um so schroffer , als bei der ersten Nachricht von der ihm und seinem Bruder lachenden Möglichkeit einer glänzenden Zukunft sogleich ein ihnen widerliches Drängen bemerkbar wurde , gerade das weibliche Geschlecht in ihre Nähe zu bringen . Von mancher Familie , wo die Absicht zu grell hervorstach , zogen sie sich wie in ihren zartesten Fühlfäden verletzt zurück . Während sich Siegbert fast ganz und ausschließlich auf sein Atelier , die nähere Beziehung zu dem anregungsreichen Leidenfrost und die ihm plötzlich fast seine zweite Häuslichkeit gewordene Familie der Fürstin Wäsämskoi beschränkte , lebte Dankmar noch zurückgezogener . Der sonst lebensfrohe , überall sichtbare junge Mann war ein Einsiedler geworden . Er las , er studirte mehr denn je . Sein kleines Stübchen bei der Frau Schievelbein , die bescheidene kleine Aula , war jetzt für ihn heimischer und traulicher als die Kaffeehäuser , in denen er früher mehr als in seinen vier Wänden lebte . Stöße von Akten lagen um ihn her . Bücher las er bis in die späte Nacht . Besonders hatte er auf Philosophie und Geschichte sein Augenmerk gerichtet . Sogar die Politik , die er früher leidenschaftlich trieb , war ihm durch ihre Monotonie , die Unfruchtbarkeit der Debatte und die geringe Bedeutung der meisten elenden , nichtssagenden Persönlichkeiten , die sie in den Vordergrund der Tagesgespräche drängte , zum Ekel geworden . Der neue Reichstag sollte nun abgehalten werden , die Wahlen waren im Sinne des schroffsten Gegensatzes der Parteien ausgefallen und als er auch den Heidekrüger und Deputirten Justus eines Tages als eben angekommen und bereits als Mittelpunkt einer » Fraction « angegeben fand , mußte er auflachen , warf die Zeitung weg und beschloß nur noch solche politische Schriften zu lesen , die von Köpfen herrührten , die der Menschheit neue Gedanken brachten . Er las Macchiavell , Montesquieu , Hume , die Briefe des Junius , Leibnitz , Herder und vertiefte sich mit ernstem Nachdenken in die neueren staatsökonomischen und socialistischen Schriften , aus denen er sich manche Stelle auszog und manchen befruchtenden Gedanken merkte , wenn er auch für die Ideen neuer Gesellschaftsformen nicht wie Siegbert gewonnen werden konnte und überhaupt fern war aller modernen Geniehascherei , aller auf den Universitäten und in den Residenzen jetzt grassirenden Titanenhaftigkeit , allem übermäßigen Anpreisen einer neuen Zeit , die erst ihre Neuheit zu beweisen hatte , aller Anbetung eines vaguen , leeren , wie Kraft sich gebahrenden Schreiens und Tobens , in Schrift und Sprache , in Prosa und Poesie allem gesuchten und manierirten Treiben , in welchem sich talentlose Menschen wie Fauste gebehrden und noch nicht einmal reif sind , bei einem rechten Faust ein Wagner zu sein