Baumes verloren hatte , verriet sein Versteck und brachte ihn ins Verderben . Wohl kamen endlich die Mönche und beschworen den tobenden Volkshaufen , von seinem Vorhaben abzulassen . Der Säckelmeister bot Geld , der Abt selbst , aus seinem Versteck heraus , versprach ihnen Erlaß des Zehnten , dazu Feld und Heide , – aber die wilden Burschen bestanden auf ihrer Rache . Sie hieben , da der Abt sich weigerte herabzusteigen , die Eiche um und erschlugen endlich den am Boden Liegenden . Die Mönche , die den Mord nicht hindern konnten , kehrten unter Mißhandlungen von seiten der Fischersleute in ihr Kloster zurück und standen bereits auf dem Punkte , wenige Tage später die Mauern desselben auf immer zu verlassen , als ihnen , so erzählt die Sage , die Jungfrau Maria erschien und ihnen zurief : Redeatis ! Nihil deerit vobis ( Kehret zurück ; es soll euch an nichts fehlen ) , Worte , die allen ein neues Gottvertrauen einflößten und sie zu mutigem Ausharren vermochten . So die Tradition , von der ich bekenne , daß ich ihr anfangs mißtraute . Sie schien mir nicht den Charakter des zwölften Jahrhunderts zu tragen , in welchem das Mönchstum , gehoben und miterfüllt von den großen Ideen jener Zeit , auch seinerseits ideeller , geheilter , reiner dastand als zu irgendeiner anderen Epoche kirchlichen Lebens . Auch jetzt noch setze ich Zweifel in die volle Echtheit und Glaubwürdigkeit der Überlieferung und neige mich mehr der Ansicht zu , daß wir es hier mit einer im Laufe der Zeit , je nach dem Bedürfnis der Erzähler und Hörer , mannigfach gemodelten Sage zu tun haben , der , namentlich im fünfzehnten Jahrhundert , wo der Verfall des Mönchstums längst begonnen hatte , ein Liebesabenteuer oder doch der Verdacht eines solchen , statt des ursprünglichen Motivs , nämlich des Rassenhasses , untergeschoben wurde . So weit meine Zweifel . Auf der andern Seite deutet freilich ( von der Backtrogepisode und andern nebensächlichen Zügen abgesehen ) alles auf ein Faktum hin , daß in seinem ganzen äußerlichen Verlauf , durch fast siebenhundert Jahre , mit großer Treue überliefert worden ist . Eine Menge kleiner Züge vereinigen sich , um es mindestens höchst glaubhaft zu machen , daß Siboldus der erste Abt war , daß er wirklich von den Wenden erschlagen wurde , daß sein Eintritt in ein Nahmitzer Fischerhaus das Signal zum Aufstande gab , und daß er , auf der Flucht einen Baum erkletternd , auf diesem Baume sein Versteck und endlich unter demselben seinen Tod fand . Die Überlieferungen nun , die sich sämtlich auf diese Punkte hin vereinigen , sind folgende : Im Querschiff der Lehniner Kirche hängt bis diesen Tag ein altes Bild von etwa drei Fuß Höhe und fünf Fuß Länge , auf dem wir in zwei Längsschichten unten die Ermordung des Abtes , oben den Auszug der Mönche und die Erscheinung der Jungfrau Maria dargestellt finden . Vor dem Munde der Maria schwebt der bekannte weiße Zettel , auf dem wir die schon oben zitierten Worte lesen : Redeatis , nihil deerit vobis . Rechts in der Ecke des Bildes bemerken wir eine zweite lateinische , längere Inschrift , die da lautet : Anno milleno centeno bis minus uno sub patre Roberto cepit Cistercius ordo . Annus millenus centenus et octuagenus quando fuit Christi , Lenyn , fundata fuisti sub patre Siboldo , quam Marchio contulit Otto Brandenburgensis ; aprilis erat quoque mensis . Hic iacet ille bonus marchravius Otto , patronus istius ecclesiae . Sit , precor , in requie ! Hic iacet occisus prior abbas , cui paradisus iure patet , Slavica quem stravit gens inimica . Zu deutsch etwa : Im Jahre 1098 begann , unter dem Pater Robert , der Zisterzienserorden . Als das Jahr Christi 1180 war , bist du , Lehnin , gegründet worden unter dem Pater Siboldus , welches der Markgraf Otto von Brandenburg dotiert hat , es war auch der Monat April . Hier ruhet jener gute Markgraf Otto , der Schützer dieser Kirche . Er möge in Frieden schlafen . Hier ruht auch der erste gemordete Abt , dem das Paradies mit Recht offensteht , den das feindselig gesinnte Slawenvolk ermordet hat . Diese Inschrift ist die Hauptsache , besonders durch die Form ihrer Buchstaben . Das Bild selbst nämlich ist eine Pinselei , wie sie von ungeschickten Händen in jedem Jahrhundert ( auch jetzt noch ) gemalt werden kann , die Inschrift aber gehört einem ganz bestimmten Jahrhundert an . Der Form der Buchstaben nach ist das Bild zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts gemalt , und so ersehen wir denn mit ziemlicher Gewißheit aus diesem Bilde , wie man sich etwa um das Jahr 1400 , oder wenig später , im Kloster selbst die Ermordung des Abtes Sibold vorstellte . Zweihundert Jahre nach seinem Tode konnte diese Tradition , zumal bei den Mönchen selbst , durchaus noch lebendig und zuverlässig sein . Die Sagen unterstützen den Inhalt dieses Bildes bis diesen Tag . Ich sprach eingangs schon von einem Stücklein Poesie , das mit dem Tode des Abtes verknüpft sei , und diese poetische Seite ist wirklich da . Aber sie zeigt sich viel mehr in den gespenstigen Folgen der Untat , als in dieser selbst . In dem mehrgenannten Dorfe Nahmitz bezeichnet die Überlieferung auch heute noch das Gehöft , in das damals der Abt eintrat . Das Haus selbst hat natürlich längst einem anderen Platz gemacht , doch ist ein Unsegen an der Stelle haftengeblieben . Die Besitzer wechseln , und mit ihnen wechselt die Gestalt des Mißgeschicks . Aber das Mißgeschick selber bleibt . Das Feuer verzehrt die vollen Scheunen , böse Leidenschaften nehmen den Frieden , oder der Tod nimmt das liebste Kind . So wechseln die Geschicke des Hauses . Jetzt ist Siechtum heimisch darin . Die Menschen trocknen aus , und blut- und farblos , jeder Freude bar , gehen sie matt und müde ihrer Arbeit nach