ich aus Ihren eigenen Mittheilungen und aus manchen Andeutungen der trefflichen Frau Herzogin erfahren , kennen lernen . Sie gehören nicht zu der Anzahl jener sogenannten Aufgeklärten , die es in ihrer selbstgenügsamen Kurzsichtigkeit dem Gläubigen zum Vorwurfe machen , wenn es ihn drängt , die Segnungen , deren er sich theilhaftig fühlt , die erhebende Erkenntniß , die ihm durch die Gnade Gottes zugänglich geworden ist , nicht als ein todtes Pfund zu vergraben , sondern sie auszubreiten und leuchten zu machen , so weit die menschliche Gemeinschaft reicht . Der Abbé hatte etwas Mächtiges , wenn er sich dem freien Zuge seiner Beredsamkeit überließ , und Renatus waren solche Ansichten und Ansprüche von früher Kindheit an vertraut gewesen . Sein unvergessener , geliebter Lehrer , der Caplan , hatte ja selber durch Jahre und Jahre in fremden Zonen als ein Bekenner und Verbreiter der allein seligmachenden Kirche gearbeitet und bis an sein Lebensende mit Erhebung an jene Wirksamkeit zurückgedacht . Läugnen konnte Renatus es auch nicht , daß ihm das herrische Wesen der Gräfin bisweilen unheimlich und bedenklich erschienen war , aber er hatte sie nicht tadeln , nicht verurtheilen können ; sie hatte ihm neben der Bewunderung , die er für sie hegte , ein Bedauern eingeflößt , und eben jetzt empfand er dieses lebhafter und stärker , als je zuvor . Sie ist ohne Vater , ohne Mutter aufgewachsen , sagte er entschuldigend , und mich dünkt , die Herzogin war nicht dazu gemacht , eine so eigenartige Natur zu erwärmen und zu bilden . Wer mag denn sagen , ob die Herzogin selber einer wahren Liebe fähig ist ? Die Herzogin keiner Liebe fähig ? rief der Abbé im Tone des höchsten Erstaunens . Aber haben Sie denn vergessen , mein theurer Baron , mit welcher Treue die Herzogin in den Zeiten der Verbannung und der Noth an ihrem Bruder festhielt ? Haben Sie vergessen , mit welcher Hingebung die Mittellose auf die edle , sie völlig sicherstellende Gastfreiheit Ihres Herrn Vaters verzichtete , als es galt , der königlichen Familie ihre alte Treue zu beweisen ? Glauben Sie , daß es sie kein Opfer gekostet hat , den einzigen Bruder an eine Frau zu verlieren , die nicht zu unserer Kirche gehörte ? Und wann hat die Herzogin ihre Nichte es fühlen lassen , daß sie , die ruhebedürftige Matrone , ihr ganzes Behagen der Lebenslust Eleonorens zum Opfer brachte ? Oder kennen Sie etwas , das rührender , das ehrwürdiger wäre , als die schöne Freundschaft , welche durch ein langes Leben die Herzogin und ihren Jugendgenossen , den greisen Fürsten von Chimay , unzertrennlich verbunden hat ? In der That , mein Freund , von Ihnen weniger als von jedem Andern war ich mir eines Urtheils gewärtig , das die Herzogin in so ungerechter Weise anficht , denn mich dünkt , Sie selber hätten mannigfach Gelegenheit gehabt , die theure Frau von ihren schönsten Seiten würdigen zu lernen ! - Beide gingen eine Zeit lang schweigend neben einander her . Renatus fühlte sich beschämt . Er hatte die Undankbarkeit immer als das Zeichen einer niedrigen Gesinnung angesehen , nun zieh man ihn einer solchen , und er konnte es nicht läugnen , man that es nicht ganz mit Unrecht . Je länger er darüber nachsann , um so unsicherer wurde er in seinem Urtheile . Er konnte dem Abbé nicht völlig widersprechen . Er hatte , als er in das Haus der Herzogin gekommen war , ja auch für dieselbe und wider die Gräfin Partei genommen , und erst allmählich hatten Eleonorens bestechende und blendende Eigenschaften ihn anderen Sinnes werden machen . Er wünschte guten Herzens , kein Unrecht gegen die Greisin zu begehen ; aber Eleonore , wie der Abbé es that , so schonungslos zu verdammen und aufzugeben , konnte er sich nicht entschließen , und mit der bewußten Absicht , einen vermittelnden Ausweg zu wählen , sprach er : Jede der beiden Frauen hätte wohl eine weichere und mildere Natur an ihrer Seite haben müssen , um glücklicher zu werden ; denn wie die Herzogin mir einst gestanden hat , daß sie , früh zur Witwe geworden , nie die geringste Neigung empfunden habe , sich wieder zu vermählen , so hat mir noch neuerdings die Gräfin gesagt , daß sie nach der Ehe kein Verlangen trage , ja , daß ihr bis jetzt niemals eine Sehnsucht nach jenem Glücke des Familienlebens gekommen sei , welches doch den meisten Menschen für ihre Befriedigung nothwendig erscheint . Diese beiden Frauen sind sich eben selbst genug . Das ist ein trauriger Vorzug , rief der Abbé , und Sie werden mir gestehen , daß ich darüber ein vollgültiger Richter bin ! Der Mensch kann , wo es einer großen Ueberzeugung gilt , sich selbst verläugnen , und auf die Liebe , auf die Ehe , auf das Glück verzichten , sich in seinen Kindern fortleben zu sehen ; aber es ist das eine harte Entsagung , und das Herz auch des Stärksten hört nicht auf , unter derselben zu leiden und zu bluten ! Es muß süß sein , in früher Jugend sich einem geliebten Mädchen zu verbinden , in jedem Augenblicke zu wissen , daß seine Gedanken , seine Gebete uns begleiten , sich vorzustellen , wenn man von ihm fern ist , wie die Liebe der Erwählten uns ersehnt , und sie nach einer Trennung mit der alten , nur gesteigerten und bewährten Treue in die Arme zu schließen . Er brach ab , schwieg eine Weile und sagte danach : Es sind das Bilder , die auszudenken man sich hüten muß , wenn man gelobt hat , nie nach ihrer Verwirklichung zu streben . Aber so oft ich in meinem Amte in ein Haus getreten bin , wo die demüthige Liebe einer wahrhaft weiblichen Seele dem Manne das Leben verschönte , habe ich empfunden , wo das wahre Glück zu finden sei , und die höchsten Vorzüge eines