es eigentlich eine Sünde sei , eine Winternacht von so ungewöhnlicher Milde und Schönheit ungenossen zu lassen , und da er Renatus ohne weiteres Vorhaben fand , schlug er ihm vor , ihn zu begleiten und gemeinsam eine Strecke Weges zu machen . Der Freiherr verlangte es nicht besser . Er hatte die lange Unterredung zwischen dem Geistlichen und der Gräfin mit Unruhe betrachtet , denn er war von den obwaltenden Verhältnissen zu genau unterrichtet , um nicht zu vermuthen , was die unverkennbare Aufregung Eleonorens zu bedeuten und welchen Inhalt dieses Gespräch der Beiden gehabt haben müsse . Auch stand er ihnen nahe genug , um , sobald er sich mit dem Geistlichen allein auf der Straße befand , ohne Umschweife die Frage zu thun , ob er sich irre , wenn er glaube , daß der Abbé mit ihrer gemeinsamen Freundin von dem Heirathsplane gesprochen , den der König zu dem seinigen gemacht habe und dessen nahes Zustandekommen jetzt die große Angelegenheit des Hofes sei . Es ist eine traurige Angelegenheit , sagte der Abbé , und nie mehr als in diesem Falle habe ich daran gedacht , wie verschieden die Wege der Prüfung sind , auf welche der Herr uns führt . Er schritt eine Weile schweigend fort , dann sprach er : Wenn man das Leben dieses ungewöhnlichen Mädchens sieht , seine gottbegnadigte äußere Erscheinung , seine großen geistigen Mittel , den fürstlichen Besitz , der ihm von Kindheit an zu eigen war , so fühlt man sich zu dem Gedanken hingeführt , daß es dem Himmel gefallen habe , hier einmal ein Menschenwesen mit allen Gütern des Lebens und des Glückes auszustatten , um ihm den vollen , edlen Genuß des Daseins zu ermöglichen . Da er wieder in seiner Rede abbrach , meinte Renatus , daß die Gräfin doch auch zu einer hohen und seltenen Reife und Entwicklung gelangt sei und wie ihr zu ihrem Glücke ja auch nichts fehle , als daß sie eben dem Manne begegnete , dem sie ihre Zukunft in liebendem Herzen anvertrauen könne . Wir sind nicht im Salon , mein theurer Freund ! rief der Abbé mit einer Kälte , welche den Andern in Erstaunen setzte . Er fragte , was dieser unerwartete Ausruf bedeuten solle . Der Abbé , der sonst in seinem ganzen Betragen sich immer äußerst zurückhaltend bezeigte und sich eben so wenig eine Vertraulichkeit gegen Andere herausnahm , als er sie ihnen gestattete , legte seinen Arm in den des jungen Offiziers und sagte mit einer ihm sonst ebenfalls sehr fremden Lässigkeit : Es gibt gesellschaftliche halbe und ganze Unwahrheiten , gegen die man wohlthut , sich nicht zu wehren , und an die zu rühren auch nicht weise ist , weil sie in der Regel aus einem vernünftigen Grunde hervorgehen , sogar wenn die Gesellschaft sich desselben nicht immer klar bewußt ist . Eine solche conventionelle Unwahrheit ist der Glaube an die sogenannten großen Eigenschaften der Gräfin Haughton . Herr Abbé , rief der Freiherr , als traue er seinen Ohren nicht , das sagen Sie , Sie , der Freund , der vertraute Freund Eleonorens ? Eben deßhalb sage ich es , kann ich es sagen ! berichtete ihn der Geistliche , und vielleicht werden Sie mir Glauben schenken , wenn ich Ihnen bekenne , daß die Gräfin auch mich eine geraume Zeit geblendet hat , daß ich in ihr Eigenschaften zu sehen wähnte , die sie der Bewunderung würdig machten - und in der That , sie hat auch solche Eigenschaften ! Wer wollte und wer könnte dieses läugnen ? Sie ist von schnellem Geiste , von einem kühnen Fluge der Gedanken , sie hat , ich zweifle nicht daran , eine männliche Entschlossenheit , wo es ihre eigenen , persönlichen Zwecke gilt ; aber ich habe Niemanden gekannt , auf den das Wort der Bibel von dem tönenden Erz und der klingenden Schelle so anwendbar gewesen wäre , als auf sie . » Sie hat der Liebe nicht ! « - Selbstsüchtiger und herzenskälter habe ich nie ein Weib gekannt . Der Freiherr war nicht gleich einer Entgegnung fähig . Er erlebte nach seinen Begriffen einen vollkommenen Verrath , und der Mann , der ihn beging , war ihm bis auf diese Stunde ein Gegenstand der Hochachtung gewesen . Seine Ehrenhaftigkeit schreckte vor einem solchen Verhalten zurück . Er zog unwillkürlich seinen Arm aus dem seines Gefährten . Kennt oder ahnt die Gräfin die Ansicht , welche Sie von ihr hegen ? fragte er . Es gibt Wunden , entgegnete der Abbé , die man nicht sondiren darf , ohne sie tödtlich zu machen . Ich konnte der Gräfin nicht sagen : » Sie haben kein Herz ! « da mein ganzes Bestreben darauf gerichtet ist , diese Seite ihres Wesens zu erwecken oder zu beleben . Denn was könnte mich , dessen Ziele weit ab liegen von dem Boden dieser leichtlebigen und sich an der Oberfläche der Dinge haltenden Gesellschaft , was könnte mich bewegen , der tägliche Gast der Frau Herzogin zu sein , hätte ich es der würdigen Frau nicht zugesagt , mich der Bekehrung ihrer Nichte zu unterziehen , hätten meine Vorgesetzten mich nicht selber ermuthigt , an dieses Werk zu gehen ? Mehrere Wagen , die rasselnd an ihnen vorüberfuhren und die sie bei dem Uebergehen nach einer andern Straße für einige Minuten trennten , unterbrachen die Mittheilung des Geistlichen und ließen dem Freiherrn zu einem Umschwunge seiner Ansicht Zeit . Als sie sich wieder zusammenfanden , hob der Abbé auf ' s Neue zu sprechen an . Es ist ein großes Vertrauen , Herr von Arten , das ich Ihnen mit diesem offenen Bekenntnisse gewähre . Indeß Ihrer Gesinnung bin ich sicher . Sie ist ein schönes Erbe Ihres alten Hauses , und Sie selber sind , ich weiß es , unserer Kirche aufrichtig ergeben . Sie haben in Ihrem Elternhause den Segen und die Alles ausgleichende und versöhnende Kraft des Glaubens , wie