, als suchte sie das von ihm geschilderte Bild an den - bunten Stuccaturen der Decke des Zimmers ... Ihre Augen leuchteten ... aber - wie mit irrem Stern ... Sie schüttelte ihr Haupt ... Was trennt Sie von diesem Bilde ? fragte Bonaventura mit gesteigerter Innigkeit und eher wie gewonnen durch diese aufrichtige Verneinung , als abgestoßen . Liegt nicht Ihr ganzer neuer Glaube in ihm ? Liegt nicht Demuth , Unschuld , Entsagung , jede weibliche Tugend und Ehrlichkeit in diesem Bilde ? Als wenn die Luft , die Lucinde gestern bei einem solchen Bilde geathmet hatte , wieder sie zu ersticken drohte , stand sie auf , machte einige Schritte und sagte , sich wieder setzend : Was ich von Maria sehe , ist alles starr und todt und wie von Stein ! Blicken Sie das Bild nur lange , lange an ! bat Bonaventura im liebevollsten Ton . Es wird sich beleben ! Es wird sprechen , es wird der Sammelpunkt Ihres ganzen Menschen werden ! Geht es nicht , steht etwas dazwischen , so werden Sie nichts mehr thun wollen , was nicht auch diesem Bilde gefiele ! Sie werden sich vor ihm eine Magd erscheinen , selbst wenn Sie eine Krone trügen ! Sie werden Ihren Geist unterdrücken , wo nur Ihr Herz nöthig ist ! Sie werden , sogar leidend , sich nicht mit andern in stolze Vergleichung bringen ! Und will es so nicht gehen , wie Sie es gern im Leben möchten , immer vergegenwärtigt Maria , was ein Weib erfahren , was ein Weib überwinden muß , ohne sich zu rächen ! Sie vergibt ! O sie vergibt auch Ihnen vieles , denn sie kennt die Schwäche des Weibes ; aber sie vergibt nicht alles . Sie würde nicht jede Ihrer Bitten am Throne ihres Sohnes auszusprechen übernehmen . Sie besitzt die Schwäche einer Mutter , sie kann von dem Kind ihrer Liebe Fehltritt über Fehltritt vernehmen und vergibt ihm ; aber in vielen , vielen Dingen verlangt sie eine unbedingte Unterwerfung und ich glaube , dies ganze , ich sage nicht mystische , sondern einem Spiegel gleichende Verhältniß zwischen Maria und einem weiblichen Herzen - ich glaube , Sie kennen es nicht und darin , darin liegt Ihr ganzes Unglück ! Dumpf vor sich hin sprach Lucinde einen Einwand ... Bonaventura kannte die Berechtigung dieses Einwandes aus seinem eigenen Leben und empfand ihn jetzt noch mehr , seitdem ihm so nahe bevorstand seine Mutter wiederzusehen ... Warum sagte nur Jesus : Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ? hatte Lucinde gemurmelt ... Bonaventura erwiderte : Maria ist keineswegs die letzte Richterin über unsere Seele ! Sie ist nur eine Vorstufe zum Gottesthron und allerdings die ihm nächste ! Aber ich glaube nicht , daß die Seele jedes Mannes an ihr Urtheil verwiesen ist ; sie richtet auch nicht , sie bittet nur . Nur möcht ' ich wiederholt wissen : Sind die Sünden und Irrthümer , die Sie mir heute gebeichtet , die eines weiblichen Herzens , das mit der allerseligsten Jungfrau einen innigen Freundschaftsbund schloß ? Mir scheint es , daß Sie vorzugsweise Eine reine , wahre Freundschaft schließen sollten , diese mit unserer Mutter Maria ! Welch ein unschuldiger , edler , froher Sinn würde Sie plötzlich heiligen ! » Maria stand auf , ging eilends über das Gebirge in das Haus des Zacharias und grüßete Elisabeth « ... so steht in der Schrift - Und sich unterbrechend erhob sich Bonaventura wie in innigster Freudigkeit rasch , schlug den Vorhang von einem Büchergestell zurück , suchte eine kurze Weile nach einem Buch , fand es , kam wieder , schlug es auf , blätterte und las eine schnell gefundene kurze Erläuterung über den Gruß Mariens an Elisabeth , über den Gruß der Jugend an eine Matrone , über den Inhalt der Rede , die Maria wol Elisabeth gegenüber gehalten haben mochte , über die Darbringung solcher Empfindungen und Seelenstimmungen , die ihr dafür das Wort der greisen Gönnerin eintragen konnten : » Du bist gebenedeiet unter den Weibern ! « Bonaventura las diese Betrachtung aus einer Blumenlese geistlicher Erweckungen und wollte keine Erbauung . Er wollte Lucindens Geist anregen , nicht blos ihr Herz . Er wollte ihr die sittliche Schönheit als das Ziel auch einer reinen Phantasie hinstellen ... In wärmsten Worten schilderte er den Zustand dieses » Gebenedeiten am Weibe « . Ueberall würde eine Gebenedeite freundlich empfangen , überall wie der kommende Mai begrüßt ; in jeden Streit brächte sie Friede , in jedes Leid Trost ; ihre Schritte wären gesegnet ; wo sie hinträte und wär ' es in der Wüste , blühte eine Blume auf - wie die Jerichorose unter den Füßen Maria ' s , als sie mit dem Kinde gen Aegypten floh ... So deutete Bonaventura die » Jerichorose « ... Dann ertheilte er Lucinden einige leichte Bußübungen , ließ sie knieend seinen Segen empfangen und wollte nun von ihr Abschied nehmen ... Lucinde stand zwar auf , zog ihren Shawl über die Schultern , hatte sich ihren Hut wieder aufgesetzt , schickte sich an zu gehen ... sie war jedoch - wie gebannt ... Die Glocken der Kathedrale läuteten zu einem Kirchenfest ... ... Schon sechs Uhr schlug es ... Wie sie schon nahe der Thür sich befand , die unmittelbar in den Corridor führte , stand sie plötzlich still ... Bonaventura trat hinzu . Er glaubte zu sehen , daß sie sich entfärbte ... Was ist Ihnen ? fragte er ... Lucinde erwiderte nichts , doch hielt sie sich an der Epheulaube ... Bonaventura glaubte , daß ihr unwohl war und ging an einen am Fenster stehenden Tisch , auf dem Wasser stand ... Sie winkte ablehnend und starrte in die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit zum Fenster hinaus ... Bonaventura sah , daß sie von seiner Rede , seinem Zuspruch nicht befriedigt war , daß sie etwas vorhatte und mit sich kämpfte . Doch mied