hinausfahren müssen . Herr von Lutz erzählte es Agathe , als er sie acht Tage später im Kunstverein traf . In ihr war alles still und stumm — es mochte ja so gewesen sein . Ein abgestorbenes Gefühl im Herzen . . . . . Sie wunderte sich über ihre große Ruhe . Lutz fragte , ob ihre Schwägerin jeden Sonntag Gäste empfange ? Ob er heute kommen dürfe ? Er würde sie doch auch treffen ? “ Ich bin meistens dort , ” antwortete sie ohne Freude . Sie bereitete sich nicht vor — sie änderte nichts an ihrem Anzug . Am liebsten wäre sie überhaupt zu Haus geblieben , so sehr fürchtete sie sich , noch einmal Ähnliches durchleiden zu müssen , wie am letzten Sonntag . Und gerade heute wollten die Eltern auch mitgehen . Während sie zwischen ihnen in der Pferdebahn saß , betete sie in krampfhafter Andacht alte Gesangbuchverse . Eins ist Not , ach , Herr dies Eine Lehre mich erkennen doch . Alles andre , wie ' s auch scheine , Ist ja nur ein schweres Joch , Darunter das Herz sich naget und plaget Und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget — Erlang ' ich dies Eine , das alles ersetzt , So werd ' ich mit Einem in Allem ergötzt . Seele , willst Du dieses finden , Such ' s bei keiner Kreatur — Laß , was irdisch ist , dahinten , Schwing Dich über die Natur , Wo Gott und die Menschheit in Einem vereinet , Wo alle unsterbliche Fülle erscheinet — Da , da ist Dein bestes , Dein seligstes Teil , Dein Ein und Dein Alles — Dein ewiges Heil ! — — Wenn sie sich soweit bezwingen konnte , nichts mehr zu erwarten — gar nichts — dann vielleicht — dann hatte Gott vielleicht Erbarmen — — . Im Flur bei Walters hing der wohlbekannte Paletot von Lutz am Haken , und darunter standen die großen närrischen Überschuhe . — — Ängstlich horchte Agathe auf seine Unterhaltung mit Mama — die beiden hatten doch auch gar keine Berührungspunkte . Warum wollten die Eltern sie heute durchaus begleiten ? Wie kam es nur ? Es war ganz unmöglich , sich vorzustellen , daß Lutz jemals mit den Eltern auf freundschaftlichem Fuß verkehren konnte , trotzdem er doch fein und geschmeidig war . — Ach , du lieber Himmel , nun fing Papa sogar an , mit ihm über Kunst zu sprechen — so ganz von oben herab . Wie pedantisch das alles klang , und Lutz hörte ihm auch nur zerstreut zu , bis er plötzlich lebendig wurde und sich für einen Franzosen , den ihr Vater als überspannt bezeichnete , leidenschaftlich begeisterte . In seiner Gegenwart trat Walters geistige Unbedeutendheit peinlich hervor , und Eugenies Wesen wirkte aufdringlich , absichtlich . Hätte sich Agathe nun der Unterhaltung bemächtigen können , reizende , überraschende Sachen sagen — ihn fesseln — ihn in Erstaunen versetzen . . . . . . Aber sie wußte es schon im voraus — alles war vergebens . Was konnte ihn denn entzücken ? — Ihn ? — Ihre Stimme war auch wieder fort . Wären nur ein paar Freunde noch da gewesen , die Aufmerksamkeit abzulenken . Eugenie beobachtete sie — Mama ahnte auch schon — warum waren die Eltern mitgekommen , wenn ihnen nicht jemand verraten hätte , daß sich etwas anspann . . . . Und doch , und doch — ihn neben sich , ganz nahe zu haben , ihn ruhig betrachten zu dürfen — das war tiefe Freude . Und sie versuchte , sich zu laben , sich zu sättigen und ruhig zu werden in der Freude . — Er war ihr fremd — so bei Tage und im häuslichen Kreise . Er und das fieberhaft geliebte Traumbild waren nicht ganz ein und derselbe — es hatte unter ihrer zärtlichen Pflege Züge angenommen , die mit dem Leben nicht genau übereinstimmten . Aber der Lebendige besaß doch die größere Macht . Er sah nicht so weiß und zart aus , wie in der dunklen Theaterloge — seine Farbe war eher fahl , die Augen von leicht geröteten Rändern umgeben . Die Art , wie er seinen kleinen , weichen Schnurrbart mit den Fingern mißhandelte , konnte einen nervös machen — es zeigte sich darin etwas Friedloses . Und auch in dem fortwährenden Wechsel des Ausdrucks auf dem beweglichen Gesicht . Aber das Märchenprinzen-Profil . . . . Der Maler und Heidlings wurden aufgefordert , zum Abend zu bleiben . Bei Tisch geriet plötzlich die Rede auf Heiraten . Walter sagte , vor der Ehe wisse man überhaupt nicht , was Liebe sei . Agathe blickte erstaunt zu ihrem Bruder hinüber , seine Augen ruhten mit innigem Stolz auf Eugenie . “ Der Trauschein vom Standesamt muß eine große Sicherheit geben , ” rief Lutz lachend . Regierungsrat Heidling zog die Stirn mißbilligend in Falten . “ Wie das kommt , ” warf Lutz hin , “ man sieht ein Mädchen so und so oft und hat sie doch nicht bemerkt — da hört man aus der Ferne ein Wort von ihr zu einem anderen — das trifft — irgendwie — irgendwo — man sieht sie eigentlich in diesem Augenblick zum ersten Mal . ” Agathe saß verwirrt und bange lächelnd neben ihm . Wie sonderbar — er konnte sie doch nicht meinen ? In allem , was er sagte , entdeckte sie einen geheimen Sinn , für sie allein berechnet . Ja — ganz gewiß — er wendete sich am meisten zu ihr . Eugenie , welche die Männer sonst so sehr anzog , schien ihn nicht zu interessieren . Frau Heidling sagte ihrer Tochter eines Abends sanft und schonend : “ Liebes Kind — Du bist ein verständiges Mädchen — Papa hat mir gestern erzählt : Herr von Lutz steht gar nicht in gutem Ruf , und Papa wünscht nicht , daß er in unser Haus kommt .