zu Roß , der mit einem kleinen Gefolge von Sachkundigen einen Pulverturm auf seine Feuerfestigkeit hin untersucht hatte und jetzt auf dem kürzesten Wege in seine Stadtburg zurückkehrte . Der Greis warf sich vor ihm nieder : » Erhabener Herr , den ich erzogen habe « , rief er , » befreie mich mit meinen Freunden Plutarch und Seneca aus den Händen deiner Krieger ! « » Was hast du hier zu schaffen , Magister ? « fragte der Herzog streng und zog die Brauen zusammen . » Ich fühle mich berufen , einen erblindeten Zögling zu besuchen und seine Nacht mit der Weisheit der Alten zu erhellen ! « » Woher weißt du , daß der Blinde hier sitzt ? « fuhr ihn der Herzog an . » Von Liebe zu dem abtrünnigen Sohne der Wissenschaft erfüllt , und nachdem ich erfahren , daß er in Unglück und Dunkel gestürzt sei , verfolgte ich seine Spur bis nach Fenestrella . Dort sagten sie mir , daß er nach einer unverschuldeten Tragödie weggeführt worden sei , und das Gerücht berichte , er sei in deine Nähe und unter deine persönliche Hut zurückgekehrt . Hier in Ferrara pochte ich , von meinem sokratischen Dämon geführt , an die Tür jeden Turmes , und dieser › vergessene ‹ ist der letzte , den ich finde . « Ein geheimes Lächeln stahl sich in die Augen des Herzogs und der Gedanke durchblitzte ihn , seinem unglücklichen Bruder die Gesellschaft ihres gemeinsamen , wie er wohl wußte , vollkommen harmlosen alten Lehrers zu gönnen . Er sagte : » Wenn hier wirklich ein blinder Schüler von dir wohnt , Mirabili , so magst du ihn meinetwegen allwöchentlich einmal besuchen und mit ihm deine unterbrochenen Lektionen fortsetzen . « Auf seinen Wink stieß ein Leibwächter mit dem Holze seiner Lanze unter dem Rufe : » Auf ! Im Namen des Herzogs ! « so nachdrücklich gegen die verschlossene Tür , daß innen die Schlüssel augenblicklich rasselten und die Riegel zurückgingen . Der Herzog ließ den erstaunten Kerkermeister an sein Pferd treten und befahl ihm leise und streng : » Einmal wöchentlich öffne dem Alten diese Pforte zu Einlaß und Auslaß . Niemals am Tage , sondern vor Morgengrauen oder nach dem Ave Maria . « Von Don Giulio mit Dank und Rührung empfangen , enthielt sich Mirabili , das zerstörte Angesicht , dessen Schönheit in früherer Zeit ihn beglückt hatte , lange zu prüfen . Ohne Zögern machte er sich ans Werk , den Gefangenen in die Herrlichkeiten der stoischen Schule einzuführen und ihm die Triumphe der Selbstüberwindung zu zeigen . Wenn er ihm dann nach langer Sitzung die hohen Vorbilder pries , die ihn begeisterten , einen Zeno , einen Epiktet und vor allem den Kaiser mit dem Philosophenbart , den göttlichen Mark Aurel , sagte wohl der Blinde , der indessen an seinem Strohgeflecht gesessen hatte , traurig und müde : » Ach , Mirabili , ich kenne diese vornehmen Herren nicht und es will mir nicht gelingen , mich mit ihnen auf den Thron der Tugend zu setzen . « Einen kräftigeren Trost reichte dem Blinden der Sohn des heiligen Franziskus , Pater Mamette . Auch er , wie der alte Mirabili , obwohl ein noch grünender feuriger Mann , gehörte zu Don Giulios Jugenderinnerungen . Aus einer Bauernfamilie Pratellos gebürtig , wurde er als ein verwaistes , ganz junges Blut von seinen älteren Brüdern , die nicht gesonnen waren , ihr Erbe mit ihm zu teilen , ins nahe Kloster geliefert , wo das unschuldige Kind unbeachtet , aber von den Mönchen wohlgelitten , aufwuchs . Dem Kleinen geriet , wie dem verkauften Joseph , alles zum besten , und sein von freudigen Augen beleuchtetes Angesicht war das Wohlgefallen und der Trost aller , die ihn kannten . Als Don Giulio zum Jüngling erwuchs und sein prächtiges Pratello baute , war Mamette im Laufe guter und böser Tage zum Manne geworden und ein fertiger Franziskaner . Don Giulio sah ihn eines Tages unter seinen Bauleuten , als er einem verunglückten Maurer beistand , ihn in seine Arme nahm und den Sterbenden mit mehr als mütterlicher Liebe in den Himmel hob . Damit fiel er dem Este auf und berührte die wohllautendste Saite seiner Seele . Weil aber der Leichtfertige nach der Hofsitte einen Beichtvater haben sollte und man ihn längst beschuldigte , dieses Herkommen zu vernachlässigen , so entschloß er sich kurz und wählte Pater Mamette . Außer zu den kirchlich gebräuchlichen Zeiten hatte er ihn übrigens nie rufen lassen , auch nach seinem Sturze ins Elend nicht . Erst da er das Todesurteil erwartete , ließ er ihn zu sich in den Kerker kommen und sich dann von ihm auf das Schafott begleiten . Nach seiner Rückkehr aus Fenestrella wurde nun Pater Mamette der beste Freund seiner Gefangenschaft , und der von allen Seiten Gerufene und Begehrte zählte die Stunden nicht , die er zur Tröstung des Unglücklichen im » vergessenen « Turme zubrachte . Da geschah es oft , daß der Pater den Blinden bei beiden Händen ergriff und ihm sagte : » Ihr kennt noch nicht den unerschöpflichen Born des Glücks : es ist das Geheimnis der Armut . Mein heiliger Franziskus , der mit ihr aufs innigste vermählt war , offenbarte es mir einst zur Rettung aus den Abgründen der Seele . Erst wenn Ihr nichts mehr zu eigen habt , könnt Ihr die Liebe Gottes empfangen . Und wenn Ihr empfanget , könnt Ihr geben . Das ist meine Pforte zum Glück und zur Freiheit ! Tretet mit mir ein ! Werdet arm und ärmer , damit Ihr empfangen und geben könnt , wie ein Brunnen , der Schale um Schale überfließend füllt . « Don Giulio fand anfangs , daß es für ihn , einen Beraubten und aus dem Lichte Gestoßenen , schwer sei , noch ärmer zu werden ; er verstand nicht , daß er sich auch des Reichtums seiner selbstsüchtigen Schmerzen entschlagen müsse