, von einem Fenster zum anderen gelaufen , weil sie immer noch gedacht hat , der junge Herr müßte wiederkommen ohne seinen Schatz – ins Bett ist sie auch nicht gegangen , es stand heute früh noch so , wie ich ' s gestern zurecht gemacht hatte ... « Drin am Bogenfenster der Amtsstube stand währenddessen die Majorin . Sie hielt den Fenstergriff umklammert und starrte hinaus durch den Torbogen , wo eben noch einmal das tieferblaßte Gesicht des scheidenden Sohnes aufgetaucht war . Kein Seufzer hob ihre Brust – sie verharrte auf dem Platze wie eine Bildsäule ... Da trat der Rat hinter sie . » Er ist dir für immer verloren , Therese – der elende Bursche geht zu seinem leichtsinnigen Vater , « sagte er kalt . Sie fuhr herum , als habe er ihr einen Dolch in das Fleisch gestoßen , aber sie fragte nicht : » Woher weißt du das ? « – Sie warf ihm nur einen wilden Blick zu , biß die Zähne wie im Krampfe zusammen und ging hinaus . – – 10. Man schrieb das Jahr 1868 . In dem Zeitraum von acht Jahren hatten sich gewaltige Ereignisse in zwei Weltteilen abgespielt ; es war viel Blut geflossen in Schleswig-Holstein und Böhmen , und auf dem Boden der Vereinigten Staaten hatte der große Sezessionskrieg , in dem der Rassenhaß und der langjährige Widerstreit zwischen Ackerbau- und Pflanzerstaaten endlich zum Austrag kamen , in vier Jahre langer Wut und Erbitterung getobt . Diese acht Jahre waren verhängnisvoll gewesen für Millionen von Menschenleben , auch für das Geschick des Verstoßenen , der an einem schönen Junitage das deutsche Vaterland verlassen , um mit seinem Mädchen über das Meer , zu dem wiedergefundenen Vater zu flüchten – verhängnisvoll auch für den Schillingshof , in dem der Senior des Hauses , der alte Freiherr Krafft , nach einem abermaligen Schlaganfall die lustigen , feurigblickenden Augen für immer geschlossen hatte und infolgedessen das herrliche alte Säulenhaus oft verwaist und verlassen stand – scheinbar unberührt aber war das Klostergut geblieben ; der Wechsel war vorbeigeschritten , als läge es ihm , in weltweiter Verschollenheit , zu abseits vom Wege . Nach wie vor , pünktlich um dieselbe Abendstunde , rasselte das Seitenpförtchen in der Straßenmauer , und die Leute kamen , um die gute , unverfälschte » Klostermilch « zu holen . Im Hofe hantierten dieselben Knechte und Tagelöhner und fuhren mit Egge , Pflug und Äxten hinaus in das weite Wolframsche Acker- und Waldgebiet , und durch das große Tor schwankten die Erntewagen , die Holzfuhren zurück – alles nach jahrhundertaltem Brauch und abhold jeder Veränderung . Und in das Hühnervolk , in die Taubenschwärme durften sich keine fremden Arten mischen – es waren immer dieselben Formen und Farben im Hofe und auf den Dächern des Klostergutes – unveränderlich , meinten die umwohnenden Leute , wie die alte , mißfarbene Joppe des Herrn Rates , wie die stolze Haltung und das verschlossene , kalte Gesicht der Frau Majorin . Aber sie mußten doch zugeben , daß die Gestalt mit dem steifgetragenen Haupt an den Schultern spitz geworden war , daß die braune Flechte auf dem Scheitel ein starker Silberschein überspielte und die ganze Frauenerscheinung an Energie und Raschheit der Bewegungen bedeutend verloren hatte . Wenn etwas an dem altüberlieferten Aussehen des Klostergutes störend befremdete , so war es der wilde Junge , der oft plötzlich die rasselnde , kleine Pforte aufriß und herausspringend die Spaziergänger erschrecke . Er stand auch wohl im offenen Hoftor , schlug mit der Peitsche nach den vorübergehenden Kindern , zupfte die spazierengehenden Damen an den Kleidern , trat auf ihre Schleppen und machte ihnen lange Nasen nach . Und wenn er in den Hof zurücklief , da rannte ganz gewiß das geängstigte Federvieh schreiend in alle Ecken , der grimme Kettenhund schlich mit eingeklemmtem Schwanze nach seiner Hütte , und selbst die grobe Stallmagd wich scheu zur Seite , denn vor der stets herumfahrenden Peitschenschmitze oder dem Knüppel in der Hand des Mosje Veit war nichts sicher . Für den Spätling des Wolframschen Geschlechtes war von dem gesunden Mark , der robusten Körperkraft der Ackerbau treibenden Vorfahren nicht viel verblieben – er hatte ein reizbares Nervensystem und neigte zu Krämpfen . Bis zum elften Monat war er im Wickelkissen getragen worden , und dann hatte es der kostspieligsten Stärkungsmittel bedurft , um ihn auf die dürren Spinnenbeinchen zu bringen . Unglaublich dünn und mager war dies Gestell auch heute noch ; das braune , kleine Gesicht zwischen den abstehenden Ohren hatte sich nicht gerundet , und der unheimliche Haarbusch , der , wie bei dem Rat , als Schneppe hartlinig und tief in die Stirne hineinschnitt , umstarrte noch ebenso borstig den schmalen Kopf . Aber Veit war ein hoch aufgeschossener Junge geworden – er war seinen Jahren voraus an Körperlänge und Gliedergeschmeidigkeit . Er kletterte affenartig an den Weinspalieren der Hintergebäude empor und lief über die Dächer und auf den schmalen Kanten der Firste hin . Keine Leiter war ihm zu steil und weitsprossig , kein Winkel zu dunkel – er kroch durch die Dachluken auf die Kornspeicher und Heuböden , spürte wie ein Iltis den verschleppten Hühnernestern nach und schlürfte die Eier aus . Er wußte , daß sich alles vor ihm fürchtete , denn er stand auch an Intelligenz weit über seinem Alter , und das machte ihn zu einer wahren Geißel – mit seinen Streichen hielt er wie ein rumorendes Teufelchen das ganze Haus in Atem . Der Rat sah ihn mit Lust und Stolz aufwachsen ; wie aber die Majorin über das unruhige Blut , die seltsamen Gewohnheiten und die Charakteranlagen dieses doch gewiß echten Wolframs dachte , darüber schwieg sie , wie über alles , was ihren Bruder anging . Es war ihr nur einmal eine rügende Bemerkung über die Gemütsart des Knaben entschlüpft , und da hatte der Rat spitz geantwortet : » Auch an den Wolframs modeln die Zeitverhältnisse : mit dem stillen