Er trat lächelnd in das Fenster und sah hinüber nach dem indischen Garten . Es dämmerte stark – das niedrige Rohrdach des indischen Hauses verschwamm bereits mit den Wipfeln der Rosenbäume , und nur auf den goldglänzenden Kuppeln des Tempels sammelten sich noch schwarze Reflexe des verlöschenden Abendlichtes . » Ich habe den Onkel erst wiedergesehen , « sagte er nach einer Pause sich umwendend , » als sein letzter Wunsch erfüllt erden sollte , als der Arzt im Begriff war , seine Leiche mit einem zersetzenden Präparat zu tränken . Man hatte mich von der Universität zur Beisetzung nach Schönwerth berufen ... Da lag er entstellt in weißen Atlasdecken – statt der Rosendüfte von Kaschmir flossen häßliche Weihrauchwolken über ihn hin ; kein Nachtigallenthon drang durch die schwarzumhüllten Fenster – dafür umflüsterten ihn gemurmelte Gebete , und aus geistlichem Munde wurde er gepriesen , daß er zur rechten Stunde noch aus der Irre auf den wahren Heilsweg zurückgekehrt sei – unrühmlich genug für diese Dogmen « – unterbrach er sich grollend – » daß die Seele sie erst annimmt , wenn sie vom kranken Körper angesteckt ist , wenn alle Nervensaiten verstimmt und gebrochen sind und das arme Gehirn urteilslos und beängstigt in den Nebelwolken des herannahenden Todes schwimmt ! – Ja , das war das Ende , der jammervolle Schluß eines märchengeschmückten Lebens voller Ideale . « Die junge Frau stand noch vor dem Arbeitskorbe – sie war sich selbst nicht bewußt geworden , daß sie die bunten Wollsträhnen unzähligemal aus- und eingepackt hatte ... Dort wölbte sich der mächtig geschwungene Fensterbogen , in welchem Onkel Gisbert gestorben war , gestorben mit dem Blicke auf seine indische Schöpfung , und mit diesem Bilde » aus der Irre « war die Seele heimgegangen , trotz aller Weihrauchwolken und sonstigen kirchlichen Apparate und Anstrengungen ... Ein graues , spukhaftes Dämmerlicht kroch in Fensterbreite über das Parkett und ließ in schwarzen Umrissen ein riesiges Kreuz auf die Eichentafeln fallen ; es floß auch über den erzählenden Mann , dessen Stimme alle Register der heitersten Selbstverspottung bis zum Ingrimm durchlaufen hatte . » Ich wußte , daß ein Kind im indischen Hause geboren worden war , « fuhr er nach einem augenblicklichen Schweigen fort . » Ich hatte es auch auf dem Arme der Frau Löhn gesehen – damals rührte mich das kleine Geschöpf mit dem melancholischen Gesichte ... Es war kein Testament da , und nach meiner moralischen Überzeugung war der Knabe als erster Erbe anzusehen . Ich sprach das aus – da wurde mir ein Zettel vorgelegt . Onkel Gisbert war an einem furchtbaren Halsübel gestorben ; er hatte schon monatelang vor seinem Tode kein Wort mehr gesprochen und sich nur noch mittels der Feder verständlich machen können – solche Zettel sind viele da – hier « – er zeigte auf einen Rokokoschreibtisch mit hohem Aufsatze – » in diesen sogenannten Raritätenkasten des Hofmarschalls sind sie aufbewahrt . Jener eine Zettel verstieß in strengen Worten die Frau im indischen Hause als eine Treulose und verlangte auf das Bestimmteste , daß ihr Knabe im Dienste der Kirche erzogen werde . Dagegen ließ sich nichts thun , und ich wollte auch gar nicht mehr ; ich war empört und bin es noch heute , daß selbst ein Mann wie er unter der Schlangenfalschheit des Weibes schwer leiden mußte ... Der Onkel und ich waren die rechtmäßigen Erben . Wir traten die Hinterlassenschaft an ... Nun war ich selbst Herr im indischen Garten ; nun trat sie mir nicht mehr entgegen , die prächtige Gestalt des Onkels , mit ruhig verschränkten Armen und dem feurigen Schwerte des Spottlächelns – und im Hause mit dem Rohrdache lag die vergötterte Lotosblume wie von einem rächenden Blitzstrahle getroffen – « » Nun , durftest du sie sehen , « kam es wie unwillkürlich von Lianens Lippen . Er fuhr mit einer Gebärde voll Abscheu herum . » Meinst du ? – Mit nichten ! Ich war geheilt für immer ! Ein treuloses Weib stoße ich nicht mit der Fußspitze an . Und dann « – er schüttelte sich – » ich kann keinen so kranken Menschen sehen ; jede gesunde Fiber in mir empört sich dagegen ... Die Frau ist wirr im Kopfe , gelähmt an allen Gliedern und schreit zu Zeiten , daß einem die Ohren gellen – sie stirbt seit dreizehn Jahren . – Ich habe sie nie gesehen und vermeide , so viel ich kann , den Weg am indischen Hause . « Liane legte den Deckel auf den Korb und rief nach Leo , der sich unterdessen mit Steinwerfen drunten auf dem Kiesplatze die Zeit vertrieben hatte . Während Mainaus Erzählung war ihr gewesen , als müsse sie zu ihm treten und , das Geschilderte warm miterlebend , zu ihm aufsehen – nun zischte der häßliche Schlangenkopf des empörendsten Egoismus plötzlich wieder empor und trieb sie weit weg von dem Uebermütigen , der im unüberwindlichen Kraftgefühle sich selbst gegen jede Heimsuchung gefeit wähnte und das ihn widerwärtig Berührende ohne weiters beiseite schob , um sich den Lebensgenuß in keiner Weise verkümmern zu lassen . » Sage dem Papa gute Nacht , Leo ! « ermahnte sie den Knaben , der stürmisch auf sie zuflog und sich an ihren Arm hing . Mainau hob ihn empor und küßte ihn . » Nun wirst du nicht wieder nach der Frau im indischen Hause fragen , Juliane ? « » Nein . « » Ich hoffe auch nie mehr das oppositionelle und zärtliche › Gute Nacht , mein liebes Kind ‹ zu hören . Du begreifst , daß ich so handeln muß – « » Ich bin langsam im Denken und brauche Zeit , um mir ein Urteil zu bilden , « unterbrach sie ihn . Sie verbeugte sich leicht und verließ mit Leo den Salon . » Schulmeister ! « murmelte er verdrießlich zwischen den Zähnen , indem er ihr den Rücken wandte ... » Bah , sie paßt vortrefflich , « dachte er