Lippen bewegten sich , als wollte sie sprechen , die Augen irrten scheu in der Halle umher , und die Lampen warfen ein unruhiges Licht auf das bleiche Gesicht . Dann faßte sie mich am Arm : » Meine Mutter , wo ist meine Mutter ? « Ich stürzte davon wie gejagt . Zitternd und leichenblaß stand ich plötzlich im Saal , es war mir , als hätte ich die Sprache verloren . Ich suchte nach Worten und fand sie nicht , ich vermochte zuerst nur mit der Hand nach draußen zu zeigen , dann stammelte ich zu Frau v. Bendeleben , die besorgt zu mir trat : » Ruth ist draußen in der Halle ! « Sie sah mich an , als ob ich irrsinnig geworden sei . Die Musik verstummte , und die gespannte Aufmerksamkeit der Gesellschaft konzentrierte sich auf mich , die ich , am ganzen Körper zitternd , vergeblich versuchte , Herr meines Schreckens zu werden . Da flog die nach dem Korridor führende Flügeltür auf , und über die Schwelle schritt Ruth . Ich sehe sie noch vor mir , unheimlich schön sah sie aus , als sie mit beinahe geistesabwesenden Augen ihre Mutter suchte . Ein langes , schwarzes Trauerkleid umhüllte die zierliche Gestalt , die dunklen Haare waren unter der Witwenhaube versteckt , von der ein langer , schwarzer Kreppschleier herniederhing . Das wunderbar schöne Gesicht zeigte keine Spur von Leben . » Mutter ! « rief sie mit erlöschender Stimme . » Mutter ! « Einen Augenblick stand alles starr und still , dann kam Leben in die Mutter , und mit dem Ausruf : » Ruth ! Allmächtiger Gott , was ist geschehen ? « zog sie die Tochter in ihre Arme . » Er ist tot , Mutter ! « sagte sie leise und tonlos und legte den Kopf an ihre Schulter . Kaum vermag ich diese Szene zu beschreiben . Vorhin und Jetzt erschien wie ein Traum . Die Gäste zogen sich in die Nebenzimmer zurück , der Baron stand wie betäubt , und Hanna hatte die Hand ihrer Schwester ergriffen . » Ruth , liebste Ruth , sprich doch , sei nicht so starr – bringt sie doch auf ein Sofa , hilf doch , Heinrich , Vater ! O Gott , was ist nur geschehen ? « Totenstill war es im Zimmer geworden , die Kerzen gossen ihr Licht auf die bleiche Frau in der prachtvollen Seidenrobe und auf die schlanke , schwarze Gestalt in ihren Armen . Die Blumen dufteten süß , und draußen raste der Sturm und pochte an die Fensterscheiben , und wieder klang es tonlos von ihren Lippen : » Er ist tot , Mutter ! « Still gingen Bergen und Eberhardt hinaus und schlossen die Türen , man hörte nur leises Sprechen nebenan , und endlich ertönte die Stimme der Frau v. Bendeleben : » Ruth , armes , armes Kind ! « Auch ich zog mich zurück und trat in den Speisesaal . Oh , meine Ahnung ! – Bergen und Eberhardt begleiteten eben die letzten Gäste zu den Wagen . Das Unwetter tobte wie am Nachmittage . – Hier standen noch die Tafeln , wie wir sie verlassen , die Stühle abgerückt , Blumen und Orangenschalen auf dem Fußboden verstreut . Hier hatte die Hausfrau gesessen und mit frohen Blicken über die heitere Gesellschaft geschaut , während ihr Kind in Nacht und Sturm zu ihr flüchtete , und von dort oben lächelten die Götter unbekümmert ihr Vive 1a joie herab . – Wo war sie geblieben , die Freude ? Scheu hatte sie sich geflüchtet , als die schwarze Frauengestalt in ihrem Bereiche erschien . Wie flatterhaft ist das Glück ! » Was kann nur passiert sein ? « fragte Bergen . » Warum wurde der Tod nicht sofort brieflich angezeigt ? Es ist seltsam und unheimlich , nicht wahr , Fräulein Gretchen ? « » Ich weiß nichts « , sagte ich . » Aber ich fürchte mich . Ich hatte eine Ahnung , daß etwas Schreckliches passieren müsse . Herr v. Eberhardt hat mich zwar ausgelacht – « » Ja , ich lächle auch jetzt noch über Ahnungen , ich bin nicht abergläubisch « , erklärte er . Da kam Hanna zu uns und warf sich , in Tränen ausbrechend , in die Arme ihres Bräutigams . » Sie ist wie abwesend « , klagte sie . » Das einzige , was wir von ihr erfahren haben , ist , daß er im Duell gefallen , und daß sie von der Leiche fort in den Reisewagen gestiegen und abgereist ist . Sie hat kaum etwas genossen , während der ganzen Fahrt nicht geschlafen . Oh , was für ein schrecklicher Tag ist dies ! « Ein schrecklicher Tag , ja , in Wahrheit schrecklich ! Eberhardts liebevollste Worte konnten mich nicht beruhigen . Ich bebte im Fieber , und erst gegen Morgen schloß ich die Augen neben Hanna , die sich in den Schlaf geweint hatte . Unheimliche Träume verfolgten mich , in denen Kathrin und Ruth seltsame Gespräche führten , und dann hörte ich wieder Eberhardts Stimme : » Wie hübsch siehst du heute aus , mein geliebtes Mädchen . « Genau habe ich nie erfahren , was dort in Wien vorgefallen war . Nur aus unzusammenhängenden Brocken konnte ich das Folgende zusammensetzen . Die schöne Gräfin war eines Morgens aufgewacht von ungewohntem Laufen und Tumult in dem Palaste . Sie war aufgestanden , hatte ein leichtes Gewand übergeworfen und nach ihrer Zofe geschellt . Da war diese schreckensbleich hereingestürzt , und durch die geöffnete Tür hatte Ruth die Bahre mit ihres Gatten totem , starrem Körper erblickt . Sie hatte sich verzweifelt über ihn geworfen . Ihr wurde mitgeteilt , daß er im Duell mit Herrn v.T. gefallen sei . Über die Ursache dieses blutigen Ereignisses weiß ich nichts , nie wurde in Bendeleben eine Andeutung darüber gemacht . Nur das erfuhr ich nachher , daß