Fenster werfend , und umwob die reizende Mädchengestalt mit rosigem Lichte . Die alte Baronin schreckte zurück , als sähe sie ein Gespenst , und streckte erschreckt die Hände gegen sie aus . „ Dio mio ! Es ist unerhört ! “ rief sie , und trat mit dem Fuße auf . „ Sind Sie immer nur hier , um mich zu erschrecken ? “ „ Es thut mir leid , Frau Baronin , daß ich stets das Unglück habe – “ „ Allerdings wunderhar , vor solch einer holden Erscheinung zu erschrecken ! “ sagte der Oberste er war in den Rahmen der Thür getreten und schaute bewundernd zu dem jungen Mädchen hinüber . „ Darf ich bitten , meine Gnädige , der jungen Dame mich vorzustellen ? “ Die Angeredete zuckte mit den Achseln , indem sie einen beinahe mitleidigen Blick auf den alten Herrn warf , und trat zum Fenster . „ Nun , dann muß ich mich selbst vorstellen , mein Fräulein – Oberst von Derenberg ! “ sagte er verbindlich . „ Dies ist meine Freundin , Onkel , Lieschen Erving , “ ergänzte Nelly die Vorstellung . Das junge Mädchen verbeugte sich leicht . „ Erving ? “ wiederholte fragend der alte Herr . „ Die Tochter des jetzigen Besitzers der Derenberg ’ schen Forsten , Onkel , “ bestätigte Nelly und heftete ihre Augen voll auf sein etwas gerötetes Gesicht . „ Ah so , “ erwiderte er . Darum kam mir der Name so bekannt vor . „ Ihr Herr Vater ist wahrscheinlich ein Liebhaber des edlen Waidwerks ? “ „ Ja , Herr Oberst , und außerdem verbraucht er viel Holz in seiner Papierfabrik . “ „ Ah , eine Papierfabrik besitzt Ihr Herr Vater ? Aber Holz – ich meine , das bessere Papier soll meistenteils aus Lumpen gemacht werden ? “ Ueber Lieschen ’ s Gesicht zog ein schalkhaftes Lächeln . „ Gewiß , Herr Oberst . Darum heißt auch unsere Fabrik in der ganzen Umgegend die Lumpenmühle , mein Vater der Lumpenmüller und ich Lumpenmüllers Lieschen . “ Sie lachte jetzt wirklich über das ganze liebliche Gesicht . „ Lumpenmüllers Lieschen ? “ wiederholte der Oberst ebenfalls lächelnd und sah belustigt zu ihr hinüber . „ Das ist allerdings ein Name , der nicht für Sie zu passen scheint . “ „ Ich trage ihn doch gern , “ sagte sie , „ jedes Kind nennt mich so , schon immer haben die Töchter aus unserem Hause diesen Beinamen gehabt , entweder Lumpenmüllers Grethchen , oder Minchen , oder Lisett – “ . Sie erschrak , als die diesen Namen so unabsichtlich aussprach , und sah scheu zu der alten Dame hinüber , die noch immer am Fenster stand und sich eben jetzt so rasch umwandte , als habe sie eine Natter gebissen . „ Lisett ? “ wiederholte sie . „ Sie haben da eben einen Namen genannt , auf den Sie sich nicht so stolz berufen sollten ; diese Lisett war eine Leichtsinnige , die ihren Eltern viel Kummer gemacht hat – “ „ Das Andenken an Großtante Lisett ist mir heilig , “ erwiderte das junge Mädchen scheinbar ruhig , „ sie war nicht leichtsinnig ; sie war nur sehr unglücklich , aber , wie man mir versichert , nicht durch eigene Schuld , Frau Baronin . “ Ihre Lippen zuckten vor Erregung , als sie diese Worte sprach , und aus ihrer Stimme klang das stürmische Klopfen ihres Herzens . „ Was ist das für eine Lisett ? Wer war sie ? “ erkundigte sich Blanka lebhaft , die eben in ’ s Zimmer trat . „ Wer schmäht sie , und was hat sie denn verbrochen ? “ Sie stand jetzt zwischen Lieschen und der Großmutter , und ihr Köpfchen wandte sich rasch von der Einen zur Andern . „ Sei nicht so bodenlos neugierig , mein Kind ! “ beruhigte der Oberst , „ ich sagte es Dir schon einmal , alte Schlösser haben ihre Geheimnisse , und – “ „ Wer sagt Ihnen denn , Oberst , daß , das Schloß etwas mit jener Angelegenheit zu thun hat ? “ Die alte Dame war leichenblaß geworden . „ Je nun , “ erwiderte er bedächtig , und sah scharf zu ihr hinüber , „ ich combinire gern – “ „ Sehr bedauerlich , Herr Oberst , daß Sie nicht Romandichter geworden sind ! Sie haben ihre Carriere verfehlt . “ „ Adieu , Nelly , “ flüsterte Lieschen , sich zu ihr niederbeugend und einen Kuß auf die Wange der Freundin drückend , dann verneigte sie sich leicht gegen die Anwesenden und schritt aus dem Zimmer ; sie floh förmlich den Corridor entlang und über den freien Platz vor dem Schlosse . In der Lindenallee stand sie plötzlich vor – Army . „ Fräulein Erving – “ Sie sah zu ihm auf ; seine Züge waren ernst . „ Fräulein Erving – “ wiederholte er – „ haben Sie gehört , was dort gesprochen wurde in unserer Wohnstube ? “ „ Ja ! “ erwiderte sie fest . „ Es ist nicht gerade sehr – wie soll ich sagen ? – sehr [ 754 ] discret , zu horchen , wenn Familienangelegenheiten besprochen werden – “ „ Ich habe nicht gehorcht , Herr Baron ! “ rief sie stolz ; „ wäre ein anderer Ausgang aus dem Zimmer gewesen , ich hätte es gern verlassen , für mein Leben gern , denn – “ „ Sie konnten durch das Wohnzimmer gehen – “ „ Nein ! Ihre Frau Mutter selbst hat mich gebeten , die Wege Ihrer Frau Großmutter nicht zu kreuzen , denn sie kann mich nicht leiden ; ich bin ja eine Tochter des Hauses , in welchem man anständiger Weise nicht verkehren kann , Herr Lieutenant – Sie wissen es ja ; ich war also gezwungen zu bleiben ; ich wäre am liebsten aus dem Fenster gesprungen .