lange war es , daß sie solchen Anblick nicht gehabt und sich seiner gefreut hatte ! Und sie ging von Stand zu Stand und von Kram zu Kram , um das halbe Rathaus herum , bis sie zuletzt an die Rückwand kam , wo nur noch ein paar einzelne Scharren standen . In Höhe dieser war eine Steintafel in die Wand eingelassen , die sie früher an dieser Stelle nie bemerkt hatte . Und doch mußte sie schon alt sein , das ließ sich an dem graugrünen Moos und den altmodischen Buchstaben erkennen . Aber sie waren noch deutlich zu lesen . Und sie las : Hastu Gewalt , so richte recht , Gott ist dein Herr und du sein Knecht ; Verlaß dich nicht auf dein ' Gewalt , Dein Leben ist hier bald gezahlt , Wie du zuvor hast ' richtet mich , Also wird Gott auch richten dich ; Hier hastu gerichtet nur kleine Zeit , Dort wirstu gerichtet in Ewigkeit . » Wie schön ! « Und sie las es immer wieder , bis sie jedes Wort auswendig wußte . Dann aber ging sie rasch um die zweite Hälfte des Rathauses herum und stieg die Freitreppe hinauf , die , mit einer kleinen Biegung nach links , unmittelbar in den Sitzungssaal führte . Es war derselbe Saal , in dem , zu Beginn unsrer Erzählung , die Puppenspieler gespielt und das verhängnisvolle Feuerwerk abgebrannt hatten . Aber statt der vielen Bänke stand jetzt nur ein einziger langer Tisch inmitten desselben , und um den Tisch her , über den eine herunterhängende grüne Decke gebreitet war , saßen Bürgermeister und Rat . Zuoberst Peter Guntz , und zu beiden Seiten neben ihm : Caspar Helmreich , Joachim Lemm , Christoph Thone , Jürgen Lindstedt und drei , vier andre noch . Nur Ratsherr Zernitz hatte sich mit Krankheit entschuldigen lassen . An der andern Schmalseite des Tisches aber wiegte sich Gerdt auf seinem Stuhl , dasselbe Aktenbündel in Händen , in dem er gestern gelesen hatte . Er verfärbte sich jetzt und senkte den Blick , als er seine Schwester eintreten sah , und aus allem war ersichtlich , daß er eine Begegnung an dieser Stelle nicht erwartet hatte . Grete sah es und trat an den Tisch und sagte : » Grüß Euch Gott , Peter Guntz . Ihr kennt mich nicht mehr ; aber ich kenn Euch . Ich bin Grete Minde , Jacob Mindes einzige Tochter . « Alle sahen betroffen auf , erst auf Grete , dann auf Gerdt , und nur der alte Peter Guntz selbst , der so viel gesehen und erlebt hatte , daß ihn nichts mehr verwundersam bedünkte , zeigte keine Betroffenheit und sagte freundlich : » Ich kenn dich wohl . Armes Kind . Was bringst du , Grete ? Was führt dich her ? « » Ich komm , um zu klagen wider meinen Bruder Gerdt , der mir mein Erbe weigert . Und dessen , denk ich , hat er kein Recht . Ich kam in diese Stadt , um wiedergutzumachen , was ich gefehlt , und wollte dienen und arbeiten und bitten und beten . Und das alles um dieses meines Kindes willen . Aber Gerdt Minde hat mich von seiner Schwelle gewiesen : er mißtraut mir ; und vielleicht , daß er ' s darf . Denn ich weiß es wohl , was ich war und was ich bin . Aber wenn ich kein Recht hab an sein brüderlich Herz , so hab ich doch ein Recht an mein väterlich Gut . Und dazu , Peter Guntz und ihr andern Herren vom Rat , sollt ihr mir willfährig und behülflich sein . « Peter Guntz , als Grete geendet , wandte sich an Gerdt und sagte : » Ihr habt die Klage gehört , Ratsherr Minde . Ist es , wie sie sagt ? Oder was habt Ihr dagegen vorzubringen ? « » Es ist nicht , wie sie sagt « , erhob sich Gerdt von seinem Stuhl . » Ihre Mutter war einer armen Frauen Kind , ihr wisset all , wes Landes und Glaubens , und kam ohne Mitgift in unser Haus . « » Ich weiß . « » Ihr wißt es . Und doch soll ich sprechen , wo mir zu schweigen ziemlicher wär . Aber Euer Ansinnen lässet mir keine Wahl . Und so höret denn . Jacob Minde , mein Vater , so klug er war , so wenig umsichtig war er . Und so zeigte sich ' s von Jugend auf . Er hatte keine glückliche Hand in Geschäften und ging doch gern ins Große , wie die Lübischen tun und die Flandrischen . Aber das trug unser Haus nicht . Und als ihm zwei Schiffe scheiterten , da war er selbst am Scheitern . Und um diese Zeit war es , daß er meine Mutter heimführte , von Stendal her , Baldewin Rickharts einzige Tochter . Und mit ihr kam ein Vermögen in unser Haus ... « » Mit dem Euer Vater wirtschaftete . « » Aber nicht zu Segen und Vorteil . Und ich habe mich mühen müssen und muß es noch , um alte Mißwirtschaft in neue Gutewirtschaft zu verkehren , und alles , was ich mein nenne bis diese Stunde , reicht nicht heran an das Eingebrachte von den Stendalschen Rickharts her . « » Und dies sagt Ihr an Eides Statt , Ratsherr Minde ! « » Ja , Peter Guntz . « » Dann , so sich nicht Widerspruch erhebt , weis ich dich ab mit deiner Klage . Das ist tangermündisch Recht . Aber eh ich dich , Grete Minde , die du zu Spruch und Beistand uns angerufen hast , aus diesem unserem Gericht entlasse , frag ich dich , Gerdt Minde , ob du dein Recht brauchen und behaupten oder nicht aus christlicher Barmherzigkeit von ihm ablassen willst . Denn sie , die hier vor dir steht ,