aus Furcht und Dankbarkeit ist es gekommen , und aus Furcht und Dankbarkeit hat sie ja gesagt . « Unter diesem Gespräch hatte sich die Teilnahme des alten Generals , dem in der Tat ein gut herrnhutisch Herz in der Brust schlug , immer aufrichtiger dem » Erweckten von Emmerode « zugewandt ; die Gräfin aber antwortete : » Sörgel und Ihr , Melcher Harms , ihr seid ihr Freund . Aber Ihr wißt doch , was die Leute sagen : sie lebe so müd und matt in den Tag hinein ; und stille Wasser seien tief . Und sei keiner , dem sie ' s nicht angetan . Und habe doch selber kein Herz und keine Liebe . Ja , lächelt nur ! Ihr seht , ich habe meine Zuträgerschaften . Aber ich mißtraue solchem Urteil , und nun sagt mir das Eure . « » Wer das alles von der Hilde gesagt hat , der hat sie gut genug gekannt . Aber er ist auf halbem Wege stehengeblieben . Ja , Gräfin , es ist eine sehnsüchtige Natur , die Liebe will . Und daß ich ' s sagen muß : auch irdische Liebe . Danach trachtete sie durch Tag und Jahr und wartete darauf und wartet noch . Und ist all ' umsonst , wie lang sie warte . Denn ich seh ihre Zukunft so klar wie die Tanne drüben auf Ellernklipp , und weil sie ' s auf Erden nicht finden wird , so wird sie ' s suchen lernen dort oben und wird sich klären und in himmlischer Liebe leben und sterben . Und wird ein Engel sein auf Erden . All das seh ich , und sehe nichts mehr von ihrer Schuld und Schwäche . Ja , Gräfin , eine Gebenedeite wird sie sein , sie , die heute nach dem unerforschlichen Ratschlusse Gottes ihres Pflegevaters Frau geworden ist . Und wird die Kraft haben , viel manchen von uns freizubeten , zumal auch einen , den ich heute nicht nennen will . « Er hatte das alles mit dem ganzen Leuchteblick eines echten Konventiklers gesprochen , der sich seiner Prophetengabe voll bewußt ist , und selbst die jungen Herren , die sich anfangs nur spöttische Bemerkungen über das » Orakel von Emmerode « zugeflüstert hatten , waren still geworden . Der alte General aber , als Melcher Harms jetzt aufstand , stand mit ihm auf und gab ihm das Geleite durch Saal und Halle hin bis an die Wendeltreppe . Die jungen Offiziere ihrerseits hatten inzwischen ihren Übermut wiedergewonnen und zogen sich , ungestört von der Gräfin , in eine Balkonecke zurück , die jedem einzelnen einen Blick auf das Tal und das gegenüberliegende Haus des Heidereiters gönnte . » Sieh , Lothar « , sagte der eine , » sie stecken jetzt drüben die Lichter an . « » Aber ohne Hymens Fackel . « » Es wird so schlimm nicht sein « , entgegnete der erste wieder . » L ' appetit vient ... Und nun gar die : blaß und rotblond und matt und müde . Wir sagen › languissant ‹ , und ich denke , wir wissen , was es meint . « » Aber languissant ist irdisch . Und du hast doch gehört , mit dem Irdischen ist es für sie vorbei . « » Nicht doch . Er sprach bloß von der Zukunft . Und wenn wir auf die warten , ich mein auf die Zukunft , so wachsen wir uns auch noch in die himmlische Liebe hinein . Beiläufig , wie denkst du sie dir ? « » Entbehrlich . « Und sie lachten und medisierten weiter . In des Heidereiters Haus aber wuchs der festliche Lärm , und als spät nach Mitternacht alles heimkehrte , war keiner , der nicht versichert hätte , daß dies die lustigste Hochzeit seit Menschengedenken gewesen sei . » Und je lustiger die Hochzeit , desto glücklicher das Paar . « 15. Kapitel . Das kranke Kind Fünfzehntes Kapitel Das kranke Kind Ja , das war der Tag , der unvergessen in Emmerode fortlebte , und nur einer war , der eine beinahe gleiche Teilnahme geweckt hatte , der , an dem es hieß : » Die Störche ziehen , aber in Bocholts Haus ist einer angekommen . « Und so war es ; Hilde war eines Kindes genesen , eines Knäbleins mit spärlichem rotblondem Haar , und die weise Frau hatte gesagt : » Es wird nicht alt . Es ist zu hübsch und zu durchsichtig und sieht aus , als wüßt es alles . « Und nur zu bald zeigte sich ' s , daß die weise Frau richtig gesprochen , obschon es anfänglich gedieh und runde rote Backen hatte . Doch ehe noch ein Vierteljahr um war , konnte jeder sehen , daß es krank war , denn mit eins wurd es blaß , und seine Wimpern schlossen sich , und das Atmen wurd ihm schwer . Und wenn dann der Anfall vorüber war , schlief es ein und nahm keine Nahrung und schlief viele Stunden lang , als wär es tot . Und dann kniete Hilde vor der Wiege nieder und seufzte leise : » Armes Kind « , und küßte es , erst still und dann leidenschaftlich ; ach ! sie durft es , ohne Furcht und Sorge , es aus dem Schlafe zu wecken . Das müde Kind schlief eben weiter . Und zuletzt kam Grissel , die , seit das Kind da war , wieder zu Hilde hielt , und schickte die junge Frau hinaus , in Feld oder Garten , » daß sie doch mal was anderes säh als das arme kranke Wurm « , und setzte sich selbst heran , auf einen Schemel oder eine Fußbank , und sang ihr » Buküken von Halberstadt « mit solcher Gewalt über die Wiege hin , daß es immer war , als ob sie dem Kinde was von ihrer eigenen Lebenskraft einsingen wollte .