dachte sie . Alfons Diruf saß an seinem Schreibtisch , als sie eintrat . Er schrieb noch eine Zeile , dann richtete er den Blick starr auf sie . Es war etwas in diesem Blick , was ihr das Blut aus den Wangen trieb . Unwillkürlich schaute sie an sich herab und spürte ihre Haut . » Sie haben mich rufen lassen , « sagte sie . » Ja , ich habe Sie rufen lassen , « sagte Herr Diruf und machte einen müden Versuch , zu lächeln . Es entstand wieder eine Pause . Beunruhigt blickte Lenore von einem Gegenstand zum andern , bald auf die badende Nymphe an der Wand , bald auf die Vorhänge aus Damast , bald auf den chinesischen Lampenschirm . » Nun , Schätzchen , « sagte Herr Diruf , und aus dem Lächeln wurde eine Art von Krampf ; » wir sind nicht übel ; beim Bart des Propheten ; wir haben alles an der rechten Stelle . He ? « Lenore warf den Kopf auf . Sie glaubte nicht gut gehört zu haben . » Sie haben mich rufen lassen , « wiederholte sie mit lauter Stimme . Diruf legte die flache Hand auf den Bord des Schreibtischs . Der Solitär schleuderte Funken . » Ich kann euch alle zertrümmern , « sagte er und schob die Hand ein wenig nach vorwärts , gegen Lenore hin . » Das Bürschchen da draußen , Ihr Bruder , ist ein heimlicher Filou . Ich kann ihn über sich selber purzeln lassen , wenn ich will . « Er schob die fette Hand abermals ein Stück vorwärts , als wäre sie eine gefährliche Maschine und der Solitär eine zur Warnung daran befestigte Laterne . » Ich kann euch alle tanzen lassen , sobald es mir beliebt . He , Schätzchen ? Capito ? Comprenez-vous ? « Mit einem namenlosen Erstaunen blickte Lenore in Alfons Dirufs Pflaumenaugen . Da erhob sich Diruf , trat an ihre Seite und legte den Arm um ihre Schultern . » Ist jener ein genäschiger Kater , den man vom Weg locken kann , so sei du eine schnurrende Miezekatz , « sagte er mit einer gräßlichen Zärtlichkeit in der Stimme und hielt zugleich Lenore so fest , daß sie sich minutenlang nicht rühren konnte . » Ruhig , Schätzchen ! Ruhig , mein kleiner Busen ! Ruhig , du Satan ! « Aber da rieselte ihr der heiße und kalte Schauder bis ins Mark ; die Berührung wirkte auf sie wie etwas Ungeheures , in schwersten Träumen nie so schrecklich Geahntes ; ein Ruck , als gelte es alles , Leib und Leben , und sie war frei . Mit einem Gesicht , das weiß flammte , stand sie da und lächelte dennoch ; ein seltsames Lächeln war es , ganz außerhalb der Grenzen dessen , was sonst so genannt wird , und Alfons Diruf war plötzlich nicht mehr fett und finster , sondern er war wie ausgeblasen , zunichte geworden und stierte dumm vor sich hin , als er sich allein fand . Lenore eilte durch die Gassen , und auf einmal fand sie , daß sie in der langen Zeile ging . Dorthin hatte sie aber nicht gehen wollen , und sie kehrte wieder um . Da gewahrte Benda , der eben zu Daniel wollte , die hastig Schreitende , erkannte sie im Schein einer Gaslampe , blieb stehen , als sie an ihm vorüberging und schaute ihr betroffen nach . Zu Hause angelangt , sank sie in der Wohnstube erschöpft aufs Sofa . Um sich vor der Erinnerung an die vergangene Stunde zu retten , flüchtete sie in ihre Sehnsucht , die Sehnsucht nach dem südlichen Land . Sie sehnte sich mit solchem Schmerz und solcher Lust , daß ihr Antlitz wie im Fieber glänzte . Aber die gläserne Kugel hatte einen Sprung bekommen . Als es kurz vor acht Uhr läutete , sagte sie zu Gertrud : » Wenn es Daniel ist , schick ihn fort , ich kann heut niemand sehen . « » Bist du krank ? « fragte Gertrud eigentümlich streng . » Ich weiß es nicht , ich will niemand sehen , « sagte Lenore und lächelte wieder wie im Zimmer Dirufs . Es war wirklich Daniel . Benda hatte ihm gesagt , daß et Lenore gesehen habe , unten vor dem Haus , und als er erfuhr , daß sie nicht bei Daniel gewesen , nahm seine Besorgnis zu . » Da ist etwas nicht in Ordnung , « meinte er , » du mußt zu ihr gehen . « Und nachdem sie noch eine Weile geplaudert hatten , begleitete er Daniel bis zum Egydienplatz , um sicher zu sein , daß er sich nach Lenore erkundigen würde . Gertrud öffnete die Gittertür . » Lenore will nicht , daß Sie hineinkommen , « sagte sie mit einem Schimmer von Freude in den Augen . » Warum nicht ? Was ist geschehen ? « » Sie will es nicht , « sagte die Einsilbige und blickte in das Licht des Flurlämpchens . » Ist sie krank ? « » Nein ! « » Dann soll sie mir selber sagen , daß sie ' s nicht will . « » Gehn Sie ! « befahl Gertrud und warf den Kopf zurück . Ihr düsteres Auge verfing sich in seinem Blick , und sie standen einander gegenüber wie zwei Wettläufer , die von verschiedenen Seiten an dasselbe Ziel kommen . Dann drehte sich Daniel schweigend um und ging die Stiege hinunter . Gertrud blieb noch eine Weile stehen , und ihr Kopf sank immer tiefer auf die Brust . Plötzlich schlug sie die Hände vors Gesicht , und durch ihren Körper lief ein Erbeben . 17 Bevor Lenore schlafen ging , schrieb sie einen Brief an den Bureauchef Zittel , worin sie ihren sofortigen Austritt aus dem Dienst der Prudentia anmeldete . Im Bette liegend , konnte sie keinen Schlummer finden . Sie