Mitte , rechts Tulla , links die junge Dame , die Kirschenaugen hatte und einen kleinen , schwellenden Mund . Sehr , sehr nachdenklich sah Raspe alle diese Gesichter an . Die schöne Frau anlangend , so taxierte er : die Mutter . Und zuletzt sah er nur noch die dreifache Abbildung der jungen Tulla . Ihm war , als hätte sie wohl an ihn gedacht und wollte es ihn erkennen lassen durch die tiefen , bedeutungsvollen Blicke . Auch hatte sie es sich genau ausrechnen können , daß die Bilder noch kurz vor Ende seines Urlaubs ankämen . Während er so das Blatt in der Hand hielt , las seine Mutter vor : » Liebe innigverehrte , gnädige Frau ! Hoffentlich haben Sie meinen kleinen Blumengruß am 24. richtig bekommen . Thea Daister versprach mir , Orchideen zu besorgen . Wüßte ich doch , welches Ihre Lieblingsblumen sind , dann hätte ich sie gewählt . Sie haben ganz gewiß schöne , stimmungsvolle Feststunden verlebt mit Ihren Herren Söhnen . Von unserer Weihnachtsfeier kann ich das eigentlich nicht sagen . Wir trinken sonst immer den Tee nachmittags in der Halle unten , wo es ja sehr unterhaltend ist . Heiligabend nahmen wir ihn in Mamas kleinem Salon , und Mama beschenkte uns . Wir waren aber nicht allein : der Baron Legaire ist hier und Frau von Samelsohn mit Fiffi . Ich habe ein reizendes Halsband bekommen aus kleinen Perlen , dünnen Ketten und Saphiren , das ich natürlich erst nächsten Winter tragen kann . Später nahmen wir , wie immer , das Diner im großen Speisesaal . Da brannten in allen vier Ecken große Tannenbäume , das Orchester spielte Weihnachtslieder , die Tische waren mit Mistelzweigen geschmückt , und die Toiletten fabelhafter noch als sonst . Die anderen waren sehr vergnügt . Ich mußte aber doch oft an den armen Papa denken . Es ist hier sehr schön . Wir machen viel Sport , auch Mama , die immer für Viktors und meine Schwester gehalten wird oder höchstens mal für unsere Schwägerin . Man kommt eigentlich kaum zur Besinnung . Erstens sind wir ja sowieso schon zu sechsen , und dann sind riesig viel Bekannte hier . Es ist Mama gerade recht ; denn sie sagte , bekümmert dazusitzen und sich in Einsamkeit Gedanken zu machen , wie alles gewesen ist oder noch hätte werden können , das hätte keinen Zweck . Mama hat sich mit Frau von Samelsohn wieder ganz ausgesöhnt . Sie sagt , wo Herr von Samelsohn doch ihr Bankier ist und auch die Buschbeckschen Werke mitzuberaten hat , sei es klüger . Deshalb muß ich mich auch mit Fiffi vertragen . Ich glaube aber , nicht bloß deshalb . Denn Mama will wohl gern , daß es was mit Fiffi und Viktor wird . Er macht ihr auf Tod und Leben den Hof . Aber Fiffi lacht ihn vor der Hand noch aus . Sie sagt : » Dein Bruder soll sich man keine Schwachheiten einbilden ; erstmal will ich noch zwei Jahre die edle Männerwelt studieren , und dann wollen wir mal sehen , wem wir huldvollst die Hand reichen . Unter neun Zacken für mich und zwölf Ahnen für meine künftigen zwei Gören tu ich ' s nicht ; das kann ich für meine drei Millionen verlangen . « Frech , nicht ? Und dann sagte Fiffi : wenn mein Papa auch noch lebte , und wir Exzellenz geworden und erblich geadelt worden wären ! das sei ihr doch nicht genug . Sie will mal bei Hof eine Rolle spielen , und sie sagt : Minister und Exzellenz an sich , das imponiere der alten Hofgesellschaft nicht , man müßte einen historischen Namen haben . Und das mit der Kunstkritik und dem Novellenschreiben hat Fiffi fallen lassen . Sie sagt : Mäzenin und Künstler protegieren , das sei noch interessanter . Ach , verzeihen Sie , liebe , gnädige Frau , daß ich so viel von Fiffi schreibe . Sie hat kein Herz . Aber das von Viktor wird wohl auch nicht brechen , wenn sie ihn abfallen läßt . Den Baron Legaire hasse ich . Mama und Frau von Samelsohn sind immer neu entzückt von ihm , was ich nicht begreifen kann . Wenn ich seine schwarzen Haare sehe , muß ich an einen Friseur denken , und bei seinen Augen an Likör , trotzdem er natürlich keine Karikatur ist , sondern bester Geschmack . Leider bleibt er noch unabsehbare Zeit bei uns und will offenbar auch nachher mit nach Nizza . Viktors Urlaub ist in acht Tagen zu Ende . Ende Januar reist Fiffi zu Verwandten nach Paris , worauf sie sich rasend freut . Sie sagt , da allein ist Kultur und da allein kann man als anständiger Mensch sich kleiden und essen . Wenn Fiffi und Viktor fort sind , bin ich ein recht überflüssiges Anhängsel der Reisegesellschaft . Mama sagt schon : » Was fangen wir mit Tulla an ? « Ich hindere ja wohl auch Mama und Frau von Samelsohn , sich ungeniert zu unterhalten , was ganz natürlich ist , denn Mütter haben was anders zu sprechen als Töchter . Sie wollen zusammen nach Nizza und sind froh , daß der Baron Legaire mit will , weil es ohne Kavalier dort schwierig sein soll . Am liebsten bäte ich Mama , daß sie mich dann bei Ihnen malen läßt ( wenn Sie überhaupt ein so unbedeutendes Wesen wie mich malen mögen ) , und wenn Sie dann noch in Hamburg sind , könnte ich ja ebenfalls in der Pension » Hammonia « wohnen und unter Ihrem Schutze stehen . Aber ich mag Mama nicht eher bitten , als bis ich weiß , ob es Ihnen so recht ist . Bitte , liebe , gnädige Frau , schreiben Sie mir , ob Sie es , um Papas willen , wollen . Geht es nicht , muß ich eben mit nach Nizza fahren , wo es ja freilich